Zufall oder Schicksal?

by me (Simone/Binky)

& Kimba   klimbimba@gmx.net

 

Teil 1
Das kann doch nicht wahr sein! Träume ich? Dort hinten auf der Wiese steht doch Jimmy Kelly! Oder ist es wieder eins meiner Hirngespinste! Ein Wunschtraum? Nein! Er ist es hundertprozentig, denn nun sehe ich auch noch Patricia hinzukommen! Sie stellt sich neben ihn, und fängt ein scheinbar wichtiges Gespräch an. Sie gestikuliert wie wild mit ihren Armen.
Ich kann es immer noch nicht fassen die beiden Kelly's hier mitten auf der großen Wiese auf der Loreley zu sehen! Ob ich zu ihnen hingehen soll, um mich ein wenig mit ihnen zu unterhalten? Ja! Wieso nicht? Ich mache mich also auf den Weg zu den beiden, die ca. 500 Meter von mir entfernt stehen. Sie scheinen mich noch immer nicht erblickt zu haben. Worüber sie wohl reden? denke ich gerade, und fast im selben Moment höre ich nur ein Bumsen, und mir wird schwarz vor Augen!

© me (Simone/Binky) (26/02/1999)


Teil 2
Als ich wieder zu mir kam, war mir schwindlig. Ich richtete mich auf und stellte fest, dass ich in einer Art Zelt gelandet war, durch das die Sonne hereinschien. Wieviel Zeit war wohl vergangen, seit ich -
Oh Gott, ich hatte Jimmy und Patricia gesehen. Doch was war dann passiert? Ich konnte mir bei meinem Glück lebhaft vorstellen, dass ich mir ein Klavier auf den Kopf gefallen war, das aus irgendeinem Flugzeug gestürzt war. Doch wenn ich hier liegenblieb, würde ich es nie erfahren.
Ich war allein im Zelt, um mich herum standen einige Pritschen, die mit weißen Laken bezogen waren und auf ohnmächtige Mädels warteten, die sich in der ersten Reihe die Lunge aus dem Hals schreien würden, wenn sie Patrick erblickten.
Doch deshalb war ich nicht hergekommen. Ich war zum ersten Mal in meinem Leben allein auf einem Kelly-Konzert; vorher hatte ich immer eine Freundin oder ein Patenkind oder so mitgenommen. Doch die Gefühle, die mich stets überkamen, wenn ich die Musik der Kellys hörte und die Stimmung, die ich empfand, wenn ich inmitten der Fans auf einem Konzert stand, war für mich unteilbar - zumindest konnte ich das alles meinen Freundinnen nicht nahe genug bringen. Sie verstanden mich nicht.
Es war nicht so, dass ich wie wild pix tauschte, schoss oder sammelte und mich regelmäßig beim Schloss einfand, um winzig kleine Dosen Privates in mich aufzunehmen. Ich lebte mein Leben ganz normal - für eine "Frau meines Alters" wohl auch angemessen, arbeitete und hörte auch nebenbei noch andere Musik.
Eine gewisse zeitlang hielt ich meine Zuneigung zu den Kellys sogar geheim und versteckte die CDs, bzw. hörte nur noch mit Walkman. Dadurch wurde jedoch alles nur noch schlimmer. Also begann ich schrittweise mich zu "outen ", hörte die Musik "just for fun", machte es zum Kult und eher zynischer Popkultur meines Alltags.
Doch dabei fühlte ich, dass das nicht genug sein konnte. Ich brauchte diese Familie für den geregelten Ablauf meiner Gefühlswelt, "obwohl" ich von Natur aus eher ein Partylöwe und bodenständig bin.
Deshalb begann ich, das alles allein durchzuziehen und nahm mir für dieses Open-Air Urlaub, um allein wegfahren zu können.
Jimmy hatte schon immer eine besondere Rolle für mich gespielt. Er war für mich der bodenständigste der Geschwister, obwohl ich ihn für sehr emotional und kreativ halte. Ein schöpferischer Mensch, der seinen Weg geht, auch wenn er von seinen Sicherheiten abweicht - mit seinen Möglichkeiten, seinen Ressourcen und Kräften. Zur Seite immer die Gewissheit, dass das, was er tat, für ihn richtig war. Und seine Schwester Patricia. Selbst wer nur einen Liveauftritt sieht, weiß, dass er ihr besonders nahesteht. Seine blauen Augen strahlten nur bei ihr so richtig, und ich hab mir nicht nur einmal gewünscht, dass er mich einmal so ansieht.
Nahegekommen bin ich keinem der Kellys jemals. Ich kann nicht von mir behaupten, sie zu "kennen", wie es viele Fans tun (oder zumindest glauben zu tun). Doch ich beschäftige mich mit ihnen und glaube so zu ahnen was in ihnen und besonders in James vorgeht.
Ich war nicht traurig, als er wegging, denn ich wusste, er verfolgte seinen Weg.

