Das Fest der Liebe

by me (Simone/Binky)

 

"Gut dann werde ich wohl Weihnachten ganz allein zu Hause verbringen müssen!", mit einem traurigen Blick nahm Daniel Jerome Kelly die Entscheidung seiner Kinder hin und verließ geknickt den Raum. Mühsam stieg er die große breite Treppe hinauf und verschwand am Ende des Ganges in seinem Zimmer.
'Da macht man sich so viel Mühe mit seinen Kindern, zieht sie groß, bringt ihnen lesen und schreiben bei, musiziert und spielt mit ihnen, lehrt sie nützliche Dinge zum Leben, ist immer für sie da ... doch, irgendwann ist die Zeit gekommen, wo man von ihnen allein gelassen wird - wo jeder seinen eigenen Weg geht.', dachte Papa Dan und ließ sich schwerfällig auf sein Bett plumpsen. 'Wäre meine geliebte Barbara Ann doch bloß noch bei mir ... das Leben wäre nur halb so schwer!', tief ausatmend drehte er sich auf die Seite und war auch sogleich eingeschlafen.
Sein Schlaf jedoch war ziemlich unruhig. Immer wieder sah er verwirrende Bilder vor seinen Augen und warf sich von einer Seite auf die andere.


Sie hatten einen heftigen Streit gehabt. Papa Dan hatte der Reihe nach alle seine Kinder angerufen, und ihnen sein Leid geklagt. Wie allein er doch war. Wie schlecht es ihm doch gehe. Warum denn nicht wenigstens einer von ihnen zu ihm kommen könne.
Doch alle hatten ihn nur höhnisch ausgelacht und gesagt: "Was denkst Du Dir eigentlich, wer Du bist? Kannst uns alle dirigieren, wie Marionetten? NEIN! Da hast Du Dich aber gewaltig getäuscht! Wir haben unser eigenes Leben und da bleibt keine Zeit mehr für Dich!" - Tuut Tuut Tuut.
Nur noch das Freizeichen des Telefons war nach diesen Worten zu hören - sie hatten alle wieder aufgelegt, ehe er noch ein Wort hätte sagen können.
Niedergeschlagen und bis aufs Äußerste enttäuscht hatte er nur einen einzigen Sinn in seinem - ach so verkorksten - Leben gesehen: er wollte wieder mit seiner Frau vereint sein. Mit ihr alles teilen, ihr sein Leid klagen, ihr seine Liebe schenken. Warum verstand denn niemand auf der Welt, dass er auch Gefühle hatte? Trotz seines mittlerweile hohen Alters, Liebe und Geborgenheit suchte. Jeder lebte in dieser modernen Welt nur für sich allein, ohne sich Gedanken über seine Mitmenschen zu machen.
Verärgert war er in den Schlosspark gelaufen, dessen Boden passend zur Jahreszeit mit Rauhreif bedeckt war. Seine kalten und langsam immer steifer werdenden Glieder seiner Hände hatte er in die, mit warmen Futter ausgestatteten, Manteltaschen gesteckt.
Sein Weg führte ihn zu dem kleinen Weiher, der inmitten einer großen Lichtung magisch leuchtete. Es war bereits dunkel geworden, und der Mond lugte hinter den Wolken vor, um ihm den Weg zu weisen. Vor ein paar Tagen war das Gewässer aufgrund des Frosts komplett zugefroren und schon ein paar Mal hatte er sich hierher gesellt, um den Enten bei ihren unvermeidlichen Rutschpartien zuzuschauen. Nun wollte er sich selber auf die mittlerweile wieder dünner gewordene Eisschicht wagen. Es würde doch bestimmt Spaß machen, gemeinsam mit seiner Frau eine Wettrennen auf dem Eis zu machen, phantasierte er.
Früher waren sie oft gemeinsam Schlittschuh fahren gewesen, und hatten sich jede paar Minuten in den Armen gelegen, weil immer einer beinahe hingefallen wäre. Barbara Ann tauchte in engelhafter Gestalt vor seinen Augen mitten auf dem See auf. Sie drehte ein paar Pirouetten und lächelte ihm aufmunternd zu. Helles Lachen ertönte in seinen Ohren. Lachen aus längst vergangenen Zeiten, jedoch nie vergessen. Ach, was war das doch für eine schöne Zeit gewesen. Mit Freude, Wärme, Liebe. Ja, das wollte er wiederhaben, wieder erleben dürfen.
Vorsichtig setzte er den ersten Schritt auf's Eis und tastete sich langsam immer weiter nach vorn, bis er in der Mitte des Weihers angelangt war. Noch schien das Eis seinem Gewicht stand zuhalten, aber wenn er sich schneller fortbewegen würde - mit mehr Elan, mehr Schwung - dann ... ja, dann würde er wohl bald endlich wieder mit seiner Barbara Ann vereint sein.

