Oh Bella Ciao

by Catharina   catharinapfeffer@hotmail.com

 

Es war der 16.07.03;
Jimmy Kelly schlief schlecht in dieser Nacht. Es gingen ihm sehr viele Gedanken durch den Kopf. Angefangen mit seiner Karriere, seiner Geschwister, seinem eigenem Leben. Konnte er damit zufrieden sein ? Hatte er das erreicht was er wollte? Er war 32 Jahre alt, zu alt um sich noch als wirklich jungen Mann zu bezeichnen, zu jung um schon älter oder alt zu sein.

In der gleichen Nacht 1000 km von dem Ort des Mannes entfernt, machte sich eine junge Frau dieselben Gedanken. Sie war 25 Jahre alt, hatte gerade ihr Studium der sozialen Arbeit abgeschlossen. Sie stand wieder mal an einem Abschluß um einen Neubeginn anzufangen. Wo sollte sie dieser hinführen ? Was würde die Zukunft bringen. Sie hatte mit der Zeit gelernt ihre Ideale zu begraben, andererseits auch unverkrampfter mit den Begebenheiten der Welt klarzukommen. Ihre Träume hatte sie allerdings immer noch. Ganz abgesehen von den Träumen die jeder Mensch braucht um zu überleben. So träumte sie wenn sie sich einsam fühlte, von einem für sie längst vergangenen Star. Sie stellte sich vor wie es wäre mit ihm zu reden, zu diskutieren, ihn zu berühren und letztendlich auch mit ihm ins Bett zu gehen. Sie hörte ab und zu noch die Musik der Gruppe, vermied es aber gänzlich sich irgendwelche Informationen über diese zu beschaffen. Es war für sie eigentlich eine abgeschlossene pubertäre Erscheinung bei der man sich noch gerne die Musik anhörte.
Um wieder einschlafen zu können, dachte sie an jenen Star, und was sie ihm alles sagen würde. Sie konnte aber auch mit diesen Gedanken nicht schlafen, und so beschloß sie diese in Form eines Briefes zu verfassen.

1000 km entfernt erhob sich Jimmy um einen Schluck zu trinken und vielleicht auch etwas zu lesen, da er ja sowieso nicht mehr schlafen könne. Auf der Suche nach einem für seine Stimmung entsprechendes Buch fiel ihm eine alte CD in die Hand mit dem Lied Bella Ciao; einem alten Arbeiterlied aus Italien. Er legte es in den CD Player und lauschte dem Lied. Eine Gitarre und ein Akkordion waren zu erkennen, er erinnerte sich an einfache Konzerte ohne viel Aufwand, er erinnerte sich an verschiede Länder und Erlebnisse die er mit diesem Lied verband. Die letzten Worte waren "morto per la liberta !" (zu deutsch "der für die Freiheit aller starb")

