Ein heftiger Windstoß riss an der Kleidung des jungen Mannes und erschwerte ihm das Laufen. Er wusste schon gar nicht mehr wohin mit seinen Händen, so kalt war es. Genau das richtige Wetter um sich zu Hause mit einem warmen Getränk aufzuwärmen. Kein Wunder, dass kaum noch jemand auf der Straße war. Die meisten Weihnachtseinkäufe waren sicherlich eh schon erledigt, und auch der Weihnachtsmarkt hatte seinen letzten Tag. Lediglich vereinzelte Stände waren noch vorhanden, allerdings auch bereits in der Abbauphase. Ansonsten wirkte die - sonst so überfüllte - Stadt wie leer gefegt.
Trotz alledem setzte der Mann seinen Gang fort, beharrlich gegen den Wind ankämpfend. Er hatte ein klares Ziel, und da würde ihn so ein bisschen Kälte und Sturm garantiert nicht zurückschrecken. Schließlich hatte er einiges dafür gegeben, nun hier zu sein...
Sein Blick fiel auf die mächtige Tanne in der Mitte des Roncalli-Platzes, hinter der sich hoch und grau der Kölner Dom in die Höhe streckte. Viele kleine Lichter erstrahlten zwischen den Zweigen, und ließen deutlich erkennen, wie mitgenommen der Baum - nach so vielen Wochen seines Dienstes zu Recht - war. Über alledem zierte ein heller Stern die Tannenspitze, und versuchte seinen Betrachtern mitzuteilen wofür das Fest der Feste stand. Allerdings wurde dies über den ganzen Trubel, der drum herum herrschte, leider viel zu oft vergessen.
Aber darüber wollte er jetzt gar nicht nachdenken. Eigentlich wollte er überhaupt nicht denken. All seine Gedanken für einen Moment vergessen. Je mehr er sich allerdings darauf konzentrierte an nichts zu denken, bewirkte er das Gegenteil. Ruckartig wandte er sich ab und senkte den Blick. Nein, er würde jetzt ganz konsequent weiter gehen. Nicht, dass er es sich noch anders überlegen würde. Früher war er gern hier gewesen und hatte sich jedes Mal mit Herzklopfen dem imposanten Gebäude genähert. Doch nun war alles anders...
Noch bevor er um die Ecke bog, vernahm er den Klang der Flöte. Trotz des Windes, der immer noch um seine Ohren pfiff, konnte er die Melodie ganz deutlich erkennen. Ehe er sich versah, und ohne dass er etwas dagegen hätte unternehmen könne, summte er mit: "Oh holy night, the stars are brightly shining..." Erinnerungen übermannten ihn wie eine riesige Welle, die ohne Vorwarnung aus dem Nichts auf ihn zu gerollt kam, und ihm keine Möglichkeit der Flucht gab. Seine Gefühle, die eh schon verrückt gespielt hatten, befanden sich nun in einem regelrechten Gefühlschaos. Unfähig auch nur einen Schritt weiterzugehen, blieb er stehen.
Er merkte nicht mehr, wie seine Finger immer röter wurden, und dass seine Füße steif vor Kälte waren. Erst nach Minuten der Stille taute er langsam wieder auf. Eigentlich war ihm absolut nicht mehr danach um die Ecke zu biegen und in den Dom zu gehen, aber es musste sein. Schließlich war er nur deswegen nach Köln gekommen. Er atmete tief durch und straffte die Schultern. Alles tat ihm weh, und die Aussicht sich im Innern der Kirche aufwärmen zu können, trieben ihn voran.
Erst auf den zweiten Blick entdeckte er die menschliche Statur, die ganz in der Nähe des Eingangs auf dem Platz vor dem Dom stand. Und der dritte Blick ließ ihm fast das Herz stehen bleiben. Er sah die Erscheinung seines Vaters im Dämmerlicht. Das konnte nicht sein! Sein Vater war doch tot! Um besser sehen zu können kniff er die Augen zusammen. Sein Herz klopfte wild von innen gegen seine Brust, und er brauchte eine Weile, um zu erkennen, dass sich die Gestalt an einem Musikinstrument zu Schaffen machte. Einem alten, wenig bekannten... Und zur selben Zeit wurde ihm bewusst, wen er für seinen Vater gehalten hatte. Die Ähnlichkeit war wirklich erschreckend, lediglich die Haare und der Bart waren kürzer.
Sein Gegenüber war ganz in seinem Tun vertieft, so dass er ihn noch nicht entdeckt hatte. Obwohl, oder gerade weil er so aufgewühlt war, machte der junge Mann einige Schritte zurück und versuchte sich im Schatten zu verstecken. Er konnte jetzt nicht weggehen, den Musiker ansprechen aber noch weniger. Also drückte er sich in der Nische dicht an die Mauer.
Er traute seinen Augen nicht. Wie lange war es her, dass er seinen Bruder das letzte Mal gesehen hatte? Wie war es ihm die letzten Jahre ergangen? Und vor allem, was machte er einen Tag vor Heiligabend hier auf der Domplatte? Völlig in Gedanken versunken, nahm er das Spiel der Drehleier wie aus weiter Ferne wahr. Es hatte Ähnlichkeit mit einer Geige, und der Unterklang ähnelte einem Dudelsack.
Er konnte den Blick einfach nicht abwenden. Sein Bruder war mächtig gealtert in den Jahren. Der Bart, sowie die Haare wiesen bereits graue Stellen auf. Kein Wunder, dass er für einen Augenblick geglaubt hatte, seinen Vater zu sehen. In gewisser Weise war es ja auch so, rief er sich in den Sinn. In jedem Menschen lebt ein Teil der Eltern weiter. Sowohl innerlich, als auch äußerlich. Den eindeutigen Beweis dafür hatte er, wenn er nach vorn schaute.
Ohne es zu merken setzte er einen Fuß vor den anderen. "Paddy!?" Die Stimme klang erstaunt und freudig, aber allem voran vertraut. Ein warmes Gefühl breitete sich in seinem Magen aus, und er lächelte unwillkürlich, als er aufblickte. Er fand sich Auge in Auge mit seinem Bruder wieder. "Paul!", mehr brachte er nicht heraus. Sogleich umfingen ihn zwei kräftige Arme und drückten ihn herzlich. Die Wiedersehensfreude trieb ihm Tränen in die Augen. Trotzig versuchte er sie zurück zu halten, aber es gelang ihm nicht.
"Mensch Paddy, was machst du denn hier?", fragte Paul. Instinktiv versteifte Paddy sich. Sollte er seinem Bruder gestehen, dass er heimlich abgehauen war aus dem Kloster? Würde er verstehen, welches Gefühlschaos schon seit Wochen - ja wenn er ehrlich zu sich war, seit Monaten - in ihm tobte? Immerhin war es ja seine freie Entscheidung gewesen nach Frankreich zu gehen, und seine Familie hinter sich zu lassen.