"Papaaaaa!", ein Schrei von mächtiger Stärke durchfuhr wie ein Blitz die Stille der Nacht. Am Rande des Weihers waren die schattenhaften Umrisse von Joseph Kelly zu sehen. Nach einer heftigen Diskussion mit seiner Freundin Tanja, die ihm vorgeworfen hatte, wie er nur so herzlos mit seinem Vater hätte reden können, und das auch noch am Weihnachtsabend, dem Fest der Liebe, war er zu guter Letzt doch noch in seinen Wagen gestiegen und hatte sich auf den langen Weg nach Schloss Gymnich gemacht. Als er jedoch das Schloss völlig verlassen vorgefunden hatte, war er sofort in den Park gestürmt, um sich auf die Suche nach seinem Vater zu machen.
"Was um alles in der Welt tust Du da?", versuchte er die Aufmerksamkeit seines Vaters auf sich zu richten, der scheinbar wie im Trance auf der Eisfläche herumstand und keine Anstalten machte, ihn bemerkt zu haben. "Vater! Wenn Du nicht sofort hörst, komme ich höchstpersönlich auf's Eis und hole Dich runter!" ... Wieder keine Reaktion. "Gut, wenn Du es nicht anders willst...". Joey machte sich wagemutig auf den Weg zu seinem Vater, der wohl völlig druchgeknallt zu sein schien.
Jedoch schon wenige Meter vom Rand entfernt geschah, was geschehen musste: Joey's Gewicht, das Gewicht eines durchtrainierten Sportsmanns war einfach zu viel für die dünne Eisschicht. Mit einem lauten Knacken bildeten sich lange Risse auf der Oberfläche. Noch ehe Joseph realisieren konnte, was da gerade vor sich ging, war er auch schon mit einem lauten Krachen eingestürzt und ins eiskalte Wasser geplatscht. "Hiiilllfffeeeee!!!"
Jetzt erst reagierte Papa Dan und wachte aus seiner Starre auf. War da nicht eben eines seiner Kinder durch das Eis in den See gefallen? Und schon erblickten seine verschleierten Augen seinen Sohn Joseph, der halb aus dem Wasser ragte und wie wild um sich schlug. Gedankenblitze durchschossen seinen Kopf. Wieso war Joseph gekommen? Was wollte er? Nun war er in Gefahr. Aber er wollte doch zu seiner Barbara. Mit ihr wieder ein gemeinsames Leben anfangen. In seinem Gewissen machten sich jedoch Vatergefühle breit. Er konnte Joseph doch jetzt nicht im Stich lassen. Seinen Sohn. ... Der sein ganzes Leben noch vor sich hatte. ... Familie, Verantwortung, Zukunft.
Nach einem letzten sehnsüchtigen Blick auf die engelhafte Barbara Ann, die in ihrem graziösen Lauf immer mehr zu verwischen schien, drehte er sich um und lief so schnell es ging zur Einbruchstelle. "Joseph, mein Junge, was machst Du denn für Sachen?", besorgt blickte er in die Augen seines Sohnes, die um Hilfe zu schreien schienen. Vorsichtig legte er sich auf die Eisfläche und streckte seinen Arm aus, den Joey dankbar annahm. Mit aller Kraft und großer Anstrengung gelang es schließlich den Beiden, Joey aus dem kalten Wasser zu ziehen, und sich gemeinsam an den Uferrand zu schleppen. Total verschwitzt und mit den Nerven am Boden, lagen sie nun dort - völlig geschafft, die Hand des anderen jeweils fest umschlossen.


