Damals
Mein Name ist Patrick. Alle nennen mich Paddy, finde ich auch nicht schlimm. Der Name passt zu mir, viele sagen, dass er genauso süß ist wie ich. Ich bin jetzt 12 Jahre alt und schon ein großer Star. Seit ich denken kann, mache ich mit meiner Familie Musik. Singen kann ich eigentlich auch recht gut. Außerdem spiele ich Gitarre und noch viele andere Instrumente. Aber es reicht mir noch lange nicht. Ich bewundere die großen Musiker, die wirklich Meister in ihrem Fach sind. So möchte ich auch einmal werden. Ich, mit meiner Familie. Wir geben oft Konzerte. Oft auf Marktplätzen, aber wir haben auch schon in Zelten gespielt, und auch schon mal in einer großen Halle. Die war sogar ausverkauft. Ich war da aber noch sehr klein. Die Straßen und Marktplätze mag ich aber lieber. Es ist familiärer. Meistens kommen die selben Leute, ich kenne schon ihre Gesichter. Aber unsere Fangemeinde scheint sich täglich zu vergrößern. Zwischen den Konzerten muss ich mich mit meinen jüngeren Geschwistern ausruhen. Wir sind dann meistens in unserem Bus und spielen. Aber ehrlich gesagt würde ich viel lieber bei den Älteren sein und das machen, was sie auch tun... Autogramme geben, Fotos machen, CDs verkaufen, Sound check, Auf- und Abbau, und all das Zeug, was eben dazu gehört. Aber mein Vater will das nicht, er denkt, wir wären noch viel zu klein. Dabei bin ich doch sozusagen der Star der Band. Ich stelle meine Familie auf Konzerten vor, viele meinen, ich schreibe die besten Lieder und vor allem bin ich doch der süße Paddy. Nein, eingebildet bin ich nicht, ich gebe nur das wieder, was andere zu mir sagen. Und ihnen glaube ich. Jetzt noch ein bisschen über mich. Also, ich habe lange Haare, so wie alle in meiner Familie, das ist irgendwie unser Erkennungszeichen. Ich weiß gar nicht mehr wie es angefangen hatte, irgendwie war für mich immer klar, dass ich mir meine Haare nicht abschneiden werde. Und noch etwas haben wir alle gemeinsam, die blauen Augen. Meine sind Dunkel, aber ich habe ja auch fast braune Haare, die meisten meiner Geschwister sind hingegen blond. Geboren bin ich in Dublin, aber ich habe fast keinen Bezug zu Irland. Wir haben zwar alle einen irischen Pass, aber wir haben schon fast überall in Europa gewohnt, da ist es schwer ein Zuhause zu finden. Spanien, Frankreich, Holland und nun Deutschland. Sprachen lernen ist eine Leichtigkeit für mich, obwohl ich nie in einer Schule war. Ja, richtig, da war ich nie. Mein Vater hat uns unterrichtet, und zur Zeit haben wir Privatlehrer die uns auf der Tour begleiten. Seit ich mich erinnern kann, waren wir nur unterwegs und haben gesungen, da war keine Zeit für die Schule. Jetzt zu einem etwas traurigerem Kapitel in meinem Leben. Als ich fünf Jahre alt war, starb meine Mutter. Sie hatte Krebs, ich habe das damals nicht verstanden und es war sehr schwer. Heute bin ich auch oft noch traurig, aber ich habe meine Geschwister und meinen Vater, wir halten alle zusammen. Nichts wird uns trennen können, die gebe ich niemals her. Letztens haben wir eine neue Schallplatte aufgenommen. Sie heißt "New World" und ist total gut geworden, ich bin sehr stolz, genauso wie all meine anderen Geschwister. Einige Lieder darauf haben wir sogar selber geschrieben, ich finde, wir können das alle schon recht gut. Rausgebracht haben wir die Platte selber, wir haben nämlich eine eigene Firma. Ist eben alles professionell und perfekt. Und wir verstehen uns alle total gut. Wir leben jetzt auf einem Boot, manchmal segeln wir damit auch rum. Mit meinem kleinen Bruder Angelo teile ich mir eine Kajüte. Wir sind die besten Freunde, auch wenn er mir manchmal auf die Nerven geht. Immerhin ist er erst acht Jahre alt. Aber auch er singt schon mit und schreibt eigene Lieder, manchmal helfe ich ihm dabei. Ich denke, er hat Talent, aus ihm kann noch mal ein großer Star werden. Soll ich ihnen noch von meinen anderen Geschwistern erzählen? Das sind sehr viele, würde lange dauern. Aber ich denke, sie werden sie noch alle kennen lernen, im Laufe der Zeit. Ich habe nämlich beschlossen, so oft ich kann und Zeit habe, an diesem Text weiter zu schreiben. Vielleicht endet es, wenn ich 90 Jahre alt bin, dann haben sie meine ganze Lebensgeschichte.... und falls ich wirklich irgendwann mal richtig berühmt werden sollte, dann kann es sicher ganz interessant werden.
1
Heute hatten wir wieder Konzerte. Gleich drei am einem Tag. Das ist ganz schön anstrengend. Ich habe den ganzen Morgen meinen Text gelernt, während die Älteren die Bühne aufgebaut haben und die Instrumente zurecht stellten. Ich spiele meistens Tamburine oder Congas. Und ich singe natürlich. Erst mal im Chor, mit meiner Familie, aber dann habe ich auch Solo-Parts. Das Lied "Es waren zwei Königskinder" singe ich ganz alleine. Ich mag das Lied, es ist so traurig und romantisch. Manchmal denke ich darüber nach, wie es bei mir wohl so sein wird, wenn ich älter bin. Werde ich irgendwann heiraten? Na ja, ist noch etwas früh darüber nachzudenken, ich will mich erst mal auf die Musik konzentrieren, das ist mein Leben. Meine Schwestern tanzen immer auf der Bühne, das finden die Leute auch immer total schön. Ich auch, denn sie können das wirklich gut. Zum Glück war den ganzen Tag schönes Wetter, so dass ich mir ein wenig die Stadt ansehen konnte. Wir waren in einem Spielwarengeschäft. War eigentlich ganz schön, aber da waren so viele Sachen, die ich gar nicht kannte. Okay, ich bin kein kleines Kind mehr, aber ich habe mal darüber nachgedacht, was ich als Kind so zum spielen hatte, das war damals nicht viel. Ich hatte den Teddy, den meine Mutter mir damals gemacht hatte, als sie im Krankenhaus lag, und dann natürlich meine Geschwister. Angelo wollte fast alles haben, was es in dem Laden gab, aber uns war klar, dass unser Vater uns niemals Geld dafür geben würde. Wir bekamen zwar alle Taschengeld, aber das war nicht viel. Geld und materielle Werte sollen uns nichts bedeuten, so haben wir es gelernt. Aber manchmal bin ich schon etwas neidisch, wenn ich andere Kinder sehe, die mit ihren Walkie-Talkies durch die Straßen rennen und sich damit unterhalten. Manche haben sogar ferngesteuerte Autos. Aber wir haben eben andere Dinge, wir haben eine heile große Familie und Instrumente, mit denen wir etwas anfangen können. Man darf sich nie beschweren sondern muss immer froh über das sein, was man hat. Und das bin ich auch. Wir haben also den Laden wieder verlassen, ohne etwas zu kaufen. Angelo war danach so müde, dass er im Bus eingeschlafen ist und das Konzert gar nicht mitbekommen hat. Das kommt oft vor, aber natürlich weckt ihn dann keiner. Ich bin auch nicht immer dabei, manchmal teilen wir uns auf und spielen an zwei Orten gleichzeitig. So können wir eine größere Menschenmenge erreichen. Ich hoffe, ich werde bald richtig mit anfassen können. Meine Schwester Kathy sagt immer, ich solle noch abwarten und mich nur auf die Musik konzentrieren. Sie meint, ich könnte eines Tages ein richtig guter Musiker werden. Dann träume ich davon auf einer großen Bühne zu stehen und vor so vielen Menschen zu singen, wie bei einem Fußballspiel zusehen. Das wäre wirklich ein Traum und ich glaube, alle meine Geschwister träumen davon. Ich verstehe nur nicht, warum mein Vater dann den Vertrag abgelehnt hat. Ja, da wollte uns Einer richtig berühmt machen, aber mein Vater hat abgelehnt. Ich verstehe nicht warum, er sagt wir seien noch zu klein. Aber es gibt viele Kinder die singen, und damit berühmt sind. Und ich könnte das auch. Meine Schwester Maite versteht es auch nicht. Aber ich kann meinen Vater auch nicht danach fragen, er weicht dann immer aus. Für alles bin ich zu klein, sogar meine ältere Schwester Barby ist dafür zu klein. Ich will endlich wie einer meiner anderen Geschwister behandelt werden. Manchmal bringt mich das echt zum ausflippen.