"Ich war auf dem Weg in den Dom.", wich er aus. Und um vom eigentlichen Thema abzulenken, schob er direkt hinterher: "Und was machst du hier? Wieso bist du nicht in Irland?" - "Ach, das ist eine längere Geschichte.", gab Paul knapp zur Antwort und signalisierte Paddy damit, dass er sie - zumindest jetzt - nicht erzählen wollte. Der traurige Unterton in Paul's Stimme war Paddy nicht entgangen. Auch wenn er ebenfalls mehr als nur niedergeschlagen war, versetzte ihm diese Tatsache einen Stich ins Herz. Vielleicht ließ sich auch dadurch sein weiteres Verhalten leichter erklären.
Ohne zu Zögern hatte er "Ja!" gesagt, als Paul ihn gefragt hatte, ob er noch mitkommen wolle, damit sie sich ein wenig unterhalten können. Ja, weiter noch: Er hatte seinem Bruder bereitwillig geholfen dessen Sachen zusammen zu packen, und war nicht mehr in den Dom gegangen. Ehrlich gesagt hatte er noch nie solche Angst gehabt eine Kirche zu betreten, somit war ihm diese Ausflucht gerade recht gekommen.
Und nun saßen sie sich beide in Paul's Wohnmobil - seinem Heim als Straßenmusiker - gegenüber, vor sich eine dampfende Tasse Tee. Die Sitzgruppe bot nicht allzuviel Platz, aber es reichte. Und vor allem war es hier warm. Paul hatte direkt nach Betreten des engen Innenraumes die Gasheizung angeschmissen, und langsam tauten die Glieder der beiden wieder auf. So aber nicht der Mund. Klar, sie hatten auf dem Weg Smalltalk geführt, aber die ernsten Themen waren bewusst außer Acht gelassen worden.
"Möchtest du auch einen Schuß in deinen Tee?" Paul's Worte verwirrten Paddy. Irgendwie war er immer noch nicht ganz aufnahmefähig. "Einen Schuss?" - "Na, einen Schuss Whiskey, wie es sich für einen echten Iren gehört." Paul grinste breit. "Ah so!" Nun fiel bei Paddy der Groschen. "Klar!", antwortet er seinem Bruder und beobachtete ihn dabei, wie er eine Flasche irischen Whiskey aus einem Schrank nahm und ihnen beiden einen ordentlichen Schuss in den Tee kippte. Dass Alkohol als Genussmittel galt, und er diesen eigentlich überhaupt nicht trinken sollte, kam ihm nur am Rande in den Sinn, wurde aber schnell wieder verdrängt.
"So, und nun feiern wir unser Wiedersehen!" Paul hob sein Glas, und die beiden stießen an. "Sláinte!" Der irische Trinkspruch kam gleichzeitig aus beider Münder, und sie mussten unwillkürlich lachen. Oh, wie hatte Paddy das vermisst. Wie hatte er nur so lange ohne seine Familie aushalten können? Im Grunde hatte er sie die ganze Zeit vermisst, sich jedoch stets dazu aufgerufen, seine Gefühle zu verdrängen.
Vor etwas über einem Jahr war er ins Kloster gegangen, um dort ein neues Leben aufzubauen. Ein Leben, wo er sich voll und ganz auf Gott einlassen konnte. Ein Leben, welches ihn vor allem auch von seinen alten Zwängen befreien sollte. Darüber hinaus hatte er die neuen Zwänge, die sich ihm unabdingbar boten, versucht zu übersehen. Alles war ihm besser erschienen, als das Leben außerhalb der Klostermauern. Eingeengt durch seinen Job, verfolgt von seinen Fans. Er war krank geworden, ja im Grunde genommen nur noch ein psychisch krankes Wrack gewesen, welches funktionierte, aber nicht mehr bewusst lebte.
Jedoch hatte er schnell gemerkt, dass es einem zwar freigestellt war wegzulaufen, jedoch nicht zu vergessen. Er hatte das Vergessen lernen wollen, aber es war ihm nicht geglückt. Tagsüber war ihm dies zwar größtenteils gelungen, da er durch den Tagesablauf abgelenkt war. Aber kaum hatte er Abends in seinem Bett gelegen, hatten seine Gedanken eigene Wege eingeschlagen. Nacht für Nacht hatte er sich gequält einzuschlafen, und selbst in seine Träume waren sie ihm gefolgt - die Erinnerungen.
Klar, seine Familie war nicht ganz aus der Welt. Mehrmals hatte er mit seinen Geschwistern telefoniert, und ab und an konnte er sie auch besuchen. Aber es war einfach nicht mehr dasselbe. Sie waren gemeinsam aufgewachsen, hatten miteinander Musik gemacht, hatten jahrelang zusammen gewohnt. Er kannte es nicht anders. Deshalb fiel es ihm auch so schwer sich umzustellen. Er hatte gedacht, das lege sich mit der Zeit, aber im Grunde war es nur noch schlimmer geworden - zum eskalieren verurteilt.
Es war soweit gekommen, dass er seine Geschwister angelogen hatte, obwohl ihm nicht zugesagt war zu lügen. Ja, er hatte nicht nur seine Familie betrogen, sondern auch Gott. Schlechtes Gewissen quälte ihn seit dem Tag, jedoch stets vermengt mit ungeheurer Sehnsucht. Sehnsucht nach zu Hause. Sehnsucht nach seiner Familie.
Auch Paul war seinen Gedanken nachgehangen, aber nun hielt er es an der Zeit, an das Gespräch vom Anfang ihres Treffens anzuknüpfen. "Seit wann bist du wieder in Köln, Paddy?", fragte er interessiert, doch die Antwort fiel wenig befriedigend aus. "Seit heute.", entgegnete der Angesprochene knapp, und es schien nicht, als ob er dies weiter ausdehnen wolle. Irgendetwas bedrückte seinen Bruder, das spürte Paul genau, aber zwingen zu reden konnte er ihn auch nicht.
"Aber nun erzähl doch mal.", forderte Paddy im Gegenzug ihn mit gespielt munterer Stimme auf. "Wie kommt's, dass du dich hier ganz allein in Köln rumtreibst? Wieso bist du nicht zu Hause bei deiner Familie?" - "Ach, das ist mehr als blöd gelaufen.", ging Paul auf das Ablenkungsmanöver seines Bruders ein. Immerhin war es besser eine anderweitige Unterhaltung zu führen, als wenn er sich ganz vergraben würde.
"Du weißt ja bestimmt, dass ich zur Zeit mit unseren Geschwistern und dem Circus Roncalli unterwegs bin. Tja, und eigentlich wollte ich in der spielfreien Zeit tatsächlich zurück nach Irland, doch leider haben mir zuerst einige ungeplante Besprechungen und dann das Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sämtliche Fährverbindungen sind wegen des Sturms abgesagt worden." - "Aber hättest du nicht fliegen können?", mischte sich Paddy ein, und signalisierte Paul damit, dass er tatsächlich zuhörte und nicht seinen eigenen Problemen nachhing.
"Ja, das hätte ich natürlich auch gekonnt, auch wenn es mir einen totalen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Aber es war nicht mehr ein günstiger Flug zu bekommen, und die Fluglinien mit ihren Wucherpreisen zu unterstützen bin ich nicht gewillt. Da waren wir uns einig - meine Frau und ich. Auch wenn ich deshalb dieses Jahr Weihnachten nicht zu Hause sein würde. Dafür ist mir das wohlverdiente Geld zu schade."
