Es war Montag, der 28. August 2000 und im Haus Kelly schlief keiner mehr. Um 7.00 Uhr war bereits Kathy wach und ging ins Bad. Als sie fertig war, lief sie die Treppe ihres Einfamilienhauses hoch, um ihren kleinen Sean zu wecken. Er schlief noch tief und fest; träumte von Pikachu und Pokemon. Für ihn war dieser Tag ein ganz besonderer Tag, sein erster Schultag.
Kathy trat ins Zimmer und ging zum Fenster, um die Rollos hochzuziehen. Es war ein wunderschöner Tag. Die Sonne schien und die frische Luft zog durch die Fensterspalten in sein Zimmer. Kathy strich ihm sanft mit der Hand über die Wange und flüsterte ihm leise ins Ohr: "Seany, aufwachen. Es ist schon spät. Du mußt aufstehen, sonst kommst Du noch zu spät zur Schule. Und das macht keinen guten Eindruck, gleich am ersten Tag." "Ach Mami, ich bin aber noch so müde." antwortete Sean. "Nun komm;, raus aus den Federn. Keine Widerrede." sagte sie.
Sean stieg aus dem Bett, schlüpfte in seine Hausschuhe und lief zur Tür hinaus, geradewegs ins Badezimmer. Kathy folgte ihm. "Du Mami, weißt Du, was ich die Nacht geträumt habe?" "Nein, mein Schatz. Was hast Du denn geträumt?" fragte sie. "Von den Pokemons", antwortete Sean, "ich habe geträumt, dass ich einer von ihnen bin." "Aha, Du hast sicher noch mehr davon zu erzählen, aber das verschieben wir auf später, ja?" "Wir müssen uns beeilen."
Kathy ging wieder nach unten in die Küche, um das Frühstück für Sean vorzubereiten. Währenddessen putzte sich Sean die Zähne und machte eine kleine Katzenwäsche. Als er fertig war, ging er wieder in sein Zimmer. Kathy hatte auch schon die Brote gemacht und kam nach oben. "Sean, Deine Sachen liegen auf Deinem Stuhl." "Danke, aber ich möchte nicht diesen Pullover anziehen. Der kratzt. Kann ich den Pullover mit den Pokemon-Figuren anziehen?" Kathy ging auf Seans Kleiderwunsch ein, allerdings hatte sie eine Bitte an ihn: "Ab morgen suchst Du Dir aber selbst, was Du anziehen möchtest. Du bist jetzt alt genug." Sean verzog etwas das Gesicht, stimmte aber zu. "So, wo ist Dein Schulranzen? Ich habe Dir hier Dein Frühstück hingelegt. Du packst es dann selber ein. Wenn Du fertig bist, kommst Du nach unten. Das Frühstück steht nämlich schon auf dem Tisch." Sean: "Ja, bin gleich unten."
Kathy war schon wieder in der Küche und trank in Ruhe ihren Kaffee. Sean schlenderte langsam die Treppe runter und kam in die Küche. "Oh fein, Kakao und Honigbrötchen." "Komm, setz Dich hin und iß. Wir müssen in 5 Minuten fahren. Im Radio wurde gerade Stau in der Innenstadt angesagt." Sean beeilte sich und trank den Kakao in einem Zug. Ein Schnurrbart im Gesicht blieb zurück. "So Sean, wir müssen jetzt fahren." "Ich bin aber noch nicht fertig." antwortete Sean. "Willst Du zu spät zur Schule kommen?" "Nein." Kathy: "Dann komm jetzt bitte."
Kathy und Sean verliessen das Haus und flitzten schnell zum Auto; schloßen auf und sassen drin. "Bist Du angeschnallt?" fragte Kathy. "Ja." antwortete er. "Gut." erwiderte sie. Kathy nahm den Rückwärtsgang und fuhr langsam aus der Garage auf die Strasse zu. Plötzlich schrie Sean: "Halt, Mami, pass auf. Da kommt ein Auto." Kathy bremste: "Puuuh, danke, da haben wir noch einmal Glück gehabt."
Endlich waren sie auf dem Weg zur Schule. Es waren noch 10 Minuten bis Unterrichtsbeginn. Kathy war in Eile und regte sich über andere Autofahrer auf: "Nun fahr doch. Bist Du farbenblind? Die Ampel steht auf grün." Sean versuchte seine Mum zu beruhigen. "Sieh mal, dort vorn ist die Schule." sagte er, als es noch etwa 500m bis zur Schule waren. Kathy: "Ich glaube, wir haben es mal wieder geschafft." Sie parkte an der Strassenseite und beide stiegen aus. Kathy half ihrem Sohn beim Aufsetzen des schweren Rucksacks; drückte ihm noch ein Kuß auf die Wange und wünschte ihm viel Spass. "Ich hole Dich um 12.30 Uhr wieder ab." Sean: "Ja, tschüß."