Gestern saß ich im Bus und dann kam Patricia zu mir und meinte, ich solle doch mal rausgehen und spielen. Ich wollte aber nicht, weil ich genau wusste, dass sie mich nur loswerden wollte um geschäftliche Dinge zu regeln. Ich wollte dabei sein und mir das ansehen. Ich habe dann gelogen und gesagt, ich hätte Bauchschmerzen. Dann ließ Patricia mich im Bett liegen und setzte sich neben mich und holte den ganzen Papierkram raus. Zuerst schielte ich nur etwas auf die Zettel, aber ich konnte nichts richtig erkennen, also setzte ich mich neben sie und fragte, was sie da mache.
"Dafür bist du noch zu klein", war ihre Antwort, aber ich wusste, dass sie nachgeben würde, wenn ich nur hartnäckig genug wäre.
"Ist das das Geld, was wir bezahlen müssen? Wofür? Ich dachte, wir kriegen Geld, wenn wir Musik machen."
Ich sah ein paar rote Zahlen und wusste, dass dies nichts gutes bedeuten konnte. Patricia aber lenkte ab, murmelte etwas, was ich nicht verstand, was aber wieder verdächtig nach "Du bist zu klein dafür" klang und drehte die Zettel von mir weg. Ich fluchte leise in mich hinein, schob dann meine Nase noch etwas vor und versuchte mich über die Blätter zu lehnen. Aber Patricia gab ebenfalls nicht so schnell nach. Eigentlich rechnete ich damit, dass sie bald aufstehen und sich woanders hinsetzten würde, aber sie blieb und gab sich jede erdenkliche Mühe, mich nichts sehen zu lassen. Da sie aber so viel Energie darauf gab, konnte sie sich sichtlich nicht mehr konzentrieren. Ich sah, wie sie an einer Zahl dauernd rumrechnete und anscheinend etwas verglich. Ich bemerkte ihr Unsicherheit.
"Stimmt irgendwas nicht?", fragte ich und meinte damit natürlich die Zahl, die auf dem Papier stand.
"Doch, es ist alles okay bei mir", sagte Patricia und ich musste lächeln.
Nach einer Weile gab ich es auf, aus ihr irgendetwas heraus zu bekommen und stand auf. Es war nicht mehr lange bis zum nächsten Konzert und ich wollte schauen, ob ich draußen ein wenig helfen konnte. Oder durfte. Meistens wurden wir Kleineren wieder weggeschickt, wenn es darum ging, die Bühne aufzubauen. Jimmy und Joey machten das alles fast alleine und ich sah ihnen jedes Mal an, dass es nicht leicht war. Aber immer wenn ich ihnen meine Hilfe anbot, sagten sie, sie würden es alleine schaffen. Ich sah ein paar Mädchen, die meine Brüder beobachteten. Sie hielten die Hand vor den Mund und tuschelten. So etwas albernes, fand ich. Das machten auch nur Mädchen, die in meine Brüder verliebt waren. In mich war zum Glück noch nie jemand verliebt, wenn man von den Kinderfreundschaften absieht, die jeder einmal hat. Und da bin ich auch ganz froh drüber. Ich möchte nicht, dass jemand sagt, er liebt mich, nur weil ich singe oder weil ich auf einer Bühne stehe. Das ist total lächerlich und sogar jetzt denke ich schon, dass es Kinderkram ist, und nicht die Wahrheit.
Ich stellte mich unter die Leiter, auf der mein Bruder Joey gerade stand um ein paar Luftballons zu befestigen und rief ihm zu, er solle vorsichtig sein. Aber kaum hatte ich ihm das zugerufen und er hatte nach unten geschaut, da schien er in Panik zu geraten.
"Das bringt doch Unglück Patrick, man darf nicht unter einer Leiter durchgehen."
Er kam die Leiter hinunter und sah mich an, aber ich konnte nicht erkennen, ob er wirklich böse war, oder ob er nur einen Spaß gemacht hatte.
"Ist das nicht ein Aberglaube? Ich wusste nicht, dass du so viel darauf gibst.", gab ich zurück und verschwand. Während ich wieder zum Bus ging lächelte ich einer älteren Dame in die Kamera und verschwand im Inneren um mich dort noch mal davon zu vergewissern, dass Patricia mir wirklich nichts von den geschäftlichen Dingen erzählen wollte. Sie wollte nicht.
2
Ich lag gerade auf meinem Bett und las in einem Kinderbuch, dass meine Schwester Barby mir ausgeliehen hatte, was mir aber nicht besonders gefiel, weil es eine Mädchengeschichte war, als ich von einem Schrei aufgeschreckt wurde. Es klang verdächtig nach Joey und ich sprang sofort auf. Dem Schrei folgte ein lautes Geklapper und ich war mir sicher, dass Joey von der Leiter gefallen war. Ich folgte Patricia, die aus dem Bus und zur Unglücksstelle rannte. Sie schrie auf, als sie Joey sah und ich sah von weitem schon den Blutfleck, der die Erde unter ihm tödlich rot färbte. Jimmy kniete neben ihm und rief, man solle einen Krankenwagen rufen. Sofort kamen auch meine Schwestern Kathy und Barby angerannt und sie wurden leichenblass, als sie Joey am Boden liegen sahen. Kathy schob Barby zur Seite und befahl Patricia schließlich einen Krankenwagen zu besorgen. Aber im gleichen Moment kam die ältere Frau, die mich kurz vorher noch fotografiert hatte und rief, dass sie schon einen organisiert hatte. Dabei zeigte sie auf die Telefonzelle hinter ihr.
Ich sah Barby weinen und ging zu ihr hin. Joey schien zu sich zu kommen und starrte Jimmy ungläubig an. Er versuchte etwas zu sagen, hielt sich dann mit der Hand an den Kopf und verzog den Mund vor Schmerzen. Ich hatte Angst, tierische Angst. Und ich sah die Angst in den Augen meiner Geschwister. Das Konzert würde abgesagt werden müssen, dachte ich, und verfluchte mich gleich, weil ich an das Konzert dachte, während mein Bruder blutend auf dem Boden lag.
Es schien eine ganze Ewigkeit zu dauern, bis der Krankenwagen endlich kam und ich ordnete meine Schwester Barby an, sich auf den Boden zu setzen. Ich hatte ein wenig Angst, dass ihr schwindelig werden und sie auch noch umfallen könnte. Patricia fuhr mit ins Krankenhaus und wir anderen blieben unfassbar zurück. Ich hatte keine Ahnung, was wirklich los war, aber es schien nicht besonders tragisch zu sein. Die ruhige Weise, wie meine älteren Geschwister die Situation gemeistert hatten beruhigte mich etwas und ich merkte, dass auch meine Schwester Barby nicht mehr so aufgeregt war.
Dann kam Jimmy zu uns. Er hatte kurz mit den Krankenpflegern gesprochen.
"Die checken ihn nur richtig gut und nähen seinen Kopf. Ist schon nicht so schlimm, macht euch keine Sorgen."
Aber wir machten uns alle Sorgen und als ich am Abend noch einmal fragte, ob jemand etwas von Joey gehört hatte, sah ich erschrockene Blicke. Das Konzert war abgesagt worden, aber am nächsten Tag würden wir wieder spielen. Ohne Joey. Wir setzten uns Abends alle im Bus zusammen und sprachen die Show durch. Ich fand es etwas übertrieben, sofort wieder auf die Bühne zu gehen, wo gerade erst ein Unfall passiert war, aber mein Vater wollte es so und angeblich hatte Joey das auch aus dem Krankenhaus aus angewiesen, was ich aber nicht glaubte. Joey würde froh sein, wenn wir mal Pause machten. Und einen Grund hätten wir ja. Aber mein Vater ließ das nicht durchgehen und so gingen wir noch einmal die Lieder durch und strichen alle, für die wir Joey brauchten. Schwierig war es, die Gitarrensolos, die Joey meistens spielte, auf andere Familienmitglieder zu überschreiben, denn die meistens Solos konnte niemand sonst spielen. Ich nahm meine Gitarre und übte die ganze Nacht einen Song, den ich das erste Mal auf der Gitarre begleiten sollte. Und schließlich schlief ich müde und erschöpft ein.
3
"Paddy, kannst du mir bitte helfen?"