"Mensch Paul.", Paddy legte seinem Bruder mitfühlend eine Hand auf die seine. Auch wenn dieser äußerlich stark und gelassen wirkte, so erkannte er doch deutlich seine innerliche Traurigkeit. "Was du da hinnimmst, ist echt enorm!" Ihm fehlten die Worte. Er wusste, wie hart dieser - im Gegensatz zu ihm - für sein Geld arbeiten musste, und wie schwer es ihm fiel gerade jetzt auf seine Familie zu verzichten. Schlechtes Gewissen zog in ihm auf. Sein Bruder erlebte genau das Gegenteil wie er gerade. Er hatte seine Familie angelogen, um sie nicht zu sehen, und Paul musste durch ganz ärgerliche Umstände auf seine verzichten.
"Meine Familie weiß es zu schätzen. Das ist alles was zählt!", drückte Paul das positive an der Sache aus, und erkannte nach diesen Worten sogar wieder ein leichtes Lächeln auf Paddy's Gesicht. "Soll ich dir von meinen Kids erzählen?", fragte er mit Hintergedanken, und Paddy sprang darauf an. "Ja, gern!" Somit verloren sich die beiden Männer in einem Gespräch über Paul's Familie und das Leben in Irland, so dass es trotz des anfänglichen Schermutes doch noch ein gemütlicher Abend wurde.
Am nächsten Morgen - Paddy hatte wie selbstverständlich bei seinem Bruder im Wohnmobil übernachtet - machten sie sich gemeinsam auf den Weg in die Innenstadt. Zum Glück hatte Paul sich diesmal einen anderen Platz für seine Straßenmusik ausgesucht, so dass Paddy dem Dom erstmal nicht zu nahe kam. Er versuchte immer noch - mit mäßigem Erfolg - seine eigenen Probleme zu verdrängen, und war ganz froh, dass sein Bruder so viel über sein Leben erzählt hatte, und das Gespräch somit erstmal nicht mehr auf ihn selbst gelenkt worden war.
Er beobachtete Paul dabei, wie er seinen kleinen Stand aufbaute und die Technik vorbereitete. Es war bewundernswert, dass er immer noch das Leben als Straßenmusikant führte, und wie eh und je mit Leidenschaft dabei war. Bei Wind und Wetter spielte er, und nahm es hin, dass es auch mal Tage gab, wo die Einnahmen nicht zufriedenstellend waren. Aber das war der Preis der Freiheit. Es war ein abenteuerliches, aber auch unbeschwertes Leben. Heute hier, Morgen dort. Man konnte selbst bestimmen, wurde nicht eingeengt.
Er erinnerte sich an das Leben, dass auch er selbst mit seiner Familie als Straßenkünstler geführt hatte. Wie sehr hatten sie sich gewünscht mit mehr Leichtigkeit an Geld zu kommen. Und was war geschehen, als sie sich tatsächlich hochgearbeitet hatten? Mit der Zeit waren sie auch damit unzufrieden gewesen. Die Einschränkungen und Konsequenzen machten sie krank. Er hatte den Druck, der auf ihm gelastet hatte nicht mehr ausgehalten, so dass er einen Schlussstrich gezogen hatte und ins Kloster geflüchtet war. Und nun? Nun fühlte er sich ebenfalls in gewissem Maße eingeengt...
"Paddy, magst du mit mir musizieren?" Paul stand bereit - die Drehorgel vor dem Bauch - und sah ihn fragend an. Ohne zu zögern schüttelte Paddy den Kopf. Dies war ein weiteres leidiges Thema. Früher war er mit Leidenschaft Musiker. Die Musik war sein Leben gewesen. Doch mit der Zeit hatte sich einiges geändert. Im Kloster hatte er sich anpassen müssen. Es gab nur bestimmte Zeiten in denen man sich mit sich selbst beschäftigen durfte, und somit war auch dies auf der Strecke geblieben. Er kannte zwar unkreative Phasen von früher, aber so ausgeprägt wie die letzte Zeit, war er sie nicht gewöhnt.
Zu Anfang hatte sich alles in ihm aufgestaut. Es war schwer sich daran zu gewöhnen ohne regelmäßige Musik zu leben. Themen und Worte hatten sich in seinem Kopf gebildet, aber er hatte einfach keine Zeit sie umzusetzen, geschweige denn sie zu Papier zu bringen. Sein Alltag sah schlicht und einfach andere Dinge vor. Und wenn er dann mal Zeit gehabt hätte, nach seiner Gitarre zu greifen, fühlte er sich ausgelaugt - ohne jegliche Motivation. So hatte er sich mit der Zeit immer weiter distanziert - wohl auch aus Selbstschutz.
Paul begann mit einer alten irischen Weise, und ob Paddy wollte, oder nicht, sein Augenmerk wurde unweigerlich auf seinen musizierenden Bruder gelenkt. Dieser stand mit seiner bunt verzierten Drehleier auf einem alten hölzernen Waschtrog samt Deckel. Gekleidet war er wie ein Barde mit einer schwarz-rot karierten Kniebundhose und verschieden farbigen Strümpfen. Einer rot, einer grün. Über einem dicken irischen Pullover hing locker ein weiter bunt karierter Umhang, der am Hals mit einem Knopf zusammen gehalten wurde. Auf dem Kopf wippte munter eine lange Feder hin und her, die an einer Mütze befestigt war.
Zum Glück hatte der Sturm nachgelassen, so dass nicht mehr ein ganz so eisiger Wind pfiff. Es waren nur wenige Menschen unterwegs. Kein Wunder, es war schließlich Heiligabend, und nur noch äußerst wichtige oder vergessene Sachen wurden in der Stadt erledigt. Paddy stimmte es froh, wenn jemand stehen blieb, und seinem Bruder ein paar Minuten Zeit schenkte. Er wusste, dass Paul sich ungemein freute, wenn er anderen Menschen mit seiner Musik Freude bereiten konnte, und das Opfer, bei dieser Kälte auf der Straße zu spielen, dafür gern hinnahm.
Fasziniert beobachtete Paddy vor allem die beiden Holzpuppen - ein Mann und eine Frau -, die auf einem schmalen Brett vor dem Trog auf und ab wippten. Sie wurden durch eine Schnur, die an Paul's Knie befestigt war, bewegt, und legten taktgenau ein Tänzchen hin. Man hätte meinen können, die Drehleiermusik würde von irischem Stepptanz begleitet, wenn man es nicht besser wüsste.
Mehr als einmal ertappte Paddy sich dabei, wie sich seine Füße ebenfalls im Takt mit bewegten und er begann die Welt um sich herum zu vergessen. Seine Anspannung wich mit der Zeit, und er fing an es zu genießen jetzt und hier zu sein. So ganz ohne Verpflichtungen, einfach nur dazustehen, und der Musik zuzuhören. Sie in seinen Körper eindringen zu lassen. Es wirkte wie Medizin. Und als Paul seine Blechflöte aus dem am Schulterriemen der Drehleier befestigten Beutel herausnahm, spürte Paddy das Kribbeln in seinem Körper ganz genau. Es wuchs und wuchs, und als er fast meinte zu explodieren, tat er die Schritte auf seinen Bruder zu, die zwischen ihnen lagen.