Diese Gedanken schwirrten durch meinen Kopf, als ich versuchte, das sich drehende Zelt wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Es dauerte eine Weile, doch irgendwann gelang es mir aufzustehen. Ein paar Sekunden stand ich in der blendenden Sonne und blinzelte. Bis zwei Gestalten um die Ecke bogen und auf mich zukamen, die eine klein und zierlich, die andere größer und athletisch gebaut. Ich erwartete ein neues Klavier, doch es kam keins.
Stattdessen reichte Patricia, als sie direkt vor mir stand, ihre Rechte und lächelte mich an. "Hi. Ich hoffe, esgeht dir wieder besser!" sagte sie leise und fuhr sich verlegen durch die Haare. Dann sah sie sich verstohlen um. Ich folgte ihrem Blick und entdeckte ein paar riesige Gorillas; Secs, die die beiden unauffällig beschatteten. "Ja, danke," erwiderte ich. "Ich hab meine Klamotten nicht gefunden, habt Ihr sie gesehen?

Jimmy reichte mir meine Tasche und die Lederjacke. "Ich hab die Sachen genommen, weil ich nicht wusste, wer im Zelt bei dir ist. Wie geht es Dir? wiederholte er Patricias Frage und musterte mich besorgt. Ich hob die Schultern. "Ganz gut, nur noch ein bisschen schwindlig. Aber ich weiß gar nicht, was passiert ist!" erklärte ich ratlos und versuchte nicht in Jims blauen Augen zu ertrinken. Er grinste ein bisschen verlegen und steckte beide Hände in die Jeanstaschen. "Wie wär's, wenn wir irgendwo einen Kaffee trinken? Bis zum Konzert ist noch Zeit, und ich glaube, wir müssen dir einiges erklären." Ich nickte und folgte den beiden, die sich wieder umgewandt hatten. Einigermaßen bedröppelt kamen wir an einem Zelt im Backstagebereich an, in dem es relativ ruhig war. James zog mir einen Stuhl heran und nahm mir meine Sachen wieder ab, damit ich mich setzen konnte. Ich versuchte ein schüchternes Lächeln, das er tatsächlich erwiderte. Dann holte er uns allen Kaffee und setzte sich ebenfalls.
Patricia ergriff als erste das Wort. "Es tut mir so leid, was passiert ist, - wie heißt du eigentlich?" fragte sie dann irritiert. Ich lachte leise. "Luca. Ist eigentlich ein Männername, aber bei mir hat's funktioniert. Ich bin in den USA geboren, da sind die Bestimmungen nicht so hart!" quasselte ich drauflos, ganz ohne Rücksicht auf Verluste. Dann verstummte ich. "Tut mir leid. Sidn noch die Nachbeben von dem Wumms. Was war das jetzt eigentlich?"
Jimmy und Patricia wechselten einen Blick und grinsten dann. "Luca ist ein schöner Name, soviel noch dazu. Also. Vor einiger Zeit fing es an. Wir bekamen immer wieder Drohbriefe von jemandem, der krankhaft eifersüchtig auf Patrick ist. Seine Freundin hat sich wohl wegen ihm von dem Kerl getrennt, und jetzt hat er nichts besseres zu tun als uns Briefe zu schreiben. Beziehungsweise dem Kleinen. Und dem geht es zur Zeit sowieso nicht so gut. Ein Schatten flog über ihr Gesicht, und Jimmy blickte düster in seine Tasse. Ich ahnte, woran sie dachten und sah verlegen zu Boden "Wir sind es, die Fans. Es tut mir leid." Jim spang fast von seinem Stuhl auf. "Ach Bullshit, Mädchen!" (Er nannte mich tatsächlich MÄDCHEN ich bin 28!!!) rief er aus und warf beinahe seine Tasse um. Patricia legte ihm beruhigend die Hand auf den Unterarm. Er legte die Fingerspitzen aneinander und sah mich aus seinen unwahrscheinlich blauen Augen an. "Die