Sean rannte auf den Schulhof und sah viele neue Schulanfänger. Aber keiner kam ihm irgendwie bekannt vor. Er schaute sich um, beobachtete andere Jungen beim Spielen. Alles war neu für den Kleinen. Vor dem Schuleingang stand ein etwas älterer Herr, der Direktor der Schule. Er sah sehr nett aus. Der Direktor versuchte die Neuankömmlinge zu beruhigen und begann mit der Zuordnung der Klassen. Sean stellte sich weit nach vorn, um etwas zu verstehen. Der Direktor begann die ersten Namen vorzulesen. Nachdem er die ersten 10 neuen Schulkinder vorlas, nannte der Direktor: "Sean Kelly." "Ja, hier bin ich." antwortete Sean. "Ach Du bist der kleine Sean, herzlich willkommen. Gehe doch bitte in Raum 2. Dort ist Deine Klasse und Deine neue Lehrerin." bat der Direktor den Kleinen. "Ja, ist gut", sagte er und flitzte schnell ins Schulhaus.
Da Kathy ihm schon die Zahlen gelernt hatte, wußte der kleine Kelly genau, in welchen Raum er gehen mußte. Dann stand er nun vor seinem neuen Klassenraum. Etwas ängstlich blieb er vor der Tür stehen und schaute nur rein. Es waren schon einige Kinder da und spielten miteinander. Irgendwie traute er sich nicht richtig in den Raum zu gehen. Da kam eine junge Frau auf ihn zu, seine neue Klassenlehrerin: "Hallo, ich bin Frau Gärtner, Deine Lehrerin, und wer bist Du?" Sean guckte etwas verängstigt: "Mein Name ist Sean, Sean Kelly." "Ach Du bist der Kleine", sagte sie, "na dann hereinspaziert und herzlich willkommen. Suche Dir einen Platz und stelle erst einmal Deine Schulmappe ab. Die ist bestimmt schwer."
In der Zeit begrüßte Frau Gärtner schon die nächsten neuen Schüler. Sean schaute sich in seinem neuen Klassenraum um. Er überlegte: "Wo setz ich mich jetzt bloß hin?" Da kam ein Junge auf ihn zu: "Hallo, wie heisst Du? Ich bin Andreas." "Hallo Andreas", sagte er, "ich bin Sean." "Wenn Du willst, kannst Du Dich neben mich setzen. Der Platz ist noch frei.", sagte Andreas. Sean überlegte kurz und meinte: "Oh ja, warum denn nicht." Sean freute sich, dass er gleich eine neuen Freund gefunden hat. Andreas und Sean unterhielten sich noch etwas und dann klingelte es schon. Die erste Unterrichtsstunde der beiden begann. Sean hatte keine Mühe, dem Unterricht zu folgen. Er langweilte sich eher, da er schon alles konnte. Er hatte schon so viel von seinen Onkels und Tanten gelernt, dass selbst Frau Gärtner den Eindruck bekam, er wäre unterfordert.
Als es nun zum letzten Mal für diesen Tag klingelte, sprangen alle Kinder auf und räumten schnell ihre Schulsachen zusammen. Für jeden einzelnen war dies ein ganz besonderer Tag. Sie gingen nun zur Schule; mit anderen Worten, sie gehörten nun zu den Großen. Voller Stolz verließ Sean mit seinem neuen Freund Andreas das Schulgebäude. Sie stolzierten bis zur Hauptstraße, wo sich ihre Wege trennten. Schon von weitem sah Sean seine Mutter am Auto stehen und auf ihn warten. Er rannte die letzten Meter und kam völlig außer Atem bei ihr an. "Na Großer, wie war dein Tag?", wollte Kathy wissen und umarmte ihn. Stolz präsentierte Sean seine Aufgaben und erzählte von seiner Lehrerin, von Andreas und den anderen Kindern.
"Sean, ich hab’ noch eine Überraschung für dich!". Erstaunt sah der Junge seine Mutter an und seine Augen begannen zu leuchten: ""Hast du mir etwa doch die neue Herkulesfigur gekauft?". "Nein, was willst du denn mit so was!", gab sie zurück, bereute aber schon, dass ihr Ton wohl etwas zu streng herüberkam. Sean blickte enttäuscht zu Boden und schmollte vor sich hin. "Nun sei nicht gleich beleidigt. Es ist was viel besseres!", versuchte sie ihn aufzumuntern. "Du musst nur mal ins Auto schauen!". Eigentlich hatte er ja nicht gucken wollen, aber seine Neugier siegte schließlich doch über die Wut auf seine Mama, so dass er die Tür öffnete.
Da guckten ihn zwei kleine, schwarze Knopfaugen erwartungsvoll an. "Ein Hund, ein Hund!", schrie Sean begeistert, so dass der Welpe erschrocken zusammenzuckte. "Hey Sean, jetzt hast du ihn erschreckt. Hör’ auf zu schreien! Du musst leise sein, sonst bekommt er doch Angst. Er ist noch klein, vergiss’ das nicht. Er gehört dir. Du bist jetzt ein großer Junge und du musst auf ihn aufpassen und dich um ihn kümmern. Machst du das?". Sean nickte eifrig. Er hatte sich schon immer einen Hund gewünscht, mit dem er durch den Schlossgarten toben konnte.
Die Schule hatte also doch seine guten Seiten, stellte Sean für sich fest. Man gehörte endlich zu den Großen. Freudestrahlend schloss er seinen kleinen, neuen Freund in die Arme und beschloss, immer gut für ihn zu sorgen.