Dieser hatte die Veränderung in Paddy genau beobachtet und freute sich insgeheim. Schon oft hatte Musik Wunder bewirkt, und über dieses freute er sich ganz besonders. Es bedurfte keiner Worte sich zu verständigen. Mit einem bekräftigenden Nicken reichte er ihm die Flöte und sah erwartend zu, wie dieser sie zwischen beide Hände nahm und langsam zu seinen Lippen führte. Erst leise kamen Töne zum Vorschein, und Paul erkannte, dass sein Bruder ihm am Vortag schon länger beobachtet haben musste, ehe er ihn entdeckt hatte.
Trotz des inneren Antriebs fühlte Paddy sich zu Anfang unbehaglich. Erst nach der ersten Zeile erkannte er, welche Melodie er begonnen hatte zu spielen, und er staunte über sich selber, wie seine Finger wie von allein über die Flötenlöcher glitten. Es war, als hätte es nie eine Pause gegeben, als hätte er auch gestern hier gestanden und gespielt. Es fühlte sich so unwahrscheinlich richtig an, und vor allem fühlte er sich wohl.
Paul nahm den Wendepunkt in Paddy's Spiel genau wahr. Und als er wusste, dass dieser sich sicher fühlte und vollkommen bei der Sache war, setzte er die Finger seiner linken Hand an die Tasten der Drehleier und begann mit der rechten das Rad zu drehen. Es war ein harmonisches Zusammenspiel zwischen ihnen beiden, und wie Paul fand eine Bereicherung. Selbst die Passanten schienen dies zu bemerken, denn es blieben immer mehr Leute stehen, und bedachten sie am Ende jeden Stückes mit Applaus.
Als sie ihre gemeinsame Session beendet hatten, fielen sie sich in die Arme und jeder spürte die Energie und Freude des anderen ganz genau. "Es war mir eine Ehre!", strahlte Paul, und Paddy grinste zurück. "Ganz meinerseits!"
Gegen Mittag, als die Geschäfte schlossen, packten sie die Sachen zusammen. Und als sie ihren Weg durch die Fußgängerzone beschritten, lag diese bereits wie ausgestorben da. Hungrig und durchgefroren kamen sie an Paul's Wohnmobil an, und Paddy erklärte sich bereit was zu essen zu kochen, während Paul Buch führte und einige Sachen erledigte, die noch anstanden.
Nach dem Essen schaute Paul auf die Uhr. "Was meinst du Paddy, wollen wir gemeinsam in die Christvesper gehen?" Noch ehe sein Bruder geantwortet hatte, spürte er genau, dass dieser eine gewisse Abneigung an den Tag legen würde, auch wenn er sich nicht wirklich erklären konnte, warum. Denn Paddy hatte bisher nicht rausgerückt, was ihm auf der Seele lag, und so würde er ihn auch noch in Ruhe lassen - zumindest so lange, wie er es mit sich ausmachen konnte.
Wie vermutet zögerte Paddy, ehe er wie mechanisch mit dem Kopf nickte. Schweigend liefen sie zum Dom, und Paul beobachtete, dass sein Bruder eher nachdenklich als andächtig dem Gottesdienst folgte. Selbst, als sie später die Kirche verließen, lag eine gewisse Spannung zwischen ihnen. Dieses Weihnachtsfest war so ganz anders, wie sonst. Nicht das übliche Knistern lag in der Luft, nein die Stimmung war geprägt von Verbissenheit und Melancholie. Auch auf dem Rückweg sagte niemand ein Wort. Paddy, weil er aus dem Grübeln nicht heraus kam, und Paul, weil er nicht wusste, was er sagen sollte. Er wollte seinem Bruder die Chance geben, von allein auf ihn zu zukommen.
Diesen Vorsatz brach er jedoch, als Paddy während des Heimwegs wie aus dem Nichts in Tränen ausbrach. Bisher war er, wenn es um seine Probleme ging, mit Bedacht verschlossen gewesen, doch nun brach scheinbar alles, was sich aufgestaut hatte, aus ihm heraus. Dass die nun leicht vom Himmel fallenden Schneeflocken der Auslöser dafür gewesen waren, darauf wäre er im Leben nie gekommen. Väterlich legte er den Arm um seinen Bruder, und ließ ihn weinen. Aneinander gelehnt spürte er jeden Weinkrampf, sagte jedoch nichts. Er wartete ab, bis Paddy sich beruhigt hatte.
Erst nachdem sie sich wieder in Bewegung gesetzt hatten, und er meinte, dass Paddy sich so gut es geht gefangen habe, sprach er ihn an. Er hatte lange genug damit gewartet, aber es konnte nicht für immer totgeschwiegen werden. "Paddy, was ist los?", fragte er besorgt und ohne Umschweife. "Ich merke doch, dass mit dir was nicht stimmt." Der Angesprochene seufzte tief. "Ach Paul. Das Leben ist oft nicht einfach." Traurigkeit und Verzweiflung spiegelte sich nicht nur in der Stimme, sondern auch in seinen Augen wieder, dass es Paul das Herz zusammen zog. "Wem sagst du das?", entgegnete er daraufhin, ohne eine Antwort zu erwarten. Er versuchte den Blick seines Bruders zu fangen. Es gelang ihm jedoch nicht.
Betrübt senkte Paddy den Blick. Es fiel ihm schwer seinem Bruder in die Augen zu schauen. Hatte er ihn nicht viele Jahre vernachlässigt? War nicht durch den großen Erfolg der Kontakt zu seinen älteren Geschwistern, die nicht mehr in der Band waren, abgerissen? Damals hatte er dies überhaupt nicht so wahr genommen. Aber nun, da er den nötigen Abstand hatte, kamen die Vorwürfe.
"Aber meinst du nicht, es könnte helfen darüber zu reden?", tastete sich Paul vorsichtig heran. "Es hilft doch nichts es in sich zu vergraben." Paddy nahm Paul's Worte überhaupt nicht wahr. Zu sehr war er in seinen eigenen negativen Gedanken gefangen. "Ich habe meine Geschwister angelogen!", platzte er heraus. Eine kurze Zeit der Stille folgte, und dann sprudelte es aus Paddy hervor. "Weißt du, es stand schon lange fest, dass ich über die Feiertage zu Besuch kommen sollte. Schließlich haben wir dieses Fest immer mit der Familie gefeiert. Und dann ist es über mich gekommen. Ich habe sie gestern angerufen, und abgesagt. Du kannst dir vorstellen, wie sehr ich ihnen vor den Kopf gestoßen habe."