Fans - egal welche - die "Kreischweiber" und auch alle anderen - sie sind es, die uns groß gemacht haben. Der Krieg unter ihnen ist genauso falsch wie jeder andere Krieg auch. Aber darum geht es nicht. Dieser Mann, der Patrick diese Briefe geschrieben hat, ist krank. Aber wir sind noch nicht dahintergestiegen, wer es sein könnte. Er hat damit angefangen, ihn zu beleidigen. Als keiner reagiert hat, wurde er richtig massiv. Seine Drohungen reichten vom Zusammenschlagen bis - " Er verstummte. Ich musste mich zusammenreißen, um ihm nicht mit der Hand über die Wange zu streichen. Stattdessen sah ich beide geschockt an und sagte nichts. "Patrick versucht das alles wegzustecken, aber es ist schwierig, jeden Tag eine Morddrohung zu bekommen und trotzdem der lachende Superstar in der Öffentlichkeit zu bleiben.
*Mama* ist nicht nur ein Denkmal; es ist auch ein Hilferuf. Das zieht sich jetzt schon lange hin, und irgendwo hat dieser Kerl auch unsere private Telefonnummer her. Zu den Briefen kamen auch noch Anrufe. Patrick ist völlig fertig. Heute morgen kam der letzte Anruf. Der Typ sagte nur "Heute bist du fällig" und legte dann auf." Patricia schluckte. Diesmal drückte Jimmy ihre Hand, und ich merkte einmal wieder ihre enge Verbundenheit.
Er sah mich an. "Patrick trägt dieselbe Jacke wie du, Luca. Und wenn du dich mal von hinten siehst - genauso schlank und die gleiche Haarfarbe und Länge..." Er suchte nach Worten, und ich hörte ihm gebannt zu. "Als du auf uns zukamst - sicher, es war Zufall, doch das war diesem Typen wohl völlig egal. Er hat dich auf jeden Fall für Patrick gehalten und dir seinen Knüppel über den Schädel geschlagen. Bis Tricia und ich dann bei dir waren, hatten die Secs ihn schon hops genommen."
Mir wurde fast wieder schwindlig, und ich trank rasch einen Schluck Kaffee, nur um überhaupt etwas zu tun. Dabei zitterten meine Hände jedoch so stark, dass ich die Hälfte verkleckerte.
Dieses Mal griff James nach meiner Hand. Er drückte sie kurz. Als unsere Augen sich begegneten, blitzte in seinen ein kurzes Erschrecken auf, und er ließ mich wieder los.
"Du hast Angst, Luca. Das verstehe ich." Patricias klare Stimme holte mich wieder in die Wirklichkeit zurück, und ich schüttelte meine Gänsehaut wieder ab. "Aber wir haben ihn endlich, und er wird keinem mehr was tun. Erstmal zumindest." Sie fuhr gleich fort. "Wenn Du möchtest, kannst du im Backstagebereich bleiben. Da hörst du das Konzert und bist ganz sicher. Bitte Luca. Ich möchte, dass du es dir überlegst. Da haben dich auch die Ärzte unter Kontrolle, falls du eine Gehirnerschütterung hast."
James nickte. "Sie hat Recht, Luca. Bitte bleib hinter der Bühne. Bis nach dem Konzert. Und bis dahin bleib bitte in unserer Nähe, ja?"

Wie war ich denn jetzt hier hereingeraten? Diese Geschichte wühlte mich total auf, und plötzlich hatte ich unbeschränkten Zutritt zum Kelly-Backstagebereich, weil ich als Doppelgängerin von Patrick Kelly fast über den Jordan geschickt worden waren.
Hölle!
Dabei hatte ich James Victor Kelly und Patricia kennengelernt, mit ihnen geredet und Kaffee getrunken. Ich musste 28 werden, um so etwas zu erleben.
Und nun saß ich hier im Kaffeezelt und hatte gerade mein Einverständnis gegeben, mich den ganzen Abend unter Bewachung aufzuhalten.

