Ort ohne Dunkelheit
Wir werden uns an einem Ort treffen, wo es keine Dunkelheit gibt

by Berrit   i_am_hidden@gmx.at

 

1.

Sie war müde und wollte einfach nicht mehr. Das war einfach alles zuviel für sie gewesen. Der plötzliche Anruf mit der Bitte sofort nach Deutschland zu kommen, das Entsetzen als sie ihr sagten, dass ihre Taufpatin, der Mensch dem sie so sehr vertraute wie ihrer Mutter und sie beinahe genauso liebte, im Sterben lag, dann der überstürzte Flug und die ganze Nacht lang wach und stumm vor nicht- begreifen-können, dass sie wirklich tot war. Sie war noch rechtzeitig gekommen, aber die Zeit die sie noch hatte war einfach zu kurz gewesen, da war noch so viel was sie ihr hatte sagen wollen, so viel, das die 2 verbunden hatte .... es war als hätte sie ihre große Schwester verloren. Ein Gefühl der Leere hatte sich in ihr ausgebreitet und nicht einmal ihre Eltern wussten wie sie sie trösten konnten. Und das Allerschlimmste war, - sie konnte nicht weinen. Der Schmerz nahm ihr die Luft zum Atmen; schnürte ihr die Kehle zu.
Sie hatte die Nächte nicht schlafen können. Und morgen sollte das Begräbnis sein. Für eine Frau die viel zu früh gestorben war, und die noch so viel vorgehabt hatte in ihrem Leben. Aber der Krebs war stärker gewesen. Sie hatte geglaubt sie hätte ihn überwunden, aber dann ....
Sie schluckte. Sie wollte jetzt nicht darüber nachdenken. Sie war einfach losgegangen. Sie musste sich selbst wieder finden. Zuerst wunderte sie sich über den Haufen Mädchen die da vor einem bewachten Tor saßen und standen und sich lautstark unterhielten. Dann viel es ihr wieder ein. Die Kelly Family wohnte ja auch in diesem Ort. Normalerweise hing sie oft ihren Gedanken nach und träumte wenn sie ihre Musik hörte, aber gerade die konnte sie jetzt nicht vertragen. Die vielen Mädchen machten sie unruhig. Wieso war sie gerade hierher gekommen? Sie wollte allein sein, und was war jetzt? Sie musste fort von hier und zwar schnellstens. Sie umrundete das große Grundstück und wollte wieder in die Richtung ihrer derzeitigen Unterkunft. Aber langsam und - vielleicht würde sie noch in das Wäldchen gehen. Die Natur war ihr immer ein Trost gewesen.
Als sie um die Ecke war musste sie sich einen Kiesel aus dem Schuh holen.
Sie sah auf und stockte. War da nicht etwas? Irgend jemand weinte da. Ein leises verzweifeltes Schluchzen. Sie sah sich um. Hier konnte niemand sein. Diese Straße wurde so gut wie nie befahren, und außerdem - sie musste den oder die doch sehen können....
Sie ging weiter. Das leise Schluchzen verfolgte sie. Aber es kam näher. Auf ein paar Stufen die Straße ging ein wenig bergab, saß er. Die Beine an den Körper angezogen, die Arme um die Knie geschlungen und den Kopf im Schoß vergraben.
Sie stand reglos da und hatte nur einen Gedanken: warum weint er?. Hier, keinen halben Kilometer entfernt von den vielen lärmenden Fans und den blitzenden Photoapparaten. Hatte ihn denn bis jetzt keiner bemerkt? Waren die dort alle so auf das Tor fixiert um ihn zu bemerken?


2.

Gut das sie es nicht getan hatten. Er wollte allein sein. Wer wollt niemanden sehn. Die ganze Welt schien ihn zu hassen und auf ihm herumzutrampeln wie auf einem alten Teppich. Und er hasste sie auch alle. Sie waren einfach das allerletzte. Taten ihm immer nur weh und wollten dann auch noch von ihm den Sunnyboy gespielt bekommen. Aber er war doch nicht ihr Trottel vom Dienst. Er war auch nur ein Mensch. Ein sehr einsamer.

Sie stand noch immer da. Er bemerkte sie nicht. Sie wusste nicht was sie tun sollte. Einfach wieder gehen, so, als ob sie nichts gesehen hätte, oder .... leise setzte sie sich neben ihn. Es war wie eine Instinkthandlung. Sanft streichelte sie ihm übers Haar. Nicht mehr.

So saßen sie da. Eine halbe Stunde. Vielleicht länger, vielleicht kürzer. Der Weinkrampf schüttelte ihn und sie legt behutsam einen Arm um ihn, darauf gefasst ihn sofort wieder wegzunehmen wenn er es wollte. Aber er lies sie gewähren. Sie nahm ihn in die Arme und sprach leise und beruhigend auf ihn ein.

