1975 - Spanien:
Das Jahr neigte sich dem Ende zu. Es war ein frohes Jahr gewesen, die Kelly-Kinder hatten viel Spaß gehabt, und im Frühjahr war ein neues Geschwisterchen zur Welt gekommen, Barbara Ann, nach ihrer Mutter genannt. Es war ein süßes Baby und alle hatten ihre helle Freude daran.
Es war einen Tag vor Heilig Abend und im Haus herrschte Festtagsstimmung. Mutter Barbara stand schon den ganzen Tag in der Küche, und bereitete das Essen für den nächsten Tag zu.
Kathleen, mit ihren 12 Jahren eine der Ältesten, hatte die Aufgabe zugeteilt bekommen, auf das Kleinste, von allen liebevoll Barby genannt, aufzupassen. Sie tat es gern, denn Barby war ein liebes Baby. So auch an diesem Tag. Sie schlummerte tief und fest in ihrer Wiege, so dass Kathy, neben ihr sitzend, einige Handarbeiten erledigen konnte. Kathleen musste oft im Haushalt helfen, denn ihre Mutter hatte alle Hände voll zu tun, schließlich war es nicht leicht, eine solche Meute, wie ihre Familie war, zu versorgen.
Dann waren da noch Johnny und Patricia, 8 und 6 Jahre alt. Sie waren mit ihrem Vater, Daniel Jerome Kelly, in den nahegelegenen Wald gegangen, um nach einem passenden Tannenbaum zu suchen. Er sollte groß sein, damit er bis an die Decke ging, das war der Wunsch aller Kinder gewesen. So stapften sie alle hintereinander den Weg entlang, bis sie ein schönes Exemplar gefunden hatten. Mit kräftigen Händen packten die beiden Kinder den Baum und halfen ihrem Vater ihn nach Hause zu tragen.
Jimmy, 4 Jahre, und Joey, 3 Jahre, waren die schlimmsten Racker, die man sich überhaupt vorstellen konnte. Sie hingen ewig zusammen, was nicht nur an ihrem geringen Altersunterschied lag. Beide hatten nur Mist im Kopf und stellen immer wieder neue verrückte Ding an. Den Älteren schien es fast schon so, als würden sie untereinander einen Wettbewerb austragen, wer von beiden am frechsten war. So auch heute wieder. Andauernd kamen sie in die große Stube hinein gerannt, liefen einmal im großen Bogen um ihre Schwester Kathy herum, stupsten sie von der Seite an, und verschwanden wieder.
Als Vater Dan mit seinen Kindern, Johnny und Patricia, aus dem Wald zurückkam, im Schlepptau einen wunderbar duftenden Tannenbaum, war die Freude bei allen groß. Sogar Mutter Barbara kam aus der Küche, um das Prachtstück zu bewundern.
Gemeinsam suchten sie einen Platz für den Weihnachtsbaum in der Ecke neben dem Kamin aus. Und als es darum ging, den Baum festlich zu schmücken, konnten sogar die beiden Frechdachse, Jimmy und Joey, ihre Streiche für einige Zeit vergessen. Es war halt immer wieder auf's neue schön, wenn Weihnachten nahte, das Haus nach Plätzchen duftete, überall Weihnachtsschmuck zu finden war, und man wusste, dass das Christkind bald kommen würde.
Spätestens, als der Baum in hellem Lichterglanz erstrahlte und alle davor standen und ihn bewunderten, machte sich Aufregung und freudiges Erwarten in den Kinderherzen breit. Sie waren alle so gespannt, was das Christkind denn ihnen unter den Tannenbaum legen würde.
Plötzlich jedoch verfinsterte sich das Gesicht von Klein-Jimmy, und zum Erstaunen aller anderen, brach er auch noch in Tränen aus, rannte zu seiner Mutter und vergrub sein Gesicht in deren Rock. Keiner konnte verstehen, was der Kleine auf einmal hatte, denn was konnte die Welt schon trüben, wenn morgen Weihnachten war, und im Zimmer der größte und schönste Baum der ganzen Gegend stand?
Nach einigem guten Zureden, erzählte Jimmy den anderen, was ihm denn die gute Laune verdorben hatte. Es war eher ein tränenersticktes Stammeln, das aus seinem Munde kam. Er habe eben aus dem Fenster geschaut, und bemerkt, dass ja überhaupt kein Schnee draußen auf dem Boden lag. Bei ihm gehörte Schnee einfach zu Weihnachten dazu, und deshalb war er so enttäuscht gewesen.
Auch die anderen erkannten diese Tatsache schnell und wirkten nun ebenso traurig wie ihr kleiner, sonst so quirliger Bruder. Was war denn das für ein Weihnachten? Ohne Schnee... Da machte doch alles nur halb so viel Spaß! ... Man konnte keinen Schneemann bauen, seine Geschwister nicht mit Schneebällen bewerfen, und die gemeinsamen Wanderungen durch die schneebedeckten Wälder würden wohl ausfallen müssen.
Doch Papa Dan war zuversichtlich. Mit ruhiger Stimme machte er seinen Kindern einen Vorschlag. Wenn sie vor dem Zubettgehen allesamt vor das Haus gehen würden, um gemeinsam ein paar Weihnachtslieder zu singen, täte ihnen der liebe Gott sicherlich die Freude, und würde es über Nacht schneien lassen. Natürlich waren alle Kinder hellauf begeistert und die Kleineren konnten es kaum abwarten endlich ins Bett gebracht zu werden.
So gesellte sich also die ganze Familie, samt Baby Barby auf dem Arm ihrer Mutter, bei Dämmerung vor das Haus, stellte sich in einen Halbkreis und begann zu singen. Begleitet wurden sie auf der Gitarre von der Kleinen Patricia, die hinter dem großen Ding ganz unterzugehen schien. Hell erklang Johnny's glockenklare Stimme mit "Who'll come with me", und beim Refrain stimmten alle mit ein.
Sogar die Nachbarn wurden aus ihren Häusern gelockt. Sie gesellten sich zu der kleinen Gruppe, die mit der Zeit immer größer wurde. Mit ihrem schönen Gesang erfreuten die Kelly-Kinder die Herzen anderer und machten sie glücklich. Sie vergassen sogar den wahren Grund, warum sie vor dem hell erleuchteten Haus standen und Weihnachtslieder, wie "Jingle Bells, "The First Noel", "Angels we have heard on high" und "Silent Night" sangen. Ihre Gesichter strahlten vor Freude, denn ihre ganze Liebe galt dem musizieren.
Nachdem die "White Christmas" gesungen hatten, meinte Papa Dan, das es nun Zeit sei, wieder in die warme Stube zu gehen. Der Gesang hätte bestimmt seinen Zweck erfüllt, und "White Christmas" sei das beste Lied, um aufzuhören, denn das war es ja, was sie sich wünschten: eine weiße Weihnacht!
Am nächsten Morgen, kaum hatten die Kindern eins nach dem anderen ihre Augen geöffnet, stürmten sie erwartungsvoll zum Fenster, um hinaus zu schauen. Und es hatte sich gelohnt, ihr Wunsch war in Erfüllung gegangen. Es hatte über Nacht geschneit! Draußen erstrahlten Wege und Dächer in weißem Glanz. Noch unangerührt lag die dicke Schneeschicht vor ihren Fenstern und brachte ein Lächeln auf ihre Gesichter. Sie waren glücklich!
Und vielleicht war es deshalb bei den Kelly's zur Tradition geworden, an Weihnachten auf die Straßen zu gehen, und zu singen...