Paul schluckte. Auch er hatte die Einladung seiner Geschwister abgelehnt. Er wollte sich nicht in eine Familie drängen, zu der er schon lange nicht mehr wirklich gehörte. Okay, er stand nach zig Jahren wieder gemeinsam mit ihnen auf der Bühne, aber nur weil er ihnen während dieses Roncalli-Projektes einen Gefallen tun wollte. Nicht mehr und nicht weniger. Aber wieso fühlte sich Paddy wegen dieser Absage - auch wenn sie mehr als kurzfristig gekommen war - so schlecht? Wieso sprach er davon, er hätte gelogen?
Auf diese Fragen bekam Paul mit Paddy's weiterer Erklärung eine Antwort. "Und alles nur, weil meine Gefühle verrückt spielen. Seit ich im Kloster bin, vermisse ich alle so ungemein, dass ich mich gar nicht auf das Wesentliche konzentrieren kann. Eigentlich dachte ich dort zu innerem Frieden zu gelangen, all den Stress abzulegen... Doch statt dessen verkrampfe ich mich total." Schwermut überkam Paul bei diesen Worten, und genau das erkannte er in Paddy's Augen wieder.
"Ich würde es nicht ertragen sie alle für die paar Tage wieder zu sehen - mit ihnen zusammen die Geburt Jesu zu feiern -, um sie danach wieder verlassen zu müssen. Fröhlichkeit vorzugaukeln, obwohl mir zum weinen zumute ist. Es tut so weh, sie loslassen. Obwohl ich diesen Weg aus freien Stücken gewählt habe." Paddy legte eine Pause ein und fuhr sich mit den Handflächen über sein Gesicht.
"Und genau deshalb habe ich einen Rückzieher gemacht. Ich habe ihnen am Telefon erzählt, dass plötzlich jemand krank geworden ist, und ich nicht weg könne. Mensch, ich wollte sie doch nicht anlügen, aber was hätte ich sonst tun sollen?" Paddy's Stimme war vom hoffnungslosen Erzählton in eine verzweifelte Frage übergegangen. Was sollte Paul darauf antworten? Es war nicht angebracht weise Ratschläge zu verteilen, wenn es um solch ein heikles Thema ging. Er verstand zwar ohnehin nicht, wie man sich für ein Leben im Kloster entscheiden konnte, aber das blieb ja letztendlich jedem selbst überlassen. Paddy würde schon seine Gründe dafür gehabt haben.
Aber wie sollte er nun reagieren? Die Verzweiflung war seinem Bruder ins Gesicht geschrieben. Und alles gesagte und auch nicht gesagte, bestätigten Paul genau das, was er schon seit ihrem ersten Zusammentreffen anhand Paddy's Verhalten, vermutet hatte. Nicht nur die Tatsache der Lüge plagten ihn, sondern er zweifelte auch eindeutig an seiner Entscheidung überhaupt ins Kloster gegangen sein. Er befand sich wie es aussah in einer Zwickmühle. Einerseits wollte er alles dafür geben ein neues Leben anzufangen, andererseits konnte er aber auch nicht ohne seine Vergangenheit. Er schien sich selbst unter Druck zu setzen, was alles andere als gut war.
Paul blieb nicht allzuviel Zeit zu überlegen, denn Paddy wartete auf eine Antwort. Also tat er das einfachste, was ihm im Moment in den Sinn kam. Er beichtete seine eigene Missetat. "Paddy, oftmals muss man einfach so handeln, wie man denkt, es sei für sich selbst am besten. Es bringt nichts, wenn man andauernd versucht anderen gerecht zu werden, aber dabei sich selbst auf der Strecke lässt. Weißt du, auch ich habe unseren Geschwistern vor den Kopf gestoßen."
Fragend schaute Paddy ihn an. Paul hatte zumindest schonmal die Aufmerksamkeit seines Bruders inne. Blieb zu hoffen, dass wenigstens ein Teil seiner Botschaft bei ihm ankam. "Als sie von meinem Pech erfahren haben, luden sie mich natürlich über Weihnachten zu sich ein. Einer nach dem anderen kam an, und versuchte mir gut zuzureden und mich zu überreden, doch ich blieb strikt dabei. Ich wollte Weihnachten nicht mit ihnen zusammen feiern. Natürlich freute es mich, dass sie sich Gedanken um mich machten, und mich einluden. Aber mir ist von Anfang an klar gewesen, dass ich mich allein am wohlsten fühlen würde."
Die beiden schlenderten nebeneinander her, während Paul redete. "Wir haben einfach viel zu lange auseinander gelebt, und unsere eigenen Familien aufgebaut, als dass wir ein Familienfest wie Weihnachten gebührend zusammen feiern könnten. Außerdem würde es mich nur viel zu sehr an meine eigene Familie erinnern, bei der ich dieses Jahr nicht sein kann."
Paddy erkannte sich in den Worten seines Bruders wieder. Also war er nicht allein, der solche Gedankengänge und Konsequenzen entwickelte? "Und wie haben sie auf deine Absage reagiert?", hakte er nach. "Sie waren jetzt nicht wer weiß wie geknickt, falls du darauf hinaus willst.", ging Paul auf die Frage ein. "Klar, sie waren doch ein wenig traurig, aber letztendlich ist es ja meine Entscheidung gewesen, und die haben sie akzeptiert."
In Paddy regte sich bei den Worten seines Bruders etwas. Warum hatte er überhaupt solche Angst gehabt seinen Geschwistern die Wahrheit zu sagen? "Dann hätten sie meine Entscheidung bestimmt auch akzeptiert, oder?", schlussfolgerte Paddy daraufhin. "Möglich. Jedoch ist es bei dir eine vollkommen andere Sache. Aber sagen wir es mal so, wenn sie es nicht akzeptiert hätten, dann wäre es ziemlich unfair dir gegenüber."
"Trotzdem: Ich hätte sie nicht anlügen dürfen." Paddy's Worte durchschnitten die Luft. Er ärgerte sich mächtig über sich selbst. "Das ist wieder eine andere Sache.", begann Paul vorsichtig. Er wusste nicht, in wieweit er sich hierbei einmischen sollte. "Das musst du letztendlich mit deinem eigenen Gewissen ausmachen." - "Und mit dem Beichtvater.", Paddy's Worte klangen abfällig. "Alles wird genau nachgehalten. Jede kleinste Missetat, jedes Wort auf die Goldwaage gelegt.", begann er sich in Rage zu reden. Und ohne es eigentlich zu wollen, schüttete er Paul sein Herz aus.
So offen hatte er seit seinem Eintritt ins Kloster mit noch niemandem geredet. Er hatte genau gewusst, wenn seine Geschwister erst einmal erfahren würden, dass er sich in Wirklichkeit gar nicht mehr so wohl im Kloster fühlte wie noch zu Anfang - und wie er es stets vorzugeben schien -, sie hätten ihn schon längst versucht zu überreden wieder zu ihnen zu kommen. Aber er wollte nicht. Er wollte doch im Kloster bleiben. Schließlich war das Kloster der einzige Ort, wo er Ruhe vor dem Showbusiness gefunden hatte. Hier hatte er zu sich selber finden können, aber was er gefunden hatte, erschreckte ihn auch irgendwie.