Bedrückende Stille herrschte im Raum, nachdem ihr Vater so Schlag auf Schlag das Zimmer verlassen hatte. Alle wirkten in sich gekehrt und hingen ihren eigenen Gedanken nach. Jedes Gesicht so verschlossen, dass nichts und niemand schien eindringen zu können.
James Victor war der Erste, der nach dieser Situation zu reden begann: "Also ... ich finde, Vater soll sich nicht so anstellen! Was ist denn schon dabei? Hey! Ich mein ... schließlich sind wir nun alle erwachsen und wollen unsere eigenen Wege gehen! Wieso kapiert der das nicht??"
Nun ergriff Patricia das Wort:" Ja, weisst Du ... ich denke Papa fühlt sich einfach vernachlässigt. Früher waren wir alle von ihm abhängig ... wir hatten nichts anderes ... waren füreinander da ... auch an Weihnachten. Und jetzt kann er es einfach nicht so schnell begreifen, dass wir unser eigenes Leben aufgebaut haben ... selbständig sind ... unsere eigenen Pläne haben. Wir haben keine Zeit mehr, an Weihnachten hier mit allesamt zu sitzen, und Lieder zu singen. Schließlich haben wir das jahrelang gemacht. Tja, und nun haben wir uns dazu entschlossen, jeder für sich zu feiern. Jeder mit seinen Freunden und Bekannten, sie vielleicht sonst die ganzen Jahre immer einstecken mussten. Das versteht er einfach nicht! Das ist zu viel für ihn!" Patricia hielt inne.
Ein paar Sekunden vergingen, und James warf ein: "Und wieso ist er auch nicht mit unserem Angebot zufrieden? Wieso hält er so an alten Zeiten fest? Schließlich haben einige von uns ihm angeboten mit ihnen im kleinen Kreis zu feiern! Wieso will er nicht weg von Gymnich? Wieso will er uns alle in Beschlag nehmen? Wieso ist er so stur? Kann er denn nicht einmal über seinen eigenen Schatten springen?" "Ich weiss es nicht! Ich weiss es einfach nicht!", kopfschüttelnd vergrub Patricia das Gesicht in ihren Händen.
Die Diskussion schien für's erste beendet. Keiner konnte sich einen Reim aus den Gefühlen des Vaters machen. So ging jeder wieder seiner eigenen Arbeit nach ... niedergeschlagen ... in sich gekehrt.
Maite, Barby und Patricia begaben sich in die Küche, um endlich die neuen Rezepte für Weihnachtsplätzchen auszuprobieren. Kathy wollte nach Sean schauen gehen, dem es gar nicht gut ging und er schon im Bett lag. Angelo und Paddy verschwanden im Musikzimmer, um weiter an ihrem neuen Song herumzufeilen. Joey und Jimmy gingen raus in den Schlosspark um einen geeigneten Baum für die Festtage zu finden. Schließlich sollte es hier drinnen doch weihnachtlich aussehen, wenn sie ab und zu mal zu Besucht kamen. Und Johnny verzog sich auf sein Zimmer und hing seinen Gedanken nach.
Erst einige Stunden später, als es draußen schon dunkel wurde, und es Zeit für's Abendessen war, versammelten sie sich alle wieder in großen Saal. Nur einer fehlte: Papa Dan. Keiner getraute sich jedoch darauf anzusprechen, denn jedem lag noch die Diskussion vom Nachmittag schwer im Bauch. Sie warteten schweigend ein paar Minuten und fingen dann ohne ihn an zu essen, damit nicht alles kalt wurde. Vielleicht hatte er sich ja hingelegt und war eingeschlafen...


Schweißüberströmt wachte Daniel Kelly auf. Er zitterte am ganzen Körper, den Traum noch bildlich vor seinen Augen. Regungslos blieb er liegen, die Bettdecke fest an seinen Körper gedrückt.
'Was war er doch für ein Dummkopf gewesen!? Auch er hatte manchmal nachzugeben, hatte nicht immer nur auf andere zu spekulieren! Er musste doch stolz sein auf seine Kinder ... dass sie es geschafft hatten ihren eigenen Lebensweg zu gehen, sich eine eigenen Existenz aufzubauen. Aber er hatte nur blind und eifersüchtig wie ein kleines Kind gedacht. Sich unverstanden und ungeliebt gefühlt. ... Dabei hatten sie ihm doch alle angeboten, mit ihm Weihnachten zu verbringen ... nur halt nicht alle zusammen an einem Ort. Jeder für sich, an seinem liebsten Fleckchen auf der Welt.'
Langsam verstand er, was der Traum ihm hatte sagen wollten! Sein Herzschlag beruhigte sich wieder und ein wohliges Gefühl breitete sich in seinem Körper aus. Er blieb noch eine Weile liegen und ließ seinen Gedanken freien lauf.
'Sein oller Dickschädel würde ihn noch eines Tages umbringen. ... Aber späte Einsicht war besser als nichts!'
Ein Lächeln auf den Lippen und zufrieden mit sich selbst, schlug er die Bettdecke zurück, schlüpfte in seine Pantoffeln, zog sich einen Hausmantel über und begab sich auf den Weg nach unten, um sich bei seinen Kindern für seine Sturheit zu entschuldigen.

