
Es war der 3. Advent, als ein Mann durch die verlassene Geschäftsstraße schlenderte, und sich die Auslagen in den erleuchteten Schaufenstern ansah. Weit und breit war niemand zu sehen, was auch verständlich war, da die Geschäfte Sonntags geschlossen haben. Aber er hatte einen Grund, warum er hier war.
Seine Frau hatte ihn gebeten, sich zu überlegen, was er sich zu Weihnachten wünschte. Unweigerlich drifteten seine Gedanken ab. Früher, als er noch ein Kind war, hatte sich eine große Familie um ihn herum geschart, und sie hatten sich dennoch nichts geschenkt. Das resultierte daraus, dass sie damals oft rumgereist waren. In vielen Ländern, in denen sie gelebt hatten, wurde Weihnachten nicht so gefeiert wie in Deutschland, und deshalb war es ganz normal für sie alle gewesen.
Dies hatte sich jedoch geändert, als er vor 2 Jahren die Frau seines Lebens gefunden hatte. Denn für sie war es Tradition, dass man seinen Lieben ein Geschenk zum Fest machte. Und weil er sie so sehr liebte, tat er ihr den Gefallen. Schließlich war es ja auch schön, jemandem eine Freude zu bereiten.
Das einzige Problem war jedoch, dass er keine Ahnung hatte, was er sich wünschen könnte. Er hatte alles, was er brauchte um glücklich zu sein. Er hatte genügend Geld, um ein angenehmes Leben zu führen. Und was am wichtigsten war, er hatte eine Frau, die ihn aus tiefstem Herzen liebte, und seit knapp 1 Jahr einen liebenswerten Sohn. Lächelnd lief er weiter, bis ihm wieder der eigentliche Grund seines abendlichen Spazierganges bewusst wurde. Also richtete er seinen Blick wieder auf die vielen Schaufenster.
Vor ihm war ein Schmuckgeschäft, wo Uhren, Ringe und Ketten sämtlicher Art und Preiskategorie ausgelegt waren. Er hatte eine Uhr. Wozu würde er also eine weitere brauchen? Und Schmuck trug er in der Regel nicht, außer seinen Ehering. Er wandte sich ab. Daneben lag eine Buchhandlung. Ja, er liebte es zu lesen und sich weiter zu bilden, aber er hatte noch massig Bücher zu Hause im Regal, die darauf warteten gelesen zu werden. Wozu sich also neue Bücher schenken lassen? Ein weiterer Punkt: Anziehsachen... Er war an zig Klamottengeschäften vorbei gekommen. Nein, das war auch keine gute Idee. Einerseits war es schwierig für jemand anderes was passendes zu finden, und wenn er es sich recht überlegte, hatte er eigentlich auch genügend Sachen.
Er seufzte. Nun hatte er es schon so lange hinaus gezögert, seiner Frau mitzuteilen, was er sich zu Weihnachten wünschte. Wie würde sie darauf reagieren, wenn er ihr immer noch nichts nennen konnte? Es sollte ja auch schließlich etwas besonderes sein, und nicht einfach irgend etwas...
Das Leuten entfernter Glocken ließ ihn aus seinen Gedanken hoch fahren. Der Dom - das mussten die Glocken des Doms sein. Er erschrak, als ihm die Bedeutung dessen bewusst wurde. Wie lange war er nicht mehr im Dom gewesen? Geschweige denn in einer anderen Kirche? Vor ein paar Jahren noch, hätte er es sich niemals träumen lassen, dass er jemals so abtrünnig werden könnte. Der Glaube und die Gemeinschaft waren ein fester Bestandteil seines Lebens gewesen. Bis... ja bis mehrere Schicksalsschläge sein Leben gekreuzt hatten. Seitdem hatte er sich immer mehr von Gott entfernt, bis es zur Normalität geworden war.
"Wie heißt du?" Vor ihm stand ein kleines Mädchen, welches ihn mit großen Augen ansah. Ihre direkte und offene Art berührte sein Herz, und ließ ihm die bizarre Situation ganz und gar nicht abwegig vorkommen. "Patrick.", antwortete er ohne zu zögern. "Ich heiße Angelina.", sie lächelte ihn an. Und ehe Patrick sich fragen konnte, warum ein Mädchen ihres Alters um diese Uhrzeit allein auf der Straße war, fuhr sie fort. "Ich warte auf meinen Vater. Der ist da drin.", sie zeigte hinter sich, und als Patrick ihrer Bewegung folgte, erkannte er die mächtige Silhouette des Doms. Sein Herz begann schneller zu schlagen, und er spürte, wie es stetig gegen seine Brust pochte. Seine Füße mussten ihn von ganz allein hier her getragen haben.