"Bssssd. Es ist schon gut. Es wird alles wieder gut. .... Ja, wein dich aus. Lass alles raus. So ist es
gut .... Lass es raus, sonst bringt es dich um. Lass alles raus ....."

Die Stimme kam von weit her und er kuschelte sich in die schützende Umarmung. Das tat so gut .... Er wollte doch nur geliebt werden. Aber die Fans ließen das nicht zu. Er hatte sie wirklich geliebt, aber sie hielt die Fans nicht mehr aus, die Morddrohungen und das er so oft nicht da war. Er hatte es nicht glauben wollen, als sie ihm übers Telefon erklärt hatte, dass das alles einfach zuviel für sie war. Am Telefon. Weil sie sich nicht mehr in seine Nähe traute und weil sie den Abschied so kurz und schmerzlos wie möglich machen wollte. Aber ihm hatte es das nicht leichter gemacht. Wieder eine, die ihn wegen den Fans verließ. Nur eine mehr, aber diese eine war eine zu viel.
Er war nach draußen gerannt, wollte ins Wäldchen, raus aus dem goldenen Vogelkäfig der, so groß er auch zu scheinen schien, ihm wie ein Gefängnis vorkam. Er hatte die Fans vergessen. Kaum war er draußen gewesen hatte das Blitzlichtgewitter angefangen. Die Mädchen hatten ihn abgegrabscht und befummelt wie ..... wie .... dafür gab es keine Ausdruck. Es war einfach zu viel für ihn gewesen. Er hatte sie lautstark beschimpft und die Mädchen wurden dadurch nur noch zudringlicher. Es schien ihm als hätte es Stunden gedauert bis die Wachleute ihn da endlich rausgeholt hatten. Dann war er im goldenen Vogelkäfig herumgelaufen wie ein krankes Tier bis er sich an das Schlupfloch erinnert hatte, das man von außen nicht sah und hatte eigentlich vorgehabt wegzulaufen. Egal wohin. Einfach nur weit weit weg. Kaum das er draußen war hatte der Weinkrampf begonnen.
Er hatte eine Ewigkeit dagesessen bis auf einmal .... eine warme Hand über seinen Kopf gestreichelt hatte. Mehr nicht. Und dieses Streicheln hatte ihm erst gezeigt, wie einsam er war und wie sehr er jemanden brauchte der ihn liebte.

Sie hielt ihn immer noch fest. Ihr Hemd war nass von seinen Tränen, aber das störte sie nicht. Sie wusste nur, dass sein Schmerz den ihren verdrängt hatte. Er hatte sie eingenommen. Sie hatte das nicht gewollt, aber es war einfach so passiert. Er hatte sie von ihrem eigenen Kummer abgelengt. Für kurze Zeit.

Langsam beruhigte er sich wieder. Er wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht, suchte nach einem Taschentuch und schneuzte sich.

Sie sahen sich stumm an. Eine ganze Zeit lang. Keiner von beiden wusste wie lang es war, aber es war unwichtig.


3.

Sie sah in seine Augen und war wie gebannt. Noch nie hatte sie solchen Schmerz und solch maßlose Trauer in den Augen eines Menschen gesehen. Und doch war da etwas. Sie konnte nicht sagen was, aber es fesselte sie.
Sie erwachte erst aus ihrer Starre, als er ihr behutsam über die Wange fuhr und eine Träne wegstreichelte. Da brach es auch aus ihr heraus und sie konnte endlich ihrer Trauer freien Lauf lassen. Sie weinte nie vor anderen. Es war ihr unangenehm. Es machte sie verletzlich und das wollte sie nicht sein. Nie.
Sie schob seine Hand fast unsanft weg und schüttelte den Kopf.

Er verstand sie nicht. Ihn hatte sie so gut getröstet und sie selber wollte nicht getröstet werden? Warum weinte sie überhaupt. Doch nicht wegen ihm? Das wollte er nicht.
Nein. Sie verneinte als er sie fragte. Er wollte wissen warum SIE weinte. Aber sie schüttelte wiederum den Kopf. "Du hast doch selbst gesagt: Lass es raus, sonst bringt es dich um." Er streichelte ihr abermals über die Wange.

Sie begann leise und stockend zu erzählen. Es gab ja nicht viel zu sagen. Ihre Taufpatin, ihre große Schwester die sie nie gehabt hatte, war tot. Und es tat so unendlich weh. Und sie ließ all die Trauer und den Schmerz raus und machte sich frei. Sie weinte nicht lange aber es waren die Tränen die sie zu ersticken gedroht hatten und die wurden endlich aus ihr heraus gespült.