Maite versuchte gerade ihr Bett zu beziehen und hatte einige Schwierigkeiten. Eigentlich waren unsere Mädels perfekte Haushälterinnen, aber ich sah Maite an, dass sie keine richtige Lust zur Haus- oder soll ich besser sagen zur Busarbeit hatte. Immerhin waren es auch eine ganze Menge Betten, die bezogen werden mussten und schließlich half ich ihr, auch wenn ich überhaupt keine Lust dazu hatte und lieber Gitarre spielen wollte. Aber Maite hatte die Eigenschaft, alles unserem Vater zu erzählen, und er war darauf bedacht uns zu Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft zu erziehen. Er würde natürlich wollen, dass ich ihr helfe und um einer Diskussion aus dem Weg zu gehen, nahm ich ein Kissenbezug und zog es über das Kissen. Maite dankte es mir mit einer Kissenschlacht, was nachher so ausartete, dass keiner mehr seine Arbeit machte. Wir hatten eine Menge Spaß, bis Patricia herein kam und uns ermahnte.
"Das Konzert fängt bald an, jetzt reist euch mal zusammen."
"Wir haben doch nur ein wenig Spaß gehabt", versuchte ich uns rauszureden und Maite rollte sich vor Lachen. Ich war ein wenig böse auf Patricia, weil sie uns den Spaß verdorben hatte. Das tat sie ständig. Einerseits waren wir zu jung, um richtig mitzuarbeiten, und andererseits sollten wir uns zusammen reißen und nicht dauernd spielen, weil wir ja arbeiten sollten. Das musste man wirklich nicht verstehen. Maite kicherte in die Bettdecke hinein und machte dann mit Widerwillen weiter.
An diesem Tag war das erste Konzert ohne Joey, an das ich mich bis dahin erinnern konnte. Es lief ein wenig chaotisch und ich war mir sicher, dass wir lange nicht mehr so schlecht gespielt hatten. Aber es war die Hauptsache, dass wir überhaupt spielten. Ein paar Lieder sang ich a capella, also ohne musikalische Begleitung und es kam sehr gut an. Wir verkauften dennoch eine Menge Kassetten und ich konnte ein paar Gespräche zwischen meinen Geschwistern und Fans belauschen. Sie waren alle begeistert und fragten, wo wir als nächstes auftreten würden. Ich fand es immer ein wenig langweilig, wenn immer die selben Fans zu unseren Konzerten kamen. Ich wollte Neue Leute begeistern, und für uns gewinnen. Und ich wusste, dass es eine ganze Menge Leute gab, die noch nie etwas von der Kelly Family gehört hatten.
Als wir abends im Bus saßen war die Stimmung wieder auf dem Höhepunkt. Patricia und Kathy sangen um die Wette und ich versuchte, mitzuhalten. Ich schrie mir die Seele aus dem Leib, während draußen an uns die Straßen von Deutschland vorbeisausten. Ich mochte dieses Leben, auch wenn ich mich ständig fragte, wie es wohl sein würde, wenn ich ein ganz normaler junge gewesen wäre, der ein festes Zuhause und einen Platz auf der Schulbank hatte. Wir hatten einen Bus und ein Boot, wo wir immer seltener waren, denn unserer Welt waren die Straßen in Deutschland und die Bühnen der Welt.
4
Schon nach wenigen Tagen kam Joey wieder zu uns zurück. Sie hatten ihm die Haare an einer Stelle wegrasiert, so dass er in seiner langen Mähne ein Loch hatte. Durch eine besondere Föntechnik, die Patricia ihm zeigte, konnte er das Ganze verdecken, so dass es kaum auffiel, wenn man es nicht wusste. Aber dennoch schien sein Ego angeknackst gewesen zu sein.
"Ich sehe aus wie jemand, der Haarausfall hat.", jammerte er und ließ sich von jedem bemitleiden. Jimmy machte sich ständig darüber lustig und neckte ihn mit Wörtern wie "Glatzkopf". Aber genau das schien Joey mehr und mehr zur Selbstsicherheit zu verhelfen und schließlich machte es ihm gar nichts mehr aus, dazu zu stehen. Kathy hatte der Vorfall aber einen richtigen Schock eingejagt, es hätte schließlich auch anders ausgehen können. Sie engagierte eine Firma, dass sie uns bei dem Aufbau behilflich sein sollte und schon bei dem ersten Einsatz der Firma zeigte sich, wie nützlich sie war. Die starken Männer bauten die Bühne im Bruchteil der Zeit auf, die meine Geschwister sonst dafür brauchten. So hatten wir noch vor dem Auftritt genügend Zeit, um einen weiteren Song für die Show einzustudieren. Meine Schwester Barby sang ihn und er sollte auf dem kommenden Album erscheinen. Ich sollte bei dem Lied kein Instrument spielen, weil meine Geschwister der Meinung waren, ich würde es nicht in ein paar Minuten lernen können. Aber mein Ergeiz war natürlich durch ihren Unglauben nur noch angestiegen und so griff ich zur Gitarre und spielte alles nach, was meine Geschwister taten.
Als ich es schließlich doch schaffte, einen kompletten Durchgang auf der Gitarre zu begleiten staunten meine Geschwister und Kathy versprach mir, dass ich bei der Show auch spielen dürfte.
In der Zwischenzeit hatten sich vor der Bühne schon eine Menschen versammelt und ich sah eine ältere Frau, die fast bei jedem Konzert dabei war. Ich lächelte ihr zu und ging dann hin, um mich ein wenig mit ihr zu unterhalten.
"Ich kenne euch schon, da warst du noch ein kleines Baby", fing sie an und ich staunte. Ja, sie war wirklich schon lange Fan von uns und der Gedanke, einen richtigen Fan zu haben, der uns überall hin verfolgte, machte mich stolz. Ja, wir waren eine wirkliche Band, die eine Menge Leute erreichten und für sie spielen konnten. Sicherlich dauerte es nicht mehr lange, und die Fangemeinschaft war so angewachsen, dass wir in großen Hallen spielen konnten. Ich träumte davon jede Nacht.
"Ich kannte sogar noch deine Mutter", sagte sie und ich wurde traurig. Meine Mutter war so früh gestorben, dass ich kaum Erinnerungen an sie hatte, und dass eine fremde Frau mehr von ihr weiß als ich selbst, stimmte mich traurig und ein wenig wütend. Ich verabschiedete mich von der Frau und ging zurück in unseren Bus, um mich vor der Show noch ein wenig auszuruhen, wie meine Geschwister es mir aufgetragen hatten.
Im Bus saß mein kleiner Bruder Angelo, der vor unserer großen Klamottenkiste saß und verschiedene Outfits anprobierten.
"Was meinst du, soll ich diese Weste tragen, oder doch lieber die Grüne?", fragte er mich und ich zuckte mit den Schultern.
"Ich weiß nicht, ist doch ganz egal."
"Nein, eben nicht. Ich möchte diesmal schön aussehen. Es kommt nämlich ein spezieller Zuschauer und vor der möchte ich doch schön aussehen. Verstehst du das nicht?"
Nein ich verstand es nicht. Welcher spezieller Gast?
"Nein", gab ich zur Antwort, "das verstehe ich nicht, wen meinst du denn?"
"Ach, niemand. Das geht dich auch nichts an. Jedenfalls muss ich gut aussehen, so richtig süß."
Ich ahnte etwas. Sollte sich mein kleiner Bruder am Ende verliebt haben? Ich musste grinsen. Nein, das war wirklich zu komisch. Er war doch noch so klein. Ich erinnerte mich, als ich das erste Mal verliebt war, da hatte ich ähnlich reagiert, aber das ganze war noch gar nicht so lange her und da war ich schon ein paar Jahre älter als Angelo jetzt. Oder nicht?
Ich versuchte mich an das Mädchen zu erinnern, aber ihr Gesicht verschwamm vor meinem Auge. Also gab ich es schließlich auf und wandte mich wieder an meinen kleinen Bruder.
"Also ich würde diese Weste tragen", sagte ich und zog eine Fellweste aus der Kiste.
Angelo dankte mir und zog sie über. Kritisch betrachtete er sich im Spiegel, zog sie dann wieder aus und nahm die andere.
"Nein, ich denke, die grüne ist wirklich besser. Danke für deinen Tip, aber ich werde die grüne anziehen."
Ich schüttelte den Kopf. Warum fragte er mich denn überhaupt, wenn er dann doch die andere anzog? Manchmal verstand ich meinen Bruder wirklich nicht, und in diesem Fall zeugte es doch nur davon, dass er wirklich verliebt war. Ich versuchte etwas aus ihm heraus zu bekommen.
"Bist du etwa verliebt? Du wartest doch sicher auf ein Mädchen, oder?", fragte ich vorsichtig, aber sofort blinzelte mein Bruder mich wütend an.
"Nein, ich bin nicht verliebt, und ich warte auch nicht auf ein Mädchen. Hast du es etwa noch nicht mitbekommen?"