Der Backstagebereich ähnelte eher einem Ameisenhaufen als einer Enspannungszone; Maskenbildner, Techniker, Roadies, Kostümfrauen und tausende andere rannten wie angestochen durch die Gegend und hatten ein unbestimmtes Ziel, das für mich einfach nicht zu erkennen war. Schade eigentlich.
Die Gorillas waren noch die ruhigsten von allen, nur ihre Augen schienen keinen Augenblick stillzustehen.
Die Familienmitglieder selbst, angefangen bei dem kleinen Sohn von Kathy, bis hin zu John, wirkten so ganz anders als sonst - viel menschlicher. Also ich meine echter, mit mehr Ecken und Kanten, die auf der Bühne hinter der Show verschwanden. Ich saß still in einer Ecke und beobachtete das Treiben um mich herum, das allmählich ruhiger wurde. Später kam Jimmy zu mir und setzte sich auf einen Klappstuhl neben mich.
"Wie geht es Dir, Luca?" fragte er, und ich bemerkte, dass seine Stimme rau und unsicher klang. Ich hob die Schultern. "Ich hab eigentlich keine Angst, wenn du das meinst. Diese Typen da scheinen sogar für die Queen geeignet. Dann deutete ich auf Patrick, der kurz zuvor gekommen war, um doch noch mit aufzutreten. "Um ihn solltet Ihr euch Sorgen machen, nicht um mich. Er verkraftet das bestimmt nicht lange." James sah mich überrascht an. Ich grinste. "Ich bin Sozialarbeiterin. Und den Blick, den er im Moment in den Augen hat, kenne ich von völllig traumatisierten Jugendlichen, die kurz vorm Durchdrehen sind." Ich spürte, wie meine Profession mit mir durchging. "Er ist fast noch ein Kind, und das was er schon alles hat mitmachen müssen - diese Umstellung - war nicht leicht für ihn." Ich sah, wie sein Blick sich verschleierte und schämte mich plötzlich, in die Privatsphäre der Familie eingedrungen zu sein. Ich stand auf. "Vielleicht sollte ich gehen!" sagte ich leise und verlegen. Doch dann spürte ich, wie er nach meiner Hand griff. "Bitte bleib." Seine blauen Augen waren unverwandt auf mich gerichtet, und ich setzte mich wieder. "Vielleicht kannst du mal mit ihm reden. Ihm klarmachen, dass er sich selbst gefährdet. Er hört auf niemanden mehr. Patrick bedeutet mir sehr viel, und ich könnte es nicht ertragen, wenn er kaputtginge." Ich dachte kurz nach. "Jimmy-" Er unterbrach mich. "Nenn mich meinetwegen Hanswurst oder Willi, aber nicht Jimmy. Ich heiße James." Ich nickte wieder verlegen und fuhr dann fort. "Dein Bruder kennt mich überhaupt nicht. Wieso sollte er mit mir reden wollen?"
"Weil du eben genau das richtige gesagt hast. Er wird dir zuhören, auf uns hört er schon lange nicht mehr. Wir haben noch ein bisschen Zeit. Bitte überleg es dir, Luca." James stand wieder auf und ging mit langen Schritten zu seiner Schwester, die sich gerade umgezogen hatte.
Ich musterte den Mädchenschwarm nachdenklich. So von nahem betrachtet, war er wirklich blass und sehr schmal. Dunkle Schatten lagen unter seinen Augen, und ab und zu warf er mir einen nervösen und entschuldigenden Blick zu.