War er denn nie zufrieden? War Ruhe nicht das gewesen, was er sich zuletzt so gewünscht hatte? Nun hatte er Ruhe und fühlte sich trotzdem nicht in dem Ausmaße wohl, wie er es erwartet hatte. Was machte er nur immer falsch? Aber wie sollte er sich auch wohl fühlen, wenn ihm so viel liebgewonnenes aus seinem alten Leben entzogen worden war? Er vermisste seine Familie, aber er vermisste vor allem auch die Musik. Das wurde ihm, seit er zusammen mit Paul auf der Straße musiziert hatte, deutlicher bewusst, denn je.
Aber es war doch seine eigene Entscheidung gewesen ins Kloster zu gehen. Er wollte doch ein Leben mit Gott führen. Ihm hatte er so vieles zu verdanken, also wollte er auch ihm danken. Und was gab es da für eine bessere Möglichkeit, als sein ganzes Leben ihm zu widmen? Die einzige logische Schlussfolgerung für ihn war, ins Kloster zu gehen. Also würde er Zeit seines Lebens auf so manche Dinge verzichten müssen, wenn er diesem Weg folgen wollte.
Paul war mehr als unwohl zumute all diese Dinge aus Paddy's Mund zu hören. Sicher, er hatte bisher vieles zwischen den Zeilen gelesen, und auch Gesichtszüge und Gestik gedeutet, aber es war doch etwas anderes, all dies auch erzählt zu bekommen. Es war ein ungeheurer Vertrauensbeweis, auch wenn es Paddy in seinem jetzigen Zustand womöglich gar nicht bewusst war. Eine schwere Last legte sich auf ihn, und er fühlte sich in gewissem Maße für seinen Bruder verantwortlich.
"Soll ich dir sagen, was ich denke?", fragte Paul. Sie waren eine Weile schweigend nebeneinander hergelaufen, nachdem Paddy seinen Wortschwall geendet hatte. Dieser nickte. "Du fühlst dich verdammt unwohl im Kloster, auch wenn du immer wieder beteuerst, dass es das Beste ist, was du hast machen können. Für mich klingt das ganze so, als ob du immer alles auf andere schieben würdest." Paul merkte, dass Paddy daraufhin etwas einwenden wollte, doch er schnitt ihm das Wort ab. "Bitte lass mich zu Ende reden.", sein Tonfall war konsequent und ließ Paddy innehalten. Mit ruhiger Stimme sprach er weiter. "Früher waren es die Fans, die dich unglücklich gemacht haben, nun sind es die Zwänge im Klosterleben. Und dennoch bist du es selbst, der dich einengt. Du setzt dich schlicht und einfach selbst unter Druck." So richtig verstand Paddy nicht, worauf sein Bruder hinauswollte. Aber er schien noch lange nicht fertig zu sein.
"Hast du es nicht möglich machen können, dein altes Leben zu ändern, so hilft nur die Flucht ins Kloster. Dass du dich dort aber genauso - und sogar noch viel viel mehr - anpassen musst, machst du dir anscheinend überhaupt nicht richtig bewusst." Er sah seinem Bruder fest in die Augen und fragte: "Sag ehrlich? Fühlst du dich dort zu Haus?" Erstaunt stellte Paddy fest, dass er ohne zu Zögern den Kopf schütteln wollte. Er hielt jedoch inne.
Paul hatte ihm eine ordentliche Gehirnwäsche verpasst, und Gesichtspunkte aufgezählt, die ihm noch überhaupt nicht in den Sinn gekommen waren. Es steckte sehr viel wahres darin, das musste er zugeben, und vor allem auch bedeutend mehr Lebensweisheit. An manchen Stellen kam es ihm so vor, als würde sein Vater mit ihm reden. Er hätte ihm schon längst den Kopf gewaschen. Ja, wenn er noch leben würde, wäre es garantiert nie so weit gekommen. Ein Lächeln bildete sich bei den Gedanken an seinen geliebten Vater auf seinen Lippen. Ihm wurde ganz warm ums Herz. Früher war alles anders gewesen. Er hatte ein festes Heim gehabt, und ganz genau gewusst, wo er hingehörte.
Bestimmt schüttelte er nun doch den Kopf. Er konnte zwar mit Bestimmtheit sagen, dass er sich im Kloster nicht vollends unwohl fühlte, aber in dem Sinne zu Hause hatte er sich dort nicht gefühlt. "Siehst du, und das ist dein eigentliches Problem." Paul freute sich insgeheim, dass er es geschafft hatte Paddy aus der Reserve zu locken. Denn es brachte nichts, allein Vorträge zu halten, nein, es war immer auch Selbsterkenntnis von Nöten.
"Und wann hast du dich das letzte Mal so richtig daheim gefühlt?", ging Paul noch einen Schritt weiter. "Wobei ich hierbei Heimat nicht als Ort meine, sondern als Gefühl." Paddy wusste genau, worauf Paul hinaus wollte. Aufgrund ihres außergewöhnlichen Lebens waren sie nie allzu lange an einem Ort geblieben. Immer, wenn er begonnen hatte das neue zu Hause zu mögen und es als Heimat anzusehen, mussten sie schon wieder fort. Als Kind hatte er dies noch gar nicht so realisiert, aber mit dem Erwachsenwerden kam auch die Ernüchterung. Im Grunde hatte er keine wirkliche örtliche Heimat. Zu oft waren sie umgezogen. Und wohl gefühlt hatte er sich an so manchem Ort.
Seine wirklich wahre Heimat war die Bühne gewesen - schon als kleiner Junge dabei. Dort war er aufgewachsen. Zogen sie auch von Ort zu Ort, die Bühne und seine Familie waren stets da. Mit der Zeit hatte er sich dort jedoch immer unwohler gefühlt, so dass er letztendlich auch dieses Stück Heimat verloren hatte. Orientierungslos herumgeirrt war er, bis er seinen Weg ins Kloster gefunden hatte. Dieses Leben hatte ihn zwar außerordentlich gefestigt, keine Frage, aber ein wahres Gefühl von Heimat verspürte er - wenn er ganz ehrlich war - auch nicht.
Aber wann hatte er sich das letzte Mal zu Hause gefühlt? Versuchte er wieder über Paul's Frage zu sinnieren. Ja, wie fühlte man sich eigentlich dabei? Konnte man Heimat überhaupt klar und deutlich definieren? Vielleicht sollte er anders an die Sache heran gehen...
Gestern Abend, als er mit Paul zusammen im Wohnmobil bei einer warmen Tasse Tee gesessen hatte, hatte er sich so wohl gefühlt wie schon lange nicht mehr. Es war gemütlich gewesen, auch wenn dies nicht gerade die komfortabelste und wärmste Art und Weise ist zu wohnen. Dennoch hatte es ihm mehr vermittelt, als so manches Hotelzimmer, welches er in seinem Leben gesehen hatte. Paul und er hatten einen gemütlichen Abend zusammen verbracht, viel geredet, und so einiges nachgeholt, was sie die letzten Jahre verpasst hatten. Es tat unwahrscheinlich gut Geschwister zu haben.