"Nein, was?"
"Also, eigentlich darf ich es dir gar nicht sagen. Wir Jüngeren sollen es nicht wissen, aber ich habe es durch Zufall mitbekommen."
Er hielt kurz inne und ich gab ihm zu verstehen, dass ich ungeduldig war.
Angelo sah mich an und es schien für einen kurzen Moment, als wolle er es mit mitteilen, aber dann drehte er sich wieder weg.
"Nein, ich darf es dir nicht sagen, sonst kannst du dich wohlmöglich nicht konzentrieren."
"Angelo, man macht keine halben Sachen. Man deutet etwas nicht erst an, um es dann doch nicht zu sagen, nun raus mit der Sprache, ich werde es auch keinem verraten.
Angelo schaute ein wenig beleidigt, aber dann rutschte näher zu mir heran und sagte im Flüsterton:
"Es kommt ein hoher Herr aus der Musikbranche. Ich weiß nicht so genau, was er ist, Produzent oder so. Und der will uns hören und dann entscheiden, ob er für uns eine Hallen-Tour organisiert. Das ist alles ungeheuer wichtig, denn wenn wir in Hallen spielen, können wir sehr viel mehr Leute erreichen, und dann sind wir wichtige Stars."
"Wow". Ich merkte, wie mir der Mund offen stehen blieb. "Das ist wirklich eine große Sache, da müssen wir uns mächtig anstrengen."
"Ja", nickte Angelo, und ich sah ihm an, dass er kurz darüber nachdachte, ob es auch richtig war, es mir zu sagen. Ich ahnte, dass meine älteren Geschwister ihm eingebläut hatten, er solle ja kein Wort darüber verlieren. Ein wenig enttäuscht, weil meine Geschwister mir so wenig zutrauten, trat ich wieder nach draußen und ging über den Marktplatz, auf der unserer Bühne aufgebaut war. Ich hatte noch eine gute halbe Stunde bis zum Beginn des Konzertes und wollte die Zeit nutzen, ein wenig spazieren zu gehen und die frische Luft zu genießen. Wenn das wirklich der Anfang zu einer großen Karriere sein sollte, dann hatte das Leben in dem engen Bus vielleicht bald ein Ende. Ich lächelte und betete, dass dieses Konzert ein Erfolg werden würde.
5
Und das Konzert war wirklich ein Erfolg. Wir spielten mehrere Zugaben und das ganze Konzert über schaute ich ins Publikum und versuchte den Mann ausfindig zu machen. Ansonsten war es eigentlich wie immer. Wir spielten ein Lied nach dem anderen und ich dachte mir zwischendurch immer wieder kleine Witze aus, die ich dem Publikum erzählen konnte. Ich wollte nicht die nehmen, die ich immer nahm. Es sollte anders werden und ich wollte die Leute, und unseren speziellen Gast ein wenig überraschen.
Nach dem Konzert wies uns Kathy an, in den Bus zu gehen. Ich ahnte, dass sie sich nun mit dem Gast unterhalten wollte und wir nicht dabei sein sollten, und das ärgerte mich zutiefst. Ich wollte um jeden Preis hören, was er ihr sagte und ich sah, dass es meinem Bruder Angelo genauso ging. Nur meine Schwestern Barby und Maite ahnten von nichts und gingen in den Bus, um sich auszuruhen. Wir gesellten und zu ihnen und Barby schlug vor, ein wenig Mensch ärgere dich nicht zu spielen. Maite stimmte sofort zu, aber Angelo und ich hatten andere Dinge im Kopf als ein Spiel zu spielen. Wir wollten wissen, was der Mann von uns hielt.
"Ihr seht aus, als säßet ihr auf heißen Kohlen", meinte Barby schließlich, die uns schon eine Weile lang beobachtet hatte. Sie kannte uns wirklich gut.
"Ach, wir warten nur auf Kathy und John, die wollten uns noch etwas wichtiges sagen", sagte ich und verriet so schon die halbe Wahrheit.
"Soso, was wollten sie euch denn sagen?", fragte Barby und räumte das Spiel wieder weg. Sie hatte eingesehen, dass daraus nichts mehr wird. Maite schaute ein wenig beleidigt unsere ältere Schwester an, half ihr dann aber mit, das Spiel beiseite zu räumen.
"Nichts, das werdet ihr schon noch selbst erfahren, wenn es so weit ist. Bitte hört auf zu fragen, wir dürfen es euch nicht sagen."
Maite schien verstanden zu haben und lenkte vom Thema ab.
"Noch heute Abend ein Konzert und dann fahren wir wieder nach Hause, ist das nicht schön? Ich freue mich schon auf mein Kaninchen, ich hoffe, es wurde in der Zwischenzeit gut versorgt."
Ich nickte. Ja, wir würden heute Abend wieder nach Köln zu unserem Hausboot fahren und ein wenig ausspannen können, bevor es wieder weiter ging. Und vielleicht stand dann auch schon bald eine Hallentournee an. Mir wurde ganz heiß, wenn ich nur daran dachte. Das war wirklich ein schöner Gedanke. Wir hatten schon ab und zu in Hallen gespielt, aber das war schon so lange her, dass ich mich kaum daran erinnern konnte. Meine älteren Geschwister sagten immer, dass sie die Marktplätze viel persönlicher fanden und ihnen es besser gefiel als vor so großen Publikum in einer Halle zu spielen. Aber das konnte ich nicht so ganz nachvollziehen. Natürlich war es schön mit den Leuten reden zu können und von ihnen ein Feedback zu bekommen, aber es wäre sicherlich noch schöner, das Feedback von Tausenden klatschenden Händen in einer großen Halle zu bekommen.
Es dauerte ewig bis meine älteren Geschwister wieder in den Bus kamen und dann kamen sie nur, um uns mitzuteilen, dass wir uns für den nächsten Auftritt fertig machen sollten. Ich musste stark das Bedürfnis unterdrücken, nach dem wichtigen Gast zu fragen, denn meine Geschwister durften ja eigentlich nicht wissen, dass Angelo mir davon erzählt hatte.
Also machte ich mich auf den Weg zur Bühne und stimmte meine Gitarre. Meine Neugierde stieg fast ins Unermessliche und ich musste mich immer mehr zurückhalten. Zu gerne hätte ich gewusste, ob der wichtige Besucher auch bei dem Konzert am Abend noch zuhörte oder ob er schon längst eine Entscheidung getroffen hatte. Schließlich aber dachte ich, Angelo hätte mich nur auf den Arm genommen und er hätte gar nicht ein solches Gespräch zwischen dem Mann und Kathy belauscht. Vielleicht war alles nur Bluff, und es gab einen solchen Gast gar nicht.
Ich war bei dem Konzert so abgelenkt, dass ich mich ein paar Mal verspielte und böse Blicke von meinen Geschwistern einfing. Das Publikum aber schien es nicht zu bemerken und sie klatschten wie immer.
Nach dem Konzert gingen wir Jüngeren sofort in den Bus und machten uns für das Bett fertig. Meine Geschwister bauten, zusammen mit der engagierten Firma, die Bühne wieder ab, und als der Bus losfuhr, wachte ich noch einmal auf. Ich betete noch kurz, dass meine Geschwister uns am nächsten Morgen bescheid sagen würden, was aus dem Gespräch geworden war und schlief dann sofort wieder ein.
6
Mein Gebet wurde nicht erhört. Am nächsten Tag wachte ich auf, und verließ gleich den Bus, um auf unserem Boot duschen zu gehen. Allerdings war vor dem Bad schon eine riesige Schlange und ich musste eine Weile warten, um an die Reihe zu kommen. Niemand ging gerne duschen, wenn wir unterwegs waren und meistens an Autobahnraststätten uns frisch machten. Nachdem ich frisch geduscht hatte, ging ich in die kleine Küche, in der wir meistens zusammen saßen und hoffte, einer meiner Geschwister würde das erwartete Thema ansprechen. Aber nichts dergleichen kam. Allerdings kam nach einer ganzen Weile mein Bruder Joey herein gerannt und hielt etwas in der Hand: Eine Zeitschrift.
"Schaut mal alle her", rief er und hielt die Zeitschrift aufgeschlagen in die Runde. "In der Bravo ist ein Poster von uns", sagte er stolz und alle sahen erschrocken und überrascht auf das Bild. Tatsächlich, da waren wir, in der beliebtesten Jugendzeitschrift überhaupt. Joeys Augen füllten sich mit Stolz und jeder Stand auf, um das Bild aus der Nähe zu betrachten.
"Ich hatte vor Wochen mit denen ein Interview geführt und die Fotos sind auch schon eine Weile her, ich hätte nicht mehr gedacht, dass sie sie noch drucken. Aber nun scheinen wir sie wirklich überzeugt zu haben", sagte er und Maite riss ihm gleich die Zeitschrift aus der Hand.
