Es war früh morgens, die Welt draußen noch in tiefes Dunkel getaucht. Friedlich schlummerte ein kleiner Junge in seinem übergroßen Bettchen in diesem riesigen Gebäude. Nichts rührte sich, und kein Laut war innerhalb des Schlosses zu hören. Allein draußen vor den beschlagenen Fenstern, die mit schweren Vorhängen zugezogen waren, erweckte die Welt langsam zum Leben. Vögel begannen leise zu zwitschern, und die ersten Blumen öffneten ihre Blüten zu voller Schönheit.
Weitere Stunden vergingen, und plötzlich schreckte der kleine Junge aus seinem mit der Zeit unruhiger gewordenem Schlaf auf. Wild schlug er um sich und schrie was das Zeug hielt. Schnell sprang er aus dem Bett und rannte zum Fenster, um dessen Vorhänge mit einem schnellen Schwung aufreißen zu können. Sachtes Licht drang in sein Zimmer, so dass es nicht mehr so gruselig wie noch ein paar Sekunden zuvor aussah.
Wie gebannt starrte er geradewegs aus dem immer noch beschlagenen Fenster hinauf zum Himmel. Er bemerkte nicht einmal, dass sich die Zimmertüre öffnete, und sich eine Person mit leisen Schritten zu ihm gesellte. Es war Angelo, von den lauten Schreien geweckt. Zwar noch ein wenig verschlafen, aber kein Wunder zu so früher Stunde. "Hey Seany, was ist los?", fragte er den kleinen Jungen neben sich. "Was starrst Du so mit weit aufgerissenem Mund den Mond an? Fasziniert er Dich so sehr?"
"Hey, Ange! Das ist doch außergewöhnlich! ... Der Mond ... am Tag! ... Hast Du so was schon gesehen??" Kurz hatte Sean zur Seite geblickt, aber nun wendete er seinen Blick wieder vollends in den Himmel. "Aber Seany-Boy, was soll denn daran so besonders sein? Der Mond steht doch oft tagsüber am Himmel!", lachte Angelo in sich hinein. 'Wie dumm doch so ein junger Mensch noch war.' "Hast Du es denn noch nie gesehen?" Erstaunt riss Sean die Augen auf und wendete seinen Blick wieder auf Angelo: "Waaaas??? Echt? ... Ist mir noch nie aufgefallen!" Peinlich schaute er nun zu Boden. 'Mist, habe ich mich wieder blamiert. Und dabei will ich doch auch endlich groß und schlau werden!'
Angelo merkte, wie verlegen sein kleiner Neffe nun wurde, und legte ihm beschützend die Hand um die Schulter. Nun erklärte er ihm so gut er konnte, was es mit dem Mond auf sich hatte. Warum er oft auch ganz schwach am Tag zu sehen war, und warum manchmal sogar richtig hell am Himmel stand. Das es mit den Mond- Auf- und Untergangszeiten zu tun hätte, und je nachdem, wie hell es am Tag wäre.
"Ach, und da der Mond heute erst spät untergeht, und es draußen noch so düster ist, kann man ihn jetzt noch sehen!?!", schien Sean zu verstehen. "Genau, Kleiner!", bestätigte Angelo und knuffte ihn liebevoll in die Seite.
"Aber sag mal, wie kommt's, dass Du Dich plötzlich so sehr mit dem Mond beschäftigst, wenn Du doch früher auch nicht drauf geachtet hast?", wollte nun Angelo wissen. "In der Schule! ... Wir haben vor kurzem in der Schule über den Mond geredet!", entgegnete Sean voller Stolz, und erzählte, wie gebannt alle Schüler der Lehrerin zugehört hatten, und wie äußerst spannend es doch gewesen war. "Was habt Ihr denn alles gelernt? Erzähl doch mal.", versuchte Angelo seinen kleinen Neffen zum Reden zu bewegen.
"Nun, zum Beispiel haben wir gelernt, wie man unterscheiden kann, ob der Mond gerade abnimmt, oder ob er zunimmt..." Munter plapperte der Kleine drauflos, wurde aber schon bald von seinem Gegenüber unterbrochen. "Echt?? So was lernt ihr schon in der Schule???", fragte Angelo erstaunt. "Das weiß ich noch nicht mal..." fügte er beschämt hinzu. Nun war es an Sean, munter drauflos zu lachen. "Mann, bist Du blöd! Das ist doch voll einfach!"