Und dass er über die Jahre so einiges vernachlässigt hatte, tat ihm im Nachhinein leid. So vieles, was Paul ihm erzählt hatte, hätte er gern selber miterlebt. Er kannte seine Nichten und Neffen, die in Irland lebten kaum, und auch seine ältesten Geschwister Caroline und Danny in den USA hatte er viel zu lange nicht mehr gesehen. Familie war etwas ganz besonderes und nicht ersetzbar.
"Ich glaube...", begann Paddy leise. "... gestern Abend habe ich mich ein Stückweit zu Hause gefühlt." Forschend schaute er seinen Bruder von der Seite an. Was würde Paul zu dieser Antwort sagen? "Und warum?", hakte Paul nach. "Was hat dir das Gefühl gegeben?" Paddy hatte geahnt, dass sein Bruder sich allein mit dieser Antwort nicht zufrieden geben würde.
"Deine Gastfreundschaft.", antwortete er und nachdem er dieses eine Wort ausgesprochen hatte, kamen ihm immer mehr Dinge in den Sinn, die er nicht unausgesprochen lassen wollte. "Deine ganze Art mit mir umzugehen. Obwohl wir uns schon so lange nicht gesehen haben, war es für dich eine Selbstverständlichkeit, mich aufzunehmen und sogar ohne groß nachzufragen bei dir schlafen zu lassen. Ich finde, du warst äußerst respektvoll mich nicht sofort auszuquetschen, sondern eher auf andere Gedanken zu bringen. Dadurch habe ich mich nicht eingeengt gefühlt und eine ungeheure Gelassenheit hat sich in mir ausgebreitet. Die gemütliche Atmosphäre in deinem kleinen Reich und der warme Tee haben sicherlich auch dazu beigetragen." Paddy's Gesichtszüge waren entspannt bei den Worten, und ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen. "Da war halt dieses ganz bestimmte Gefühl, welches du vorher erwähnt hast."
Paul freute sich. Sein Bruder schien verstanden zu haben. Das Eigentliche, worauf er hinaus wollte, hatte Paddy zwar noch gar nicht angesprochen, aber er ließ ihn. Da musste er selbst drauf kommen. Stattdessen antwortete er: "Das freut mich. Und ich bin stolz, dass ich dir zumindest ein bisschen das Gefühl von Heimat zurückgeben konnte."
"Was soll ich bloß tun?" Paddy's Stirn zog Falten und seine Stimme war nachdenklich, als er sich erneut an seinen Bruder wandte. Wie gern hätte Paul ihm den Kopf gewaschen, aber er durfte nicht. "Es liegt nicht in meiner Macht dir Ratschläge zu geben, und dir aufzutragen, wie es am besten für dich wäre zu leben. Das einzige, was ich darf, ist dir Denkanstöße zu geben, die dir den Weg bereiten können. In welche Richtung auch immer."
Die ganze Unterhaltung hatte Paddy sehr nachdenklich gestimmt. Im Grunde hatte Paul Recht. Was nützte es, wenn er nun zwar einen neuen Lebensweg eingeschlagen hatte, aber in diesem letztendlich auch nicht das erhoffte Glück fand. Es gab ihm zwar unendlich viel, aber ebensoviel vermisste er. "Aber was sagt Gott dazu, wenn ich ihm auf einmal den Rücken zukehren würde?" Paddy war nicht bewusst, dass er diese Bedenken laut ausgesprochen hatte.
Als er Paul's Stimme vernahm zuckte er zusammen. "Gott? Was sollte er dazu sagen? Und vor allem, warum würdest du ihm den Rücken zukehren?" - "Äh...", er wusste nicht, was er darauf antworten sollte. "Naja, immerhin habe ich mich für ein Leben mit Gott entschieden und mein 1. Gelübde abgelegt. Was wäre, wenn ich nun plötzlich doch sage: 'Nein, das ist nichts für mich. Ich gehe wieder.' Würde ich ihm nicht vor den Kopf stoßen?"
Paul verstand Paddy's Gedankengang, auch wenn er seine Entscheidung ins Kloster zu gehen nie wirklich verstanden hatte. Sein Bruder sah die Dinge zu rational. Er hatte Gott ein Versprechen gegeben und würde es nun brechen. Menschen würden sich in diesem Fall verletzt oder hintergangen fühlen. Aber Gott? "Das kann ich dir nicht beantworten. Das kann nur Gott allein.", antwortete er wahrheitsgemäß. "Mir kommt es jedoch so vor, als hättest du eins bei deinen Selbstvorwürfen nicht bedacht. Du kannst auch außerhalb der Klostermauern ein Leben mit Gott führen. Auch dort ist er schließlich präsent. Du bist ihm im Kloster nicht näher. Es kommt ganz allein darauf an, wie du an die Sache heran gehst. Wie du fühlst, was du glaubst, was du tust. Du darfst dich nicht selbst unter Druck setzen, dich einsperren! Öffne dich!"
Erstaunt über seine eigenen Worte, lächelte Paul innerlich. Er hoffte Paddy damit ein Stückweit geholfen zu haben mit seinem inneren Konflikt weiter zu kommen. "Sag jetzt nichts dazu, denk einfach mal drüber nach.", schob er noch hinterher, und die beiden setzten den restlichen Weg zu Paul's Wohnmobil schweigend fort.
Dort angekommen, wärmten sie sich wie bereits am Tag zuvor mit einer Tasse heißem Tee mit Whiskey auf. Auch wenn der Wind nicht mehr ganz so eisig war, so ging er doch durch und durch. Ihre Jacken hängten sie in die Nähe eines Heizlüfters, da die - wenn auch nur winzigen - Schneeflocken nasse Stellen hinterlassen hatten. Sie sprachen kaum. Allerdings war die Stimmung keinesfalls trüb, sondern eher im positiven Sinne nachdenklich.
Gegen 19:30 Uhr erhob sich Paul. "Möchtest du mitkommen?", fragte er seinen Bruder und schob direkt hinterher, was er vor hatte. "Ich will noch ein wenig mit der Drehleier raus. Für die Leute spielen, die keine Familie oder kein Zuhause haben. Gerade am Heiligabend wird es sie sicherlich sehr erfreuen." - "Klar!" Paddy's Antwort kam prompt. Es stand für ihn außer Frage, dass er nicht mitgekommen wäre. Sie waren früher öfters in die U-Bahn-Stationen oder zu sonstigen öffentlichen Plätzen gegangen und hatten solche Sessions gemacht. Allerdings hatte dies mit zunehmender Popularität nachgelassen. Deshalb freute es ihn umso mehr, dass Paul an dieser Tradition festhielt.
So machten sich die beiden erneut auf den Weg. Paddy half Paul dabei die Anlage zu transportieren und aufzubauen. Allerdings machte er keine Anstalten wieder zusammen mit seinem Bruder zu spielen. Zu Beginn waren nur wenige Obdachlose in der Nähe, und beobachteten die beiden Fremden mit Skepsis. Es fielen auch vereinzelte blöde Bemerkungen, aber nachdem sie die Absicht des Auftretens erkannt hatten, und ihnen bewusst wurde, dass die Musik zumindest ein netter Zeitvertreib war, gaben sie Ruhe.