Ich trat zu ihm.
"Hallo. Ich bin Luca. Es tut mir Leid, was passiert ist," sagte ich leise und reichte ihm meine Hand, die er schlaff drückte. Dabei bemerkte ich, wie er zitterte. "Dir? Mir tut es Leid. Wenn dieser Typ es nicht auf mich abgesehen hätte -" Er beendete seinen Satz nicht, sondern starrte nur düster zu Boden. Ich setzte mich ihm gegenüber auf den Rasen. "Dann wäre mir ein Klavier auf den Kopf gefallen. Schicksal." Ich lächelte aufmunternd und klemmte mir meine Haare hinter die Ohren. Patrick hob die Schultern. "Schicksal? Ich glaub nicht an Schicksal. Das was passiert ist, hab eigentlich ich verdient und nicht du."
Eigentlich hatte ich ihn zur Weißglut bringen wollen, damit er sich aussprechen konnte, doch so etwas bodenlos dummes regte mich auf. "Verdient? Womit?" versuchte ich einigermaßen ruhig zu fragen, und er sah mich aus geröteten Augen an. "Jetzt sag schon, womit kannst DU sowas wohl verdient haben? Hast du deine Mädels so sehr misshandelt? Hast du sie so geärgert? Hast du eine Strafe so sehr verdient? Oder hast du die Fans deinen Geschwistern - weggeschnappt ?" Er sprang auf und sah mich wütend an. "Verdammt, lass mich doch einfach in Ruhe. Ich zieh das durch, und irgendwann kommen bessere Zeiten, irgendwann werd ich meine Ruhe haben und tun und lassen können, was ich will!" Seine Wangen hatten sich gerötet, und er war kurz davor, mir eine zu scheuern. Das spürte ich, und ich hatte es bewusst provoziert. Doch ich war noch nicht fertig. "Was willst du denn schon? Du hast doch alles, was ein Mensch nur haben kann... Geld, Fans, eine Familie, du bist gesund und kannst machen wozu du Lust hast! Wozu sitzt du hier und trauerst? Der Typ hat schließlich nicht dir einen Knüppel über den Kopf gezogen!"
"NEIN, VERDAMMT!" brüllte Patrick los und es sah aus, als würde er mit dem Fuß aufstampfen wollen. Doch er sah mich nur wütend an. "Du hast ja genau das richtige Bild von mir. Ich hab Geld, ja, und was kann ich damit anfangen? 'Ne neue Alarmanlage bauen lassen. Ich hab Fans, klar. Die einen schreien sich die Seele aus dem Leib, wenn sie mich sehen, die anderen denken, sie sind persönlich für meine Sicherheit zuständig. Familie? Wenn ich die nicht hätte, hätte ich verdammt noch mal gar nichts. Und das bezieht sich leider auch auf Geld und Fans und und und. Und meine Familie ist bestimmt nich gerade froh drüber, dass immer nur ich und ich und ich ganz vorne stehe. Ich bin keine Einmannboyband, die ihre Geschwister mitgeschleppt hat.
Ich kann nicht machen was ich will." Plötzlich sah er wieder sehr klein und verletzlich aus. "Ich hab keine Kraft mehr," flüsterte er leise.
Ich musste ihm übers Haar streichen. Der Junge - denn einen Mann konnte ich in dem verletzten jungen Wesen nicht entdecken, war fertig. Aufgebraucht bis auf den letzten Tropfen. Doch irgendetwas ließ ihn trotzdem immer wieder aufstehen und weitermachen. Und dieses Irgendetwas musste er finden und nutzen.
"Patrick," sagte ich leise und nahm meine Hand weg. Er sah mich an, und ich entdeckte Tränen in seinen Augen. "Was?" fragte er und sah wieder weg. Ich wusste nicht, ob ich mich zu weit vorgewagt hatte und schwieg einen Augenblick. Dann fuhr ich fort. "Du bist ein Mensch mit ganz viel Power. Wo tust du diese Power hin, wenn du sie nicht brauchst?" Er lachte leise und bitter. "Ich brauche sie ständig. Um Menschen nicht wehzutun, die ich gar nicht kenne. Um Menschen wieder zusammenzubringen, die zu meiner Familie gehören. Um arbeiten zu können. Um - ach, einfach ständig. Nur wenn ich mal schlafe, und das ist in letzter Zeit selten der Fall - dann bin ich ganz ruhig.