"Wow, ein Poster von uns, das hängen sich jetzt die Kids übers Bett."
"Aber nur weil ich so süß bin", meinte Jimmy und alle lachten. Auch mir gefiel die Vorstellung, dass sich jetzt die Mädels unsere Poster übers Bett hingen sehr.
"Das ist vielleicht der Anfang einer großen Karriere", meinte Jimmy und dann konnte sich mein kleiner Bruder nicht mehr zurückhalten.
"Kathy, ich hatte doch das eine Gespräch belauscht, du weißt schon, wo ihr über den wichtigen Besucher gesprochen habt. Könnt ihr jetzt nicht sagen, was daraus geworden ist?"
Kathy funkelte ihn böse an und sah nicht so aus, als wolle sie darüber reden, aber dann ergriff John das Wort und meinte, dass er es jetzt sagen wolle.
"Also, gestern bei dem Konzert war ein wichtiger Mann, mit dem wir eine Hallentour organisieren wollen. Er schlug uns vor, eine richtige Tournee mit einem wichtigen Vertragspartner zu absolvieren und wir sagten zu. Das heißt, aber dem kommenden Winter werden wir nur noch in großen Hallen spielen. Es werden sowieso immer mehr im Publikum, so dass es nötig ist für ein wenig mehr Sicherheit zu sorgen. Auch wenn Bravo nun mitmacht und uns ein wenig promoted, so bleibt es nicht aus, für mehr Platz im Publikum zu sorgen. Und unter den Umständen können wir uns auch mehr auf die Musik konzentrieren und müssen nicht mehr so viel mit Aufbauen und Abbauen verschwenden. Das übernimmt dann natürlich unsere Firma, die wir ja bereits beauftragt haben."
"Wow", uns bliebt allen der Mund offen stehen.
"Dann sind wir ja richtige Stars.", sagte Maite und grinste breit. Nur in Barbys Augen sah es düster aus. Sie schien sich nicht darüber zu freuen und alle starrten sie fragend an.
"Ich weiß nicht so recht", versuchte sie es allen zu erklären. "Das heißt auch das Ende der Straßen, wenn alles so funktioniert, wie ihr das sagt, dann werde ich die Straße sehr vermissen. Ich mag es, vor wenig Publikum zu spielen, das ist familiärer und das ist es doch, was wir eigentlich wollen."
"Hey Barby, nun überleg doch mal", mischte sich Joey wieder ein, der die Bravo bereits auf den Küchentisch gelegt hatte, "wir können so viel mehr Leute erreichen und alle werden unsere Lieder hören, ist das nicht ein schöner Gedanke?"
Alle sahen Barby an, dass sie immer noch nicht überzeugt war, schlossen es aber aus, dass sie es auch noch einsehen würde.
"Das bedeutet natürlich, dass wir den ganzen Sommer über mächtig viel arbeiten müssen, gut spielen müssen um die Leute zu überzeugen, damit sie im Winter dann die Hallen füllen. Und dann kommt eine Menge Papierkram auf uns zu, ihr Jüngeren müsst dann verstehen, dass nicht mehr so viel Zeit für euch da ist.", sagte Kathy und alle, bis auf Barby, nickten.
"Und dann müsst ihr viele neue Songs schreiben, denn im Herbst, passend zum Start der Tournee, oder schon ein wenig vorher, werden wir dann ein neues Album rausbringen müssen, was natürlich noch mehr Arbeit bedeutet. In ein paar Monaten werden wir ins Studio gehen, und ich möchte, dass jeder mindestens zehn Songs hat, die wir einspielen können, um dann eine gekonnte Auswahl zu treffen mit den Liedern, die wir auf dem Album haben möchten."
"Wow, das klingt nach ganz schön viel Arbeit", sagte ich nun und schluckte. Wieder einmal nickten alle und dann redeten wir noch eine Weile über die Form der Lieder, die wir gerne auf dem Album hätten und damit war die Familienversammlung geschlossen. Ich ging mit Angelo in unsere Kajüte.
"Hey, das wird sicher eine ganz große Sache, und dann werden wir richtige Stars, so mit Groupies und so."
"Na ich denke nicht, dass du einen Groupie haben wirst, in deinem Alter", gab ich zurück und Angelo lachte. Natürlich würde er keinen Groupie haben, und ich wohl auch nicht, aber dennoch war es eine wunderbare Vorstellung, wenn ich daran dachte, auf einer großen Bühne wie ein richtiger etablierter Künstler zu stehen und Musik zu machen. Das war es doch, was wir immer wollten.
Sofort nahm ich meine Gitarre in die Hand und fing an, mir einen Song zu überlegen. Es musste ein richtiger Knaller werden, das neue Album und ich brauchte eine Menge Songs, damit wir die besten auswählen konnten. Angelo hingegen hatte es weniger eilig, er setzte sich vor seine Kiste mit den Star-Wars-Figuren und spielte eine Weile leise vor sich hin. Immer, wenn er zu laut wurde, ermahnte ich ihn und versuchte mich dann wieder auf die Melodie zu konzentrieren, die mir gerade eingefallen war.
So ging es ein paar Wochen lang weiter, und dann fuhren wir mit dem Bus zur Ostsee, um dort ein paar Konzerte zu geben und unsere Fangemeinde zu vergrößern. Alle waren nun darauf bedacht, eine Menge Leute zu erreichen, so viel Werbung wie möglich zu machen und die besten Songs zu singen. Wir hatten neue Plakate drucken lassen und waren in der letzten Woche in Irland gewesen, um ein Foto für das Cover des neuen Albums zu machen. Unser Fotograf hatte ein wunderschönes Bild an den Cliffs of Moher gemacht und wir waren alle sehr stolz darauf. Nun konnten wir loslegen.
7
Wir spielten wieder auf einer Reihe von Marktplätzen und wir konnten mit ansehen, wie jeden Tag die Plätze ein wenig voller wurde. Voller Stolz betrachteten wir den ersten Bericht in der Bravo, wo ein paar Fotos von uns auf dem Hausboot zu sehen waren und sahen unsere Single als Songtext dort stehen. Das alles erfüllt uns mit Stolz, aber Barby schien immer noch nicht so überzeugt von der Sache zu sein. Sie wurde immer stiller und wir sahen ihr an, dass sie ein wenig Angst hatte, vor dem, was kommen würde.
"Patrick", kam sie eines Tages zu mir und versuchte mir klar zu machen, was sie befürchtete.
"Du wirst dich doch nicht verändern, wenn du eines Tages ein richtiger Mädchenschwarm geworden bist und Bodyguards brauchst, oder?"
"Nein, warum sollte ich mich verändern, wie meinst du das?"
"Ich meine, vielleicht wirst du dann so hochnäsig und eingebildet, wie es andere Stars sind, man weiß ja nie."
Ihre Stimme klang besorgt und unter anderen Umständen hätte ich vielleicht zu lachen angefangen, aber Barby sah wirklich aus, als ob sie es ernst meinte. Also unterdrückte ich das Lachen und versuchte, ihr die Angst zu nehmen.
"Nein, ich denke, ich werde mich nicht verändern. Zumindest nicht so, wie du es denkst. Natürlich werde ich mich im Laufe der Zeit ändern, wäre ja schlimm wenn nicht, aber der Ruhm, falls er so eintritt, wie du es sagst, wir mir nichts anhaben. Wir bleiben die gleichen, alle, du auch, Barby."
Barby nickte, aber ich sah ihr an, dass sie mir nicht glaubte.
"Ich glaube, das kannst du so noch gar nicht sagen. Ich habe einfach Angst, dass es gar nicht so toll ist, wie alle immer sagen. Ich befürchte, wir werden auf so vieles verzichten müssen, dass mir schon unbehaglich wird, wenn ich nur daran denke. Wir sind doch glücklich im Moment und ich wüsste nicht, warum sich daran was ändern sollte. Warum kann nicht alles so bleiben, wie es im Moment ist, Patrick?"
"Weil wir für unsere Arbeit auch belohnt werden wollen. Jetzt haben wir die Chance auf ein wenig mehr Ruhm, warum sollten wir das ablehnen. Ich meine, wenn Bravo sich da schon für stark macht, dann wird es doch was. Und du weißt doch, wie viel uns das erleichtern würde. Die Älteren müssten nicht immer alles alleine machen, wir hätten viele Leute, die für uns arbeiten würden und könnten uns endlich auch das eigentliche, die Musik, konzentrieren, na wenn das mal nicht schon Grund genug ist, Barby."