"Und was machst du hier?", fragte Angelina schließlich, nachdem ihr Gegenüber immer noch kein Wort heraus gebracht hatte. Patrick räusperte sich kurz, bevor er ihr antwortete. "Ich war auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk." - "Aber die Läden haben doch heute geschlossen.", ihre Stimme war hell und rein. "Das weiß ich.", antwortete er. "Aber ich brauche noch etwas, was ich mir wünschen kann." Das kleine Mädchen lachte auf. "Das ist aber sonderbar. Normalerweise laufen die Menschen vor Weihnachten immer durch die Stadt, weil sie noch nicht alle Geschenke zusammen haben. Und bei dir ist es genau anders herum?"
"Ja.", Patrick hielt kurz inne, bevor er weiter sprach. "Weißt du, ich habe im Moment einfach keine Idee, was ich mir wünschen könnte." - "Und theoretisch musst du dir etwas wünschen, weil Weihnachten das Fest der Gaben ist, richtig?" Patrick nickte. "Genau. Bloß habe ich im Prinzip alles. Ich brauche im Moment nichts. Ich bin wunschlos glücklich." Das Mädchen wandte ihren Blick nicht von ihm ab. "Was hältst du davon, wenn du dir etwas wünschst, was nicht nur dir, sondern auch anderen Freude bereitet?" Ihre Worte verwunderten ihn. "Und was könnte das deiner Meinung nach sein?"
"Du könntest denen, die schlechter als du dran sind, helfen. Zum Beispiel durch Spenden." Auf Patrick's Gesicht bildete sich ein Fragezeichen. "Und wie ist deiner Meinung nach mein Problem damit gelöst? Wenn ich Geld spende, habe ich doch immer noch keinen Wunsch, den ich meiner Frau nennen kann." - "Verstehst du nicht, was ich meine?", die Stimme des Mädchens klang fast schon verzweifelt. "Du kannst dir doch wünschen, dass jemand in deinem Namen etwas spendet." Patrick verstand immer noch nicht ganz, aber er wollte es dabei belassen, um das Mädchen nicht zu kränken.
Als die Kirchturmglocken erneut läuteten, machte das Mädchen ein paar Schritte zurück. "Ich muss nun gehen." Patrick nickte. Für ihn wurde es auch langsam Zeit. Seine Frau würde bald von ihrem Treffen heimkehren, und er wollte zu Hause sein, wenn sie kam. "Ja, tschüß!", entgegnete er leicht abwesend. Das Mädchen steuerte bereits mit schnellem Schritt auf die Kirchentür zu. Aus dem Augenwinkel heraus sah er, wie sie kurz vor ihrem Ziel noch einmal umdrehte.
"Patrick!", Angelina's Ruf drang durch die Dunkelheit. "Ja?" - "Ich möchte dir noch etwas schenken." Erstaunt über ihre Worte, ging er sogleich zu ihr. "Hier, für dich!" Das Mädchen hielt ihm eine brennende Kerze hin, dessen Flamme im leichten Wind flackerte. Er nahm die Kerze entgegen, ohne darüber nachzudenken, warum sie ihm auf einmal dieses Geschenk machte, oder ob sie tatsächlich schon die ganze Zeit über die Kerze in ihrer Hand gehalten hatte.
"Danke schön!", hauchte er sichtlich ergriffen. Doch das Mädchen bekam seine Worte nicht mehr mit. Sie war bereits im Innern des Gebäudes verschwunden. Und während die schwere Kirchentür langsam zu fiel, drangen folgende Worte in sein Ohr:
Da redete Jesus abermals zu ihnen und sprach:
Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.*
Auf dem Heimweg war Patrick wie ausgewechselt. Immer wieder musste er an die sonderbare Begegnung mit dem Mädchen denken, und auch die Wort, die er zufällig mitbekommen hatte, geisterten stetig in seinem Kopf herum. Der schwache Schein, der von der Kerze in seiner Hand ausging, erhellte auf wundersame Weise seinen Weg, und plötzlich verstand er...
Anmerkung:
* (Johannes 8,12)