Nun war es an ihm sie in die Arme zu nehmen. Er streichelte ihr über den Kopf, über den Rücken, drückte sie zärtlich an sich und ..... er genoss das Gefühl, die Nähe, ihr warmer Körper so nah an seinem. Wie sehr hatte er das vermisst. Seine ex-Freundin war nie sehr zugänglich für solcherlei Zärtlichkeiten gewesen. Sie wollte mit ihm schlafen oder nicht. Doch, Küssen ließ sie auch zu. Aber nur dann wann sie wollte. Das waren Gedanken die er heute zum ersten Mal dachte. Für ihn war sie immer DIE Traumfrau gewesen, aber gegen dieses zerbrechliche Wesen hier in seinen Armen war sie wie ein Bulldozer (Plannierraupe) der alles niederfuhr. Wenn er jetzt darüber nachdachte viel ihm auf, wie selten sie sich ihm wirklich geöffnet hatte. Seelisch. Körperlich war sie immer für ihn offen wann sie es wollte. Aber er hatte sie nie weinen sehen. Nie hatte sie sich hilfesuchend an ihn geschmiegt und sich ihm überlassen, so wie es diese wildfremde Mädchen in diesem Moment machte. Und bei ihr kam es ihm auch so total richtig vor. So, als ob er nur darauf gewartet hätte das sie kommen würde sich bei ihm ausweinen würde, weil ein Mensch den sie sehr geliebt hatte gestorben war.
Er konnte seine Gefühle nicht einordnen. Aber es war gut so. Es kam ihm so richtig vor.

Langsam löste sie sich von ihm. Er hielt ihr ein Taschentuch hin und sie putzte sich die Nase.
"Es tut mir leid. Ich konnte nicht anders, als ich dich da sitzen sah. Und es tut mir leid, dass .....
dass ....", sie wusste nicht was sie sagen sollte.
"Es soll dir überhaupt nichts leid tun. Ich bin froh, dass ich ...., dass du hier bist."

Sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Sie wollte ihm auf keinen Fall verärgern oder von ihm als sensationsgeiler Fan abgestempelt werden, aber sie wollte wissen: " Warum ....?"

Er versteifte sich. Was wollte sie. Sie kam ihm so anders vor, als die anderen Fans, aber weshalb war sie sonst vor dem Schloss gewesen? Was hatte sie hier gewollt? Was wollte sie jetzt von ihm wissen?
Seine Gesichtszüge verhärteten sich. Er konnte sich doch nicht so in ihr getäuscht haben....

Sie schluckte. Genau das hatte sie verhindern wollen. Er hatte Abwehrhaltung eingenommen.
"Was?." fragte er unfreundlich und grob.
" ..... Nichts. Es war nicht wichtig."
Sie schwiegen.
"Kann ich dir - ich meine, ich bin kein Fan von euch. Nicht wirklich. Ich höre euch gerne singen, und ich geh auch schon mal auf ein Konzert, aber .... "
"Und wieso lungerst du dann hier vorm Schloss rum?!"
Sie schluckte. "Ich wollte allein sein. Ich musste weg von dort wo alle waren und mich ständig an sie erinnert haben. Ich bin einfach ziellos weggegangen und - da bin ich eben hier gelandet. Ich hab ja nicht mal ne Ahnung, wie ich wieder zurück finden soll. Ich bin einfach blind losgerannt...."

"Es tut mir leid ... ich wollte nicht ... nicht böse sein, aber die meisten Leute hier .... "
"Ist schon klar. Ich wird mich jetzt auf den Heimweg machen und hoffen, das ich mich nicht noch mehr verlaufe." Sie stand auf und winkte leicht. "Ciao. Und danke, dass ich mich bei dir aureden durfte." Sie lächelte ein wenig und es kam ihm so vor, als würde die Sonne aufgehen. Dann drehte sie sich um und ging.

Wie ein Schlafwandler huschte er zurück in den Park und ging langsam wieder Richtung Haus.
Das war sie. Da war er sich ganz sicher. So musste es sich anfühlen. So angenehm warm und wie ein leichter Windhauch auf nackter Haut. So wie das Mädchen, als es sich an ihn geschmiegt hatte. Ohne Drängen, ohne Fordern; Sie hatte er gesucht. Die anderen vor ihr waren nur um die Zeit zu überbrücken, bis er sie gefunden hatte. Aber die Suche war jetzt vorbei. Heute hatte sie sich an ihn gelehnt und seinen Schutz gebraucht. Heute hatte sie ihm gezeigt, wer sie war, und das sie für ihn da war. Aber auch, das sie ihn brauchen würde.
Er WOLLTE gebraucht werden.
Im Bett zusammengerollt durchlebte er die ganze Szenerie noch einmal und genoss jeden einzelnen Moment. "Ich kenne doch noch nicht einmal ihren Namen ...." , dann schlief er ein.


© Berrit (Vielen Dank!)


Bar Letter

Last update: 14/03/2001

(Online since: 14/03/2001)

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