Barby nickte wieder und ich sah, dass sich ihr Gesichtsausdruck ein wenig entspannte. Es schien, als hätte ich sie ein wenig beruhig auch wenn ich sicher war, dass ihre Befürchtungen berechtigt waren, so war ich doch auch sicher, dass sie niemals eintreffen würden. Barby hatte einfach nur Angst, durch den Ruhm ihre Familie zu verlieren. Aber das würde sicherlich niemals eintreten.
Wir machten drei Konzerte an einem Tag und zogen das ganze den gesamten Sommer durch. Zwischendurch gingen wir in Studio um die neuen Lieder aufzunehmen. Ich hatte einen Song geschrieben mit dem Titel "An Angel", der allen gut gefiel und den wir als erste Single auskoppeln wollten. Auch Lieder von Patricia und Jimmy kamen in Frage, aber Kathy nannte uns unser kommende Strategieprojekt und alle mussten zustimmen. Ihrer Ansicht nach würden Angelo und ich bei dem Publikum besonders gut ankommen, weil wir in dem Alter waren, in dem sich Teenies in Stars verliebten. Also musste ein Lied für uns beide her. Wir beschlossen, dass Angelo den Refrain und ich die Strophen des Liedes sangen und nahmen es auf. Angelos Stellen waren so hoch, dass er es mehrmals singen musste, bis es gut saß und im Kasten war. Auf den Konzerten merkten wir, dass dieses Lied besonders gut ankam und waren froh darüber, den scheinbar richtigen Song ausgewählt zu haben.
Abends waren wir so müde, dass wir nur in unsere Betten, mal im Bus, mal im Hotel, mal auf unserem Hausboot, fielen und sofort einschliefen. Barbys Sorge wurde dadurch nur noch mehr bestätigt.
"Es ist so viel Arbeit, ob wir das alles durchhalten?", fragte sie und ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Zu der Zeit fühlte ich mich selbst so, als würde ich es nicht mehr lange aushalten und ich wusste, Barby war sich nicht sicher, ob wir nicht irgendwann umfielen und den Fans nichts mehr geben konnten. Aber unsere Geschwister schienen vor Kraft nur so übersprühen zu können und alle sagte, dass es weniger Arbeit werden würde, wenn das Album erst mal draußen war, und wir in den großen Hallen spielen konnten.
Und so hoffte ich, dass sie recht behielten und betete, dass Barbys Sorgen von alleine verschwanden, wenn wir ihr nur bewiesen hatten, wie schön der Ruhm sein konnte und sie überzeugt davon war, dass es gut war, was wir taten.
8
Anfang des Winters spielten wir in ein paar Zelten, weil es draußen einfach zu kalt geworden war. Das Album war längst erschienen und es schien ein richtiger Erfolg zu werden. Wir suchte gewählt kleine Städte für unsere Tour aus, weil Jimmy ahnte, dass wir hier sobald nicht mehr spielen könnten. Barby war froh wie nie zuvor und schien es richtig zu genießen.
"Bald können wir nicht mehr so frei mit dem Publikum umgehen", meinte sie und begründete so ihren Übermut. Aber keiner wollte ihr so richtig glauben. Erst nachdem Jimmy ankam, und erzählte, er habe einen fanatischen Fan getroffen, der sich händeringend nach mir erkundigt hatte, wurde ich stutzig. Sollte es wirklich funktionieren?
In der Bravo erschien bald ein Artikel nach dem anderen und das erste Konzert in einer großen Halle, welches im Ruhrgebiet statt fand, wurde ein richtiger Erfolg. Als wir hörten, dass die Halle ausverkauft war, wurden wir blass und nervös. Nur Angelo schien das alles nicht wirklich zu stören. Er lehnte sich zurück und meinte, wir würden das Kind schon schaukeln. Ich bezweifelte das, übte meine Texte bis zum letzten Moment und John fragte mich mehrmals die Reihenfolge der Lieder ab. Ich konnte sie im Schlaf, bestand aber dennoch darauf, ein wenig zu üben und versuchte so, ein wenig mehr Sicherheit zu bekommen. Barby saß seelenruhig auf ihrem Stuhl und wartete, dass Uschi, unsere Maskenbildnerin, endlich Zeit hatte, ihr das Make Up zu richten. Patricia rannte mit Lockenwicklern durch die Gänge und ich beobachtete auf einem Bildschirm, wie die Leute in die Hallen strömten. Mit Entsetzen dachte ich daran, wie vor wenigen Wochen unser Zelt, in dem wir spielen sollten, kaputt gegangen war, weil zu viele Menschen unser Konzert sehen wollten. Es war das reinste Schauspiel gewesen und ich konnte mich nicht daran erinnern, jemals erschrockener gewesen zu sein als in dem Augenblick. Beruhigt sah ich zu, wie die zumeist jungen Leute in die Halle stürmten. Hier konnte so etwas nicht passieren, hier waren alle sicher und wir brauchten uns keine Sorgen um die Leute zu machen. Just in diesem Moment kam unser Fotograf Thomas zu mir.
"Paddy, ich muss mal kurz mit dir reden."
Ich nickte ihm zu und lauschte.
"Paddy, es sind wirklich viele Leute und ihr dürft nicht so viel Power nach vorne geben. Es sind bereits zwanzig Leute aus der Menge rausgezogen worden und wenn ihr so nach vorne pushed, dann erdrücken sich die Leute gegenseitig."
"Was? Zwanzig schon?"
Jetzt war ich doch geschockt. Da erdrückten sich die Leute, obwohl das Konzert noch nicht einmal angefangen hatte. Wie sollte das nur enden. Ich hatte angenommen, in dieser Halle wäre alles so sicher und die Absperrungen derart berechnet, dass nicht passieren konnte, aber im Bruchteil einer Sekunde verstand ich, dass dies nur ein Wunschtraum war. Je größer die Halle war, umso größer war auch die Gefahr, dass es außer Kontrolle geraten würde. Ich war geschockt, wirklich geschockt.
"Nun schau nicht so verwundert. Ich wollte dir das nur sagen, damit du ein wenig aufpasst und nicht so sehr nach vorne gehst. Du weißt doch, die meisten mögen dich besonders. Und wenn du ihnen zeigst, dass sie dir nah sein können, dann werden sie alles dafür geben um genau das zu sein. Darauf solltest du beim Konzert achten, hast du mich verstanden?"
Ich nickte und ging dann wieder zu meinen Geschwistern um ihnen zu erzählen, was Thomas mir da berichtet hatte. Joey schien wenig beeindruckt zu sein.
"Ist doch ganz klar, je mehr Leute, umso mehr können auch umfallen. Aber sei froh, dass wir hier in so einer geschützten Halle sind. Auf einem Marktplatz mit einer kleinen Absperrung wären es gleich vierzig Leute mehr, die sich nicht mehr auf den Beinen halten könnten, und vielleicht wären auch wir dann nicht so sicher, wie wir es jetzt hier sind."
Ich wusste, dass Joey recht hatte, war aber dennoch sehr erschrocken.
Und dann begann das Konzert. Angelo musste als erster auf die Bühne und alle sahen ihm die Aufregung an. Aber er machte seine Sache gut, setzte sich unbemerkt ans Schlagzeug und fing an zu spielen. Wir folgten ihm auf die Bühne und als das Licht anging, war ich überwältigt. Es war so groß, so viele Menschen waren da, die nur uns hören wollten, über uns eine riesige Scheinwerferanlage, hinter uns die größten Boxen, die ich je gesehen hatte, und auf dieser Bühne, auf der alle großen Stars gespielt hatten, stand ich mit meinen Geschwistern. In diesem Moment wusste ich, dass unser Traum wahr geworden war. Wir waren Stars!
9
Wir spielten ein Konzert nach dem anderen um kamen kaum dazu, uns darüber klar zu werden, was eigentlich geschehen war. Wir wussten nicht, wie wir damit umgehen sollten, weil uns keine Zeit blieb, darüber nachzudenken. Ich begann Autogramme und Interviews zu geben und Bravo berichtete nun fast jede Woche über uns. Jede Woche starrte Maite von neuem die Zeitschrift an und las allen vor, was dort über uns stand. Sie schien richtig übermütig zu werden und vollends aufzublühen. Barby fing an sich Sorgen zu machen und mir schien, als wäre ihr das alles nicht recht, was mit uns passierte. Eines Tages kam sie zu mir und meinte:
"Maite ist so überdreht, das gefällt mir gar nicht."
"Ach", antwortete ich, "das gibt sich mit der Zeit wieder. Ihr macht es halt Spaß vor einem so großen Publikum zu spielen, das ist doch ganz normal. Mir geht es auch richtig gut, und da ist es normal, dass man sich etwas verändert."