Lieber Jimmy,
in einer schlaflosen Nacht, in der ich mal wieder viel zu sehr an Dich und Deine Familie denke, obwohl ich Euch persönlich kein bißchen kenne, und aus diesem Alter schon längst raus sein sollte, muß ich Dir einfach mal meine Gedanken mitteilen. Unbesonnen und frei heraus , da ich weiß, dass Dich diese Zeilen nie erreichen werden. Mit 15 Jahren, also 1993 hab ich Euch zum ersten Mal gesehen und kennengelernt. Allerdings nie persönlich. Damals war ich hin und weg , weniger von Eurer Musik als vor der ach so heiligen Großfamilie. Dies war noch in einer Zeit als Euch die Medien dieses Klischee (noch) nicht aufdrängten, und doch kam es bei Eurem Publikum so an. Eure Musik gefiel mir , nach und nach mit jeder Eurer Entwicklungsstufen immer besser. Gerade Deine Lieder taten mir es an. Die Sehnsucht nach absoluter Freiheit , einfach seinen Weg zu gehen verstärktest Du. Und für mich lebtet ihr die verkörperte Freiheit. Ihr wart es die ein altes Kinderspiel darstellten. Wir gehen nie in eine Schule, sprechen aber viele Sprachen. Wir haben immer jemanden zum spielen und müssen uns nie langweilen. Wir nehmen uns Instrumente die wir wie von selbst beherrschen, und spielen einfach auf der Straße. Wir ziehen dorthin wo es uns gefällt. Welcher Mensch hätte sich danach nicht mal gesehnt. Dass das Leben auf der Straße hart ist und nicht jeder für sich entscheiden kann, wohin es geht, sondern eine große Einigkeit oder Autorität herrschen muß, diese Dinge sah man natürlich nicht, sah man Euch so spielen. Ich stand am Anfang auf John. Der "Romantiker", der auch mein Herz höher schlagen ließ, und der einzige der 93 nicht mehr grün hinter den Ohren wirkte. Vielleicht anmaßend von einer damals 15-jährigen.
Dann entdeckten mehr die Liebe zu Euch, die Hallen fühlten sich, aber man erfuhr auch mehr über Euch. Bravo sei Dank! Und Eure Musik gefiel mir langsam immer besser. Ja, und dann fing ich an Euch in mein Phantasieleben stark einzubauen, und ihr wart in meinen Gedanken immer um mich herum. Das alles mal weniger und dann wieder mehr stark.
Ab 1997 kam eine Zeit wo ihr mir nicht gefallen habt. Barby sah so aus als würde sie von Medikamenten vollgepumpt werden, Du fehltest ganz keiner wußte was los war, und Eure Show war irgendwie verblaßt und durchgekaut. Ich beschloß mit 19 Jahren ja auch alt genug zu sein, um mich von einem klassischen Fan Dasein endlich mal zu lösen. Ganz gelang es mir nie. Damit mein ich nicht , dass ich auch heute noch z.B. Eure CD "La Patata" richtig klasse finde, sondern das ich Dich manchmal immer noch wie ein junges Mädchen verehre. Deine Songs, Deine Art, Dein philosophisches und vielleicht politisches Bewußtsein...
Obwohl ich an dieser Stelle auch eine Kritik loswerden möchte. Ich war auf dem Konzert im München Ende Dezember letzten Jahres. Du fragtest das Publikum während "So many troubles" ob man sie gefragt hätte, ob sie einen Irak Krieg wollen. Die Menge jubelte und klatschte! Ich finde es sehr platt sich gerade als Künstler mit einer großen beeinflussenden Wirksamkeit hinzustellen, und derartiges herum zu schreien. Denn die Konsequenz auf diese Frage wäre gewesen zu kritisieren, dass die Bevölkerung keine Volksabstimmung darüber halten kann, ob es Krieg gibt oder nicht. Die Leute meinten aber wie cool Du doch den bevorstehenden Krieg kritisiert hast. Doch was wolltest Du? Stimmungen einzufangen, ohne klar zu sagen was man kritisiert, habe ich schon immer für sehr gefährlich gehalten. Gerade wenn man auf die Menge die da ist, einen so großen Einfluß ausübt. Versteh mich bitte nicht falsch, ich war auch immer gegen diesen Krieg und fand gerade Paddys Engagement klasse, aber mich störte, in diesem Fall dieses bedingungslose Zujubeln der Masse auf eine unklare Aussage. Wenn die Massen erst mal jubeln ohne zu denken...
Nun zum Thema zurück. Ich verehre Dich (trotz mancher Kritik), Deine Songs, Deine Art. Doch wo hört die Verehrung auf und fängt die Abhängigkeit an? Ist es nicht schon beinahe krank einen völlig fremden Menschen so zu verehren. Ich denke oft mir geht in meinem Leben etwas ab, weil ich es anscheinend nötig habe, mich immer noch an eine Traumfigur zu klammern. Das stimmt aber so nicht. Welches Leben ist schon perfekt, aber nachdem ich endlich meinen Weg, meine Freiheit leben konnte, war ich selten unzufrieden. Mein Leben ist gefüllt von guten Freunden (ehrlich keine leere Floskel), die immer für mich da sind. Von vielen Bekannten, von einem hoffentlich interessanten Job, das Studium war es jedenfalls, von Aufenthalten im Ausland. Von einer Beziehung die mittlerweile ihren 7. Geburtstag feiert. Und doch sehne ich mich in manchen Augenblicken nach der Person die Du für mich verkörperst. Ich würde Dich so gerne mal treffen, in der Hoffnung von Dir persönlich desillusioniert zu werden, so das diese Sehnsucht aufhören.
Andererseits träumt nicht jeder von unerfüllten Situationen, von interessanten Menschen mit denen er gerne mal reden würde. Und müßte ich mein Leben nicht mal wieder selbstkritischer überprüfen, auch wenn es mir scheint das es ein erfolgreiches und zufriedenes Leben ist. Vielleicht heißt das fehlende Wort Glück warum ich ausgerechnet Dir heute dies schreibe. Wenn ich nun die dazukommenden sexuellen Phantasien mit Dir (ganz locker) unter erotischer Vorstellungskraft mit einem Unbekannten verbuche, dann geht es doch eigentlich und ich kann mich wieder als "normal" (was ist normal?!) denkender Mensch bezeichnen. Und so lebe ich gut , spar mir die Selbstkritik für morgen und sag einfach auch mal DANKE!! An den unbekannten Zuhörer, aber auch DANKE an das was Eure Musik für andere Menschen wunderbares geben kann!