Paddy hatte sich in eine Ecke verzogen und beobachtete das Spektakel aus einiger Entfernung. Sein Bruder war wirklich mit Leib und Seele dabei, auch wenn seine Finger sicherlich vor Kälte beinahe steif wurden. Er trug Handschuhe bei denen die Finger zur Hälfte frei waren, und ließ sich nichts anmerken. Die Liedauswahl war gemischt. Von fröhlichen Stücken, wobei seine Augen vor Schalk aufblitzten, bis hin zu langsamen Weisen, bei denen er das Gesicht konzentriert Richtung Himmel hob.
Es hatte inzwischen richtig angefangen zu schneien. Paddy schaute dem Spiel der Schneeflocken zu. Sie tanzten vor dem Dach, unter dem sich die kleine Gruppe befand, regelrecht durch die Luft. Wie sehr hatte er sich früher immer weiße Weihnacht gewünscht. Doch leider war dieser Wunsch nur viel zu selten wahr geworden. Lange verdrängte Gefühle kamen in ihm hoch. Nach einer Weile verließ er seinen Platz in der Ecke und trat aus dem Unterschlupf hervor. Er hob die Arme vor seinen Körper, die Handflächen nach oben gedreht und verfolgte die Flocken, die den Weg auf seine Hand fanden. Dort blieben sie für kurze Zeit erhalten ehe sie durch die Körperwärme schmolzen. An jeder solcher Stelle verspürte er ein Kribbeln, bis schließlich seine ganze Hand davon bedeckt war.
Er schloss die Augen, und ließ die Musik auf sich wirken. Der kontinuierliche Ton der Drehleier beruhigte ihn und die Stimme seines Bruders ließ Wärme in ihm aufsteigen. Je länger er so da stand, spürte er immer mehr das Gefühl von Heimat in sich aufsteigen. Es störte ihn nicht, dass sie sich spät Abends in einer düsteren Ecke von Köln befanden, und ebensowenig, dass er mittlerweile völlig bedeckt von Schneeflocken war, die ihm - wenn er noch länger so stehen blieb - die Kleidung durchnässen würden. Nein, er spürte plötzlich eine solche Gelassenheit in sich, dass ihm sogar die Tatsache, warum er hier allein mit seinem Bruder in Köln war, minder bedrückend vorkam.
Ein Seufzer entfuhr ihm, und am liebsten hätte er sich vor Freude im Kreis gedreht. Paul hatte gerade ein bekanntes irisches Tanzlied angestimmt, und es juckte ihm in den Beinen. Als er die Augen wieder aufschlug und sah, dass es noch mehr Leute unter dem Dach geworden waren, und einige sogar angefangen hatten zu tanzen, konnte er nicht anders, als über das ganze Gesicht zu lächeln. Es war ein unbeschreibliches Gefühl zu sehen, was man mit Musik in Menschen hervorrufen konnte. Fast hatte er es vergessen, aber gerade jetzt spürte er es am eigenen Leib.
Ein Mann, der ausgelassen mit den anderen im Kreis tanzte, winkte ihm munter zu. Paddy hinterließ Fußspuren in der leichten Schneedecke, als er zurück zu den anderen ging. Er vergaß sämtliche Hemmungen und tanzte mit den Obdachlosen. Hier und jetzt gab es keine Unterschiede zwischen ihnen. Sie genossen die Musik gleichermaßen und ließen ihre überschwenglichen Gefühle heraus.
Paul war einfach nur glücklich, als er die Stimmung sah, die er durch seine Musik hervorgerufen hatte, und vor allem, als er sah, welche Lebensfreude sein Bruder auf einmal ausstrahlte. Dies waren Momente auf die er niemals verzichten wollte. Sie gaben ihm so viel, dass er selbst die nicht so schönen Zeiten als Straßenmusiker verschmerzte. Eben solche Begegnungen waren es, die ihn wissen ließen, warum er nach all den Jahren immer noch der Straße treu geblieben war, und dem letzten Willen seiner Mutter - "Keep on singing" - mit Frohsinn nachging.
Paddy strauchelte, als er sich aus der Gruppe der Tänzer löste, fing sich aber gleich wieder. Sein Atem ging schnell, und er lief zielgerichtet auf seinen Bruder zu. "Darf ich?", fragte er mit Glitzern in seinen Augen. Er zeigte auf die umgeschnallte Ledertasche in denen sich die Flöten befanden. Paul nickte während er weiter spielte und ließ sich nichts anmerken. Paddy war auf dem richtigen Weg, das wusste er nun genau.
Es machte ihn stolz seinen kleinen Bruder so neben sich zu sehen, mit ihm gemeinsam zu musizieren. Die Flöte fest in der Hand, die Augen beim Spielen geschlossen. Ja, er konnte sogar förmlich die Energie spüren, die sich in ihm gesammelt hatte, und sich nun durch die Musik ihren Weg nach außen bahnte. Zuletzt hatte er ein langsames Lied angestimmt, und Paddy war professionell eingestiegen. Seine Flötenklänge hallten durch die Luft und gaben dem Ganzen einen festlichen Touch. Amazing Grace - was passte besser zur aktuellen Situation, als dieses Lied?! Nach einem Instrumental-Part begann Paul mit Bedacht zu singen:
"Amazing Grace! How sweet the sound
That saved a wretch like me!
I once was lost, but now am found
Was blind, but now I see."
Während Paddy die Melodie des altbekannten Liedes spielte und die Stimme seines Bruders wahrnahm, wurde ihm schlagartig bewusst, dass die Worte auf einmal eine ganz persönliche Bedeutung für ihn bekamen. Er erkannte sich selbst wieder, und ihm wurde klar, dass er keinesfalls verloren war. Nein! Gottes Gnade war groß. Ja, sie war unglaublich! Für einen Menschen nicht mit Verstand zu greifen. Selbst wenn er einen Fehltritt getan hatte, Gott würde bereit sein, ihm zu verzeihen. Sein Herz wurde ihm leicht. Nun verstand er die Unruhe, die ihn die letzten Wochen geplagte hatte. Seine Unsicherheit hatte ihm lediglich den Weg weisen sollen. Wie blind war er doch gewesen, ja hatte sich sogar selber der Wahrheit entzogen. Doch nun verstand er, und verspürte Erleichterung.
Obwohl sich klitzekleine Tränen aus seinen Augenwinkeln lösten, war er nicht traurig. Im Gegenteil, in seinem Körper machte sich immense Freude breit und er verspürte unendliche Dankbarkeit. Mit einem seligen Lächeln beendete er dieses Lied, und als sich die Augen der beiden Brüder trafen, begriff er, worauf sein Bruder die ganze Zeit über hinausgewollt hatte. Selbst wenn er an einem unbekannten Ort sein würde, Freunde und Familie weit weg, so würde die Musik trotzdem bei ihm sein und ein Stück weit Heimat bieten. Nun spürte er es wieder ganz deutlich - das Gefühl von Heimat, welches sich in der Musik finden ließ. Er hatte es verloren, und nun wieder gefunden.