Gerade, als diese mit dem Abendessen begonnen hatten, betrat er das Zimmer. Der Blick eines jeden einzelnen wanderte zu seinem Vater und versuchte abzuschätzen, was er gerade dachte. Ob es ein weiteres Donnerwetter geben würde, oder er sich wieder beruhigt hätte.
Ohne zu zögern schritt Papa Dan zu seinem Stuhl am Tisch, nahm Platz und sprach: "Kinder ... Ja, ich weiss ... ich habe einen Fehler gemacht ... aber nun möchte ich mich bei Euch entschuldigen!" Erstaunt schauten ihn alle an. "Mir sind die Augen geöffnet worden, und ich habe eingesehen, dass es nicht richtig war, Euch vorzuwerfen, Ihr würdet nur an Euch denken." Alle schauten ihren Vater gebannt an. "Es war doch Beweis genug dafür, dass Ihr Euch um mich sorgt, als Ihr mich Weihnachten zu Euch eingeladen habt, obwohl Ihr nicht gewillt seid hier alle zusammen zu verbringen. Gerade an Weihnachten, dem Fest der Liebe."
Er holte tief Luft: "Jeder von Euch hat mir seine Liebe bewiesen, und das habe ich nun verstanden. ... Jedoch muß ich mich dennoch für eine Einladung entscheiden, denn schließlich kann ich mich ja nicht in mehrere Teile aufteilen, was!??", ein belustigtes Lachen war aus seiner Kehle zu hören. Nun tauten auch langsam die 9 Geschwister auf. Ihnen fiel ein Stein vom Herzen, und sie stimmten nacheinander in das Gelächter mit ein.
"Also ... hört zu! ... Patrick, Maite, Angelo ... Euch will ich mal lieber nicht nach Amerika begleiten, denn ich denke, für Eure Aktivitäten bin ich dann doch ein bisschen zu alt.", er musste lachen. "Johnny ... Dich und Maite will ich in Spanien lieber nicht stören. Ihr habt doch bestimmt genug Dinge vor, die keinen was angehen.", still lächelte er in sich hinein. "Patricia und Denis wollen nach Russland, und da ist es mir ein wenig zu kalt.", um seine Aussage zu unterstreichen rieb er sich die Hände, als wolle er sie aufwärmen. "Irland wäre zwar auch ganz schön ...", er blickte zu James und Barby, "... jedoch möchte ich mir eigentlich so eine weite Reise nicht antun."
Er blickte in die Runde. "Tja, bleiben also nur noch Kathleen, meine Große, und Joseph ...", mit vielsagenden Blick schaute er seinem Sohn in die Augen. 'Ja, mit ihm würde er Weihnachten verbringen wollen.', er dachte an den verwirrenden Traum, der für immer in seinem Gedächtnis bleiben würde. 'Er hatte ihm die Augen geöffnet! Er war sein Retter gewesen!'
"Kathy, sei mir nicht böse, aber meine Entscheidung ist auf Joseph und seine Familie gefallen. Ich habe meine Gründe dafür ...", er schwieg eine Weile. Nichtssagend für seine Kinder, da diese seine wahren Gründe nie erfahren würden. "Aber ich würde doch so gerne das 1. Weihnachtsfest von meinem Enkelsohn Luke miterleben dürfen." Er lächelte und fuhr fort: "Natürlich nur, wenn Du wirklich nichts dagegen hast! ... So, und nun lasst uns essen, denn Ihr wisst sicher selber, wie schlecht kaltes Essen schmeckt."
Jeder, sichtlich beruhigt, ließ nun seinem Wortschwall freien Lauf. Und während die 9 Kinder samt ihrem Vater um den großen Tisch herum saßen und wie wild durcheinander redeten, freute sich jeder einzelne über die positive Wendung, die allen die Tage bis Weihnachten, dem Fest der Liebe, gerettet hatte.


© me (Simone/Binky) (15/ + 26/ + 30/11/2000)

 

Santa Bar

Last update: 21/11/2004

(Online since: 07/12/2000)


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