"Nein, das meine ich nicht. Ich denke nur, dass Maite das nicht so viel Spaß macht wie ihr meint. Ich denke, es ist einfach zu viel für sie, sie hat sich nicht mehr unter Kontrolle."
"Das verstehe ich nicht."
"Naja, ich denke halt, sie weiß nicht, wie sie damit umgehen soll, und dreht deswegen ein wenig durch. Möglich wäre es doch, meinst du nicht auch?"
"Nein, meine ich nicht. Maite weiß sehr wohl, was passiert und wie sie damit umgehen soll. Ich glaube, du denkst einfach zu viel nach. Du solltest dich mehr auf die Musik konzentrieren, als über Dinge nachzudenken, die im Moment nicht so relevant sind."
"Ich finde, unser Wohlbefinden ist sehr relevant und ich werde mir wohl noch ein paar Gedanken machen dürfen, oder?
"Natürlich, so war das doch nicht gemeint."
Barby schien ein wenig wütend zu werden und ich entschuldigte mich sofort.
"Tut mir leid, wenn ich so grob zu dir bin. Ich halte es einfach nur für normal, dass jeder sich ein wenig ändert. Schließlich ist da eine Menge Arbeit auf uns zugekommen."
Mit den Worten ging ich einfach und ließ meine Schwester alleine. Ich ahnte, dass ich sie keinesfalls beruhigen konnte und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie mich wieder darauf ansprach.
Ich beschloss ein wenig raus zu gehen. Vor unserem Boot standen eine Menge Fans und ich wollte zu ihnen gehen und mich ein wenig mit ihnen unterhalten.
Ich gab ein paar Autogramme und machte mit den Fans Fotos, die sehr glücklich erschienen. Es machte mir Spaß, auch wenn ein paar aufdringliche Fans dabei waren.
"Paddy, kannst du mal bitte eine dumme Fresse in meine Kamera ziehen?", fragte ein Fan und ich musste lachen. Die hatten wirklich komische Fragen. Ich zog eine Grimasse und das Mädchen schien zufrieden zu sein. Sie stellten mir ein paar Fragen über meine Geschwister und ich beantwortete sie so gut ich konnte. Viele fragten, ob ich nicht auch Angelo rausholen könnte und es wurmte mir ein wenig, dass sie nicht nach meinen Schwestern fragten. Es schien, als bestünde unsere Band nur aus Angelo und mir.
Nach einer Weile wollte ich wieder hinein gehen, aber sie ließen mich nicht.
"Ach bleib doch noch ein Weilchen", riefen sie mir hinterher und Liebesschwüre von den Mädchen kamen on Mass.
"Paddy, ich liebe dich, bitte bleib noch!", riefen sie und ich musste mich anstrengen um nicht hinzuhören, oder gar wieder zurück zu gehen und ihnen meine Meinung zu sagen. Warum sagten sie, sie liebten mich, wenn es doch nicht stimmte. Sie kannten mich doch gar nicht.
Ich fragte meine Schwester Patricia danach und sie erklärte es mir.
"Das ist ihr Wunschtraum. Sie möchten damit vielleicht etwas interessanter gestalten und suchen sich jemanden, der sie nicht enttäuschen kann. Du bist eine fiktive Person für sie, unerreichbar, und kannst ihnen deswegen niemals so wehtun, dass sie sich einen anderen suchen müssten. Du bist einfach ein Star, den sie sowieso nie kriegen würden. Und deswegen suchen sie sich gerade dich aus."
"Aber warum ich? Ich meine, da hat keine gesagt, sie liebt Jimmy oder Joey."
"Tja, aber ich denke, die wird es auch geben. Mach dir nicht so einen Kopf. Du weißt doch, dass gerade du und Angelo besonders gut ankommen, also tu nicht so überrascht. So, und nun lass mich bitte wieder alleine, ich habe noch eine Menge Papierkram zu erledigen."
Sie fuhr mit dem Stuhl wieder zu ihrem Schreibtisch und ich machte mich auf den Weg zu Maite. Ich hatte nämlich beschlossen, der Sache, auf die Barby mich aufmerksam gemacht hatte, nachzugehen.
Maite saß in ihrer Kajüte und blätterte wieder einmal in einer Bravo herum. Als ich herein kam, sah sie von der Zeitschrift auf und strahlte mich an.
"Hey Paddy, soll ich dir mal meinen baldigen Freund zeigen? Dauert nicht mehr lange, und ich werde ihn mir angeln."
Sie lachte und ich trat näher an ihr Bett heran.
"Wer denn?", fragte ich und rechnete nicht damit, dass sie mir die Bravo unter die Nase halten würde, aber genau das tat sie nun.
"Hier, er heißt Peer und ist Sänger. Und er ist total süß, wie du siehst. Und genau mein Alter, wir passen also sehr gut zusammen."
Ich sah mir das Bild in der Zeitschrift genau an. Peer hatte kurze braune Haare und sah ein wenig schleimig aus, wie er da so in die Kamera grinste und mich von dem Papier aus anlächelte.
"Und woher kennst du ihn?", fragte ich meine Schwester.
"Na aus der Bravo. Habe ihn gerade hier entdeckt. Und wenn die Bravo Super Show ist, werde ich ihn sicherlich treffen. Und da ich jetzt auch ein Star bin, habe ich doch echt Chancen bei ihm, glaubst du nicht auch?"
Mit einmal male war mir klar, dass Barby nicht ganz so unrecht hatte. Maite war wirklich ein wenig abgehoben und ich wusste nun wirklich nicht, was ich dagegen sagen sollte. Sie schien so fest davon überzeugt zu sein, dass es mir schon fast weh tat, ihr zu wiedersprechen.
"Maite, du weißt doch gar nicht, ob du sein Typ bist. Und nur, weil wir jetzt auch in der Bravo stehen heißt es noch lange nicht, dass wir bedingungslos an die anderen Stars heran kommen. Nun heb mal nicht so ab."
"Quatsch, du hast doch gar keine Ahnung vom Star sein. Du denkst doch, es hätte sich nichts verändert. Aber wir werden bald mit den Schönsten und Reichsten Menschen verkehren. Und da muss ich doch schon mal eine Auswahl treffen. Und Peer ist eine gute Wahl, findest du nicht auch?"
"Ich kenne ihn nicht, also kann ich mir kein Urteil über ihn machen. Ich denke einfach nur, dass es etwas überstürzt ist, über einen Artikel jemanden so sympathisch zu finden, dass man ihn gleich liebt und mit ihm zusammen sein will."
"Ach, lass mich doch einfach alleine, wenn du mir dazwischen reden willst."
Maite schien wirklich wütend zu sein. Also verließ ich ihr Zimmer und überlegte, wie ich sie wieder zur Vernunft kriegen sollte.
10
Die Bravo Super Show fand an einem Tag im Februar statt, an dem es überraschend warm war. Wir kamen gerade an der Halle an, als Kathy beschloss, andere Lieder als bisher vorgesehen waren, zu singen. Sie teilte uns ihre Entscheidung mit und wir mussten uns fügen. Angelo und ich mussten natürlich "unser" Lied singen und schon bei den Proben merkten wir, dass es gut ankam. Die anderen Künstler, die uns vorher ein wenig ungläubig begutachtet hatten, sahen uns nun mit großer Erwartung an und beglückwünschten uns zu einem so großartigen Lied. Doch wir wussten, dass wir damit nicht nur Freunde, sondern auch Feinde gewonnen hatten. Es war schon ein Phänomen, eine singende Großfamilie, so etwas hatte es nicht sehr häufig in der Musikgeschichte gegeben. Und nun wollten die auch noch nach ganz oben und die Vorteile, die wir als Familie genießen konnten, hatte nicht jeder. So war uns klar, dass es auch Neider geben würde, die uns in der Luft zerrissen. Wir Jüngeren hatten noch nicht sehr viel von der Negativpresse mitbekommen, aber wir ahnten, dass zwischen den Fans bei dieser Show auch sogenannte Antifans sein würden, die uns kräftig versuchten auszubuhen. Wir wussten zuerst nicht, wie wir damit umgehen sollten, aber nach der Show hatten wir ein langes Gespräch mit einem etablierten Künstler, der schon seit langen in dem Geschäft war.
"Seit froh, dass ihr so viele seit, und ihr die ganze Verantwortung und Last nicht allein tragen müsst. Das ist wirklich ein Geschenk."
Ich denke, nur wenige Worte sind mir so sehr im Gedächtnis geblieben, wie diese. Maite hatte den ganzen Tag nach "ihrem" Peer, aber er war schon gleich nach seinem Auftritt wieder verschwunden. Maite bedauerte dies natürlich zutiefst, fand aber gleich die passende Erklärung.