DANKE! Wer sagte da gerade Danke? Jimmy erwachte, er war wohl am Tisch eingeschlafen und hatte geträumt. Er hatte davon geträumt verehrt zu werden als interessante ja gerade zu unwiderstehliche Persönlichkeit. Was er ja eigentlich schon wußte.(grins) Der Traum war sehr verschwommen aber er hinterließ immerhin einen schönen Nachgeschmack!

Es begann zu dämmern, und die Frau stellte das Lied Bella Ciao ab. Es erinnerte sie an alte Zeiten, an durchgesungene Nächte und hart arbeitende Tage als sie eine gewisse Form des Sozialismus formulierte um die Welt zu verbessern. Sie mußte jetzt zum Bahnhof aufbrechen um ihren Freund abzuholen. Als sie dort stand und auf den Zug wartete sah sie im ersten Sonnenlicht noch mal Jimmys Gesicht, und dachte an die durchgemachte Nacht und an die vielen Gedanken, die sie nicht schlafen ließen. Aber im Sonnenlicht sieht doch so vieles schon wieder ganz anders aus. Dann kam der Zug eingefahren. Sie erkannte in der Menge ein liebes vertrautes Gesicht, das Gesicht ihres Freundes mit dem sie viele Höhen und Tiefen durchgemacht hatte. Guter alter Philip. .Sie war einfach nur glücklich ihn zu sehen und dachte sich :"Ich weiß was ich an Dir hab."

1000 km entfernt blickte kein junger aber auch kein alter Mann in die ersten Sonnenstrahlen. Der Tag würde gut werden, trotz der fast schlaflosen Nacht. Irgendwo ertönte das Lied Bella Ciao...Hatte er es heute nacht nicht schon mal gehört?

Und am Bahnhof 1000 km entfernt stand ein alter Mann der ein Akkordion hatte und anfing zu singen "Una mattina mi sono alzato"...(zu deutsch. "An einem Morgen in aller Frühe...")

O BELLA CIAO!!!


Über Kritik bzw. einem Feedback würde ich mich sehr freuen. Ich hoffe es ist nicht zu "Tagebuchmäßig" und daher langweilig für andere, aber diese Gedanken gingen mir in dieser Nacht wirklich durch den Kopf, und vielleicht sind sie ja den einem oder anderen nicht zu fremd.


© Catharina (Danke schön!)


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Last update: 15/11/2003

(Online since: 15/11/2003)

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