"Und woher nimmst du die Kraft?" Er sah mich an, als würde ich ihn fragen, wer den Weltraum erfunden hat. "Aus mir selbst natürlich!" antwortete er, als wäre das die natürlichste Sache der Welt. Klar, er hatte auch noch nicht mit dreizehnjährigen Junkies oder ewigdichten Ecstasy-Schluckern zu tun gehabt. Er sagte die Wahrheit. "Darf ich dir einen kleinen Monolog halten, Patrick?" fragte ich mit einem schwachen Grinsen auf den Lippen. Er nickte. "Du bist noch verdammt jung gewesen, als der ganze Rummel um Euch losging. Dein kleiner Bruder hat sich deinen Ruhm angezogen wie ein altes Paar Schuhe - zwar gebraucht, aber dafür schon eingetragen. Du hast dasselbe getan, als John plötzlich nicht mehr im Mittelpunkt stand. Doch er hatte eine ganz andere Aufgabe zu erfüllen. Er war der Stolz deiner Mutter und deines Vaters. Er war ihr erster gemeinsamer Sohn und wunderschön, gesund und strahlend. Noch wussten sie nicht, dass sie noch sieben andere Kinder bekommen sollten und richteten alle ihre Aufmerksamkeit auf ihn, der ihre ganze Hoffnung war. Er wurde älter und der singende Sonnenschein.
Aber plötzlich war die Aufmerksamkeit auf etwas anderes gerichtet. Plötzlich sang er nicht mehr, um den anderen zu gefallen. Plötzlich musste er es tun, um seine Gefühle, die so heftig über ihn hereinbrachen, unter Kontrolle zu bekommen. Er musste es tun, um seiner Mama zeigen zu können: Ich schaffe es, ich liebe Dich, und ich weiß genau, dass es weitergeht. Ich kann die anderen führen.
Das war viel für einen Jungen in seinem Alter und hat ihm glaube ich viele Möglichkeiten genommen, denn das, was er getan hat, war wie ein Eid seiner Mama und auch seinen kleineren Geschwistern gegenüber.
Dann ist sie gegangen und ihr habt euch ausruhen müssen von der Angst, der Trauer und dem Schmerz. Johnny hat dir seinen Platz überlassen, doch zu der Zeit war es schon nicht mehr eure Mutter, die als treibende Kraft hinter der Musik steht. Auch wenn Deine Mama nie aus Euren Herzen verschwinden wird. Die wirkliche Kraft ist das Geschäft. Und die Freude an der Musik. Die Kraft ist auch nicht der Zusammenhalt der Familie - er ist vielleicht ein Ziel, aber nicht das Mittel. Patrick, du hast die Bürde von deinem Bruder übernommen, als du noch fast zu jung warst, sie zu tragen, und du hast von Anfang an keine Hilfe gebraucht. Bitte - nimm sie jetzt an. Du brauchst jemanden, der dich unterstützt. Du kannst nichts kitten, was nicht zusammengehört. Jeder Mensch braucht seine Freiheit und Möglichkeiten zur Weiterentwicklung. Auch du."
Ich atmete tief durch. "Tut mir leid, es ist mit mir durchgegangen. Aber du darfst nicht vergessen, deine Kraft für Dich einzusetzen, nicht gegen etwas anderes. Such dir ein Ziel, das bei dir liegt und dann arbeite darauf zu. Dabei brauchst du jedoch wahrscheinlich professionelle Hilfe, denn so etwas hast du nie gelernt. Eure Familienstruktur war immer gleich - mit Papa an der Spitze und den anderen als Gefolgsleuten. Das splittet sich auf. Du musst genau wie die anderen lernen ein eigenes Leben zu führen. Willst du das?"
Patrick sah mich lange an und dachte nach. Schließlich nickte er langsam. "Danke," sagte er leise. Ich nickte nur.

Patricia kam zu uns und lächelte ihren kleinen Bruder mitfühlend an, doch der hatte schon wider Oberwasser und grinste zurück. "The show must go on! sagte er leise und warf mir einen Seitenblick zu. Ich lachte. Ein kleiner Schritt war getan. Ich erhob mich und wollte auf meinen Stuhl zurückkehren, doch da hielt mich jemand am Arm fest. John. "Du bist Luca?" Ich nickte und sah auch in seinen Augen Tränen. Doch seine Stimme war fest. "Danke. Ich hab nie die Worte dafür gefunden," sagte er dann und ging wieder. Ich ließ mich auf meinen Stuhl fallen. Was war passiert? fragte ich mich nicht zum ersten Mal und schloss für einen Moment die Augen.