Und so gut er es noch wusste, weihte Sean Angelo in das Erkennen der Mondphasen ein. "Also... Du musst Dir vorstellen, dass Du Anhand des Mondes Buchstaben malen würdest. Und zwar gibt es da das Z für Zunehmend und das A für Abnehmend. Logo? ... Wenn Du Dir dann den Mond genau anguckst, und in Gedanken Deine Buchstaben malst, weißt Du immer ganz genau, ob der Mond nun zunimmt, oder abnimmt."
Angelo schaute immer noch unwissend drein. "Pass auf!", redete Sean mit seiner munteren Stimme weiter: "Ein Z malst Du doch, indem Du in der linken oberen Ecke anfängst, oder!? Und der Mond hat demzufolge wenn er zunimmt in der linken oberen Ecke eine Spitze. .... Wenn Du ein A malst, fängst Du unten links an zu schreiben, und hörst unten rechts wieder auf. Demzufolge hat der Mond in dieser Phase rechts die Ecken."
Um seine Worte zu verdeutlichen, holte Sean sich schnell ein Blatt und kritzelte mit seiner noch wackligen Schrift die Erklärungen auf. Nun wurde es auch Angelo langsam klar, wie man unschwer an seinem Gesichtsausdruck erkennen konnte.
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Er schaute noch eine Weile auf's Papier um alles zu verinnerlichen. Dann blickte er Sean in die Augen: "Weißt Du eigentlich, dass es den Mann im Mond wirklich gibt?!" Erschrocken sah Sean ihn an: "Was? Echt?" Und mit jämmerlicher Stimme fuhr er fort: "Die anderen in der Klasse wollen einen auch immer damit aufziehen und erzählen einem die schlimmsten Schauermärchen! Dass der Mann im Mond auf die Erde schaut, und nachts, wenn Vollmond ist kommt er dann runter, weil er wütend auf die bösen Kinder ist, und sie nun zurechtweisen will." Seans Stimme wurde immer leiser und ängstlicher. "Es ist schon so weit gekommen, dass ich nachts davon träume..."
Angelo konnte sehen, wie sehr das Ganze den Kleinen mitnahm, schließlich war er nicht immer gerade der Liebste. Er nahm ihn in den Arm und streichelte ihm sacht über den Kopf um ihn zu beruhigen. "Nein, Sean! Das ist alles nur Papperlapapp! Die Jungs wollen Dich nur damit ärgern! ... Aber wenn Du Dir den Mond ganz genau anschaust, wenn er voll ist, dann kannst Du mit ein bisschen Phantasie einen Hasen auf seiner Oberfläche erkennen. Seine langen Öhrchen - seinen Stummelschwanz. Du musst nur ein wenig den Kopf schieflegen, und Deine Augen anstrengen."
Wie gebannt hörte Sean den Erzählungen seines jüngsten Onkels zu. 'Wie schlau er doch ist!' "Man braucht auch keine Angst vor ihm zu haben", fuhr Angelo fort. "Der Hase ist gutmütig und tut niemandem was. Er ist wunderschön anzuschauen!", Angelo's Augen blickten ins Weite. "Auch ich tue es oft. Liege spät abends im Dunkeln auf der Wiese und schaue stundenlang den Mond an. Er zieht einen richtig in seinen Bann. ... Das wirkt äußerst beruhigend, man hat keine Angst, nicht nur, weil durch den Vollmond alles hell um einen rum ist." Er hielt kurz inne: "... Die Gedanken können abschweifen und eine weite Reise machen. Einfach toll!"

Sean war ganz ruhig geworden, und versunken in dem, was er gerade von Angelo gehört hatte. Dennoch konnte er ihm nicht so recht glauben. 'Einen Hasen im Mond'? Er hatte ihn sich noch nie so aufmerksam angeschaut, als dass er einen Hasen erkannt hätte. Nun war er aber gespannt! Und er nahm sich ganz fest vor, wenn das nächste Mal Vollmond ist, in den Garten zu gehen, und ganz genau hinzuschauen.