Ich musste eingeschlafen sein, denn als ich wieder erwachte, hatte mir jemand eine Decke übergelegt und die ersten Klänge von einem neuen Song ertönten. Dann hörte ich James' Stimme, rau, kratzig und wie immer mitreißend. Wieder schloss ich die Augen und genoss die Musik.
Lautes Geschrei begleitete die neun auf der Bühne - von außen klang es noch schlimmer als wenn man mittendrin stand.
Plötzlich hatte ich Durst, und ich machte mich auf die Suche nach einem Getränkestand, der nicht allzu belagert war. Als ich endlich einen gefunden hatte, wurde oben auf der Bühne die Pause eingeläutet. Glück gehabt. Mit einem Wasser drängelte ich mich durch die Massen und gelangte ohne Probleme wieder hinter die Bühne. Ich hatte zwar keinen Pass, doch der Gorilla kannte mich noch ganz gut. Ich entdeckte Patricia und James, die sich aufgeregt unterhielten und bei meinem Anblick auf mich zustürmten. "Luca, da bist du ja!" rief Patricia und umklammerte den Hals einer Akkustikgitarre. James lächelte mich an. "Wir müssen gleich wieder rauf, und nachher ist wahrscheinlich der Riesenstress. Vielleicht ist es besser, wenn dich jemand nach Hause fährt." Ich schüttelte den Kopf. "Mir geht es schon wieder ganz gut. Ich geh einfach hier raus und misch mich unter die Normalsterblichen. Ich grinste ihn an, obwohl mir bei dem Gedanken, ihn schon wieder gehen lassen zu müssen, ganz anders wurde. Doch ich musste zuvor noch einige Worte mit Patrick wechseln, der sich gerade mit seinem kleineren Bruder stritt. Ich ging zu ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Hier hast du meine Nummer, Patrick. Und ruf mich an, sonst werde ich dich auf eine psychosomatische Kur schicken." Es sollte wie ein Scherz klingen, doch er nickte nur erschreckt. "Nochmal danke, Luca. Ich werde dich nächste Woche anrufen." Ich nickte ihm lächelnd zu und verließ den Backstagebereich dann, ohne mich noch einmal umzusehen.

Die zweite Hälfte des Konzerts bekam ich kaum mit, so versunken war ich in meine Gedanken über Patrick, James, John und Patricia. Sie waren plötzlich greifbar geworden, wie flüchtige Bekannte aus einem Kurzurlaub. Mit ganz eigenen Macken und Problemen.
Und doch jetzt schon wieder so weit weg. James, der gerade sein Duett mit Patricia sang, jagte mir eine Gänsehaut über den Rücken. Patrick stand versunken hinter seinem Mikro und schien genauso nachdenklich wie ich, während John seine Gitarre umstimmte.
Als das Publikum auf die Zugaben wartete, tauchte neben mir plötzlich eine Gestalt in Kapuzenpulli und mit Sonnenbrille auf. Sie nahm meine Hand und lächelte leicht. "Komm mit," sagte James leise und führte mich aus der Menge.

Draußen setzten wir uns mitten auf den staubigen Parkplatz, während hinter den Zelten die Sonne unterging. James setzte die Sonnenbrille ab und sah mich an. Seine Augen waren dunkel. "Vorhin hast du Johnny sehr glücklich gemacht. Er leidet so lange unter seinem Abstieg und darunter, dass niemand das gewürdigt hat, was er getan hat. Aber er konnte es nicht aussprechen. Er ist dir sehr dankbar." Er blickte in den Himmel. Seine Kapuze fiel nach hinten, und er lachte leise. Dann wurde er ernst.
"Und mich auch." Ich sah ihn fragend an. "Warum?" wollte ich wissen. Er setzte sich wieder auf und griff plötzlich nach meiner Hand. Wieder entdeckte ich in seinen Augen dieses Erschrecken, doch ich wollte ihn nicht danach fragen. Wir saßen eine Weile schweigend nebeneinander und starrten in den Himmel, während die Leute zu ihren Zelten oder Autos strömten. Seine Hand war warm und fest, so ganz anders als seine beunruhigten Augen. Ich begann mit meinem Daumen über seinen Handrücken zu streichen, was er zärtlich erwiderte. Schließlich sah er mich ernst an. Er sagte nur zwei Worte. "Genau darum."
Und jetzt war keine Angst mehr in seinen Augen zu sehen.

© Kimba (14/06/2000)

(Schön, daß sich nach so langer Zeit doch noch jemand gefunden hat, der meine Fortsetzungsgeschichte weiterführt! :o) Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben!
Kimba, und daß du sie so schön weiter, und zu Ende gebracht hast.... einfach toll!!)


Bar Letter

Last update: 26/04/2001

(Online since: 15/06/2000)

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