"Er musste sicher zu einem sehr wichtigen Termin. Wenn man berühmt ist, hat man halt nicht so viel Zeit, uns wird es bald ähnlich gehen."
Ich befürchtete, dass sie recht hatte, sagte es aber nicht.
Wenige Wochen nach der Show sollten wir wieder in einem Zelt spielen. Wir hatten den Auftritt schon Monate vorher gebucht und konnten ihn nun nicht wieder absagen. Es sollte sozusagen ein Abschied vom Zelt werden, der Abschied von der Straße, was uns alle ein wenig traurig stimmte. Aber was an diesem Tag passierte, was nicht abzusehen und stimmte uns noch viel trauriger, als der Abschied an sich.
Es kamen viel zu viele Fans, sie passten nicht in das Zelt hinein. Aber sie quetschten sich, stürmten die Schranken und Absperrungen und rannten in das Zelt hinein. Das Rote Kreuz hatte so viel Arbeit wie noch nie auf einem Konzert von uns und nach einiger Zeit schien fast das ganze Zelt zusammen zu krachen. Risse taten sich auf und der Mast des Zeltes neigte sich bedrohlich. Ich saß mit ein paar meiner Geschwister im Bus und starrte ungläubig auf die Fanmasse vor dem Zelt, die immer noch hinein wollte. Erst nach einer ganzen Weile kam die Polizei endlich um für ein wenig Ordnung zu sorgen. Natürlich musste das Konzert an diesem Tag abgesagt werden und seit dem spielten wir nicht mehr dort. Wir waren nun an die Hallen gebunden, wo für mehr Sicherheit gesorgt war.
Natürlich war es wieder Barby, der dieser Tag besonders zugesetzt hatte.
"Ich wusste, dass das nichts Gutes bringt, wenn die Fanschar so gewaltig anwächst", sagte sie und keiner konnte dagegen etwas sagen. Nur John, der sich mit dem Thema wohl schon am meisten auseinandergesetzt hatte, meinte: "Aber wir werden so etwas in Zukunft nicht mehr haben, eine Halle können sie nicht auseinander nehmen. Das war uns eine Lehre und in Zukunft wird es nicht mehr vorkommen, also kein Grund zur Sorge."
"Ja, in Zukunft nicht mehr. Aber ist es nicht schon schlimm genug, dass es überhaupt passieren musste?"
Da hatte Barby natürlich recht, aber jetzt konnte es keiner mehr von uns rückgängig machen. Wir konnten daraus nur lernen und in Zukunft mehr dagegen unternehmen.
John engagierte am nächsten Tag gleich ein professionelles Security Team, was uns auf den Konzerten begleiten sollte und für einen geordneten Einlass sorgen konnte.
So waren wir alle ein wenig beruhigt und konnten uns wieder auf die Musik konzentrieren. Das war es, was wir eigentlich wollten.
11
"Patrick, komm mal her", rief mich Maite, als wir gerade wieder mal in unserem Bus unterwegs waren, um zum nächsten Konzertort zu fahren.
"Was ist denn?", sagte ich, und trat einen Schritt näher an ihr Bett heran, auf dem sie lag. Sie hielt mal wieder eine ihrer Zeitschriften in der Hand und strahlte. Ich sah auf die Zeitschrift und erkannte, dass sie mal wieder einen Bericht über Peer in der Hand hielt. Jener Peer, den wir eigentlich treffen sollten, der aber bei der Show schon gefahren waren, bevor unser Auftritt beendet war. Maite war immer noch sehr enttäuscht darüber, dass wir ihn nicht getroffen hatten. Mir war es relativ egal gewesen.
"Hier steht, dass Peer keine Freundin hat. Er sucht aber eine, der er sein Herz schenken kann", erzählte meine Schwester Maite und in ihrer Stimme klang der süße Klang durch, den man hat, wenn man verliebt ist.
"Maite, nun höre mir mal zu. Niemand sagt, dass er dich genauso mögen würde. Und außerdem kennst du ihn doch gar nicht. Vielleicht ist er gar nicht so toll, wie du denkst."
"Doch ist er. Ich habe schon so viel über ihn gelesen, ich weiß, wie er ist und dass wir prima zueinander passen würden. Schließlich sind wir beide Stars, das will doch schon was heißen, oder? Jemand, der im Showgeschäft ist, möchte auch einen Partner aus der Branche. Ich weiß das, bin schließlich auch da."
Maite drehte wirklich durch, dachte ich und setzte mich neben sie aufs Bett.
"Maite nun hör doch mal. Niemand kennt jemanden nur aus Zeitschriften. Über uns steht auch mittlerweile eine Menge in den Zeitschriften, aber die Fans kennen uns deswegen noch nicht. Sie kennen vielleicht die Bilder und ein wenig der Geschichte, aber nicht unseren Charakter. Das ist doch nichts anderes, als mit Peer. Vielleicht hast du irgendwann die Gelegenheit, ihn kennen zu lernen und dann kannst du immer noch entscheiden, ob ihr zusammen passen würdet oder nicht. Aber da hat er dann auch noch ein Wörtchen mitzureden. Versteif dich nicht auf etwas, was du nicht genau kennst. Du kannst ja gerne seine Musik hören, aber ich möchte nicht, dass du wegen jemanden, der dich nicht kennt, traurig bist. Verstehst du das?"
"Nein, verstehe ich nicht. Du denkst, es wäre so wie mit deinen weiblichen Fans. Die wollen auch deine Freundin sein."
"Ja, genau so ist es doch auch. Du kennst ihn nicht, genauso wenig wie die Mädchen mich kennen. Sie wollen meine Freundin sein, aber ich kann nicht jeder die Chance geben, mich kennen zu lernen."
"Aber die Mädels, die dich mögen, sind nicht aus der Branche. Ich hingegen habe echt Chancen, ihn kennen zu lernen. Jemand, der berühmt ist, ist auf vielen Galen vertreten und da ist doch die Chance sehr groß, dass ich ihn kennen lernen kann."
"Aber wer in der Branche ist, hat auch viel zutun und wenig Zeit für eine Freundin. Ihr würdet euch sicher nicht sehr häufig sehen. Aber Maite, mal unter uns, ist das alles nicht ein wenig kindisch? Du bist doch nicht mehr in dem Alter. Lass es doch einfach sein, schau dir nicht immer diese Zeitschriften an, ich glaube, das ist nicht gut für dich."
Dann ging ich wieder zurück zu meinem Bett und legte mich ein Weilchen hin. Schlafen konnte ich nicht, aber während ich so vor mich hin döste, kam meine Schwester Patricia und legte eine CD auf. Ich lauschte den Klängen von Bruce Springsteen, bis ich schließlich doch einschlief und einen unruhigen Traum hatte.
Ich träumte von Peer. Er stand hinter der Absperrung, die die Fans von unserem Bus fern halten sollten und schrie ununterbrochen nach Maite. Sie allerdings schien ihn nicht zu hören, oder sie wollte ihn einfach nicht hören. Ich ging zu ihr, und deutete auf Peer, aber Maite wies mich ab.
"Ich sehe ihn. Aber ich möchte ihn zappeln lassen. Das mögen die Männer. Man darf nicht sofort nachgeben. So ist das nun mal, ich kenne mich da aus."
Ich ging zu Peer hin und sprach ihn an, aber er konnte mich nicht hören, weil sofort alle Hände durch den Zaun griffen um mich zu erreichen. Ich schrie auf und rannte davon. Eine Hand hielt meinen Pullover so sehr fest, dass er zerriss und ich mit einem Loch weiter davon jagte. Ab in den Bus hinein. Ich rannte nach oben und schmiss mich auf mein Bett. Und hier wachte ich wieder auf.
Patricia stand neben mir.
"Patrick, aufwachen. Wir sind wieder da. Du kannst deine Sachen noch hier lassen, die holen wir dann morgen ab, okay? Und nun mach, dass du ins Bett kommst."
Ich stand auf und lief schlafwandelnd aus dem Bus heraus. Ich sah eine Menge Fans vor unserem Hausboot stehen, die meinen Namen riefen, aber ich versuchte nicht zu reagieren. Ich war viel zu müden. Ich machte mich auf den Weg zum Boot, ging dann in Angelos und meine Kajüte und warf mich gleich auf mein Bett. Angelo kam ein wenig später ins Zimmer und zog sich zum Schlafen um, was ich aber nur noch halb mitbekam, so weggetreten und müde war ich.
Mitten in der Nacht wachte ich auf, weil es ziemlich laut war. Ich hörte meine Schwester Kathy reden und Barby weinen. Erschrocken stand ich auf und ging aufs Deck.
Da standen sie, mit einem unserer Sicherheitsleute und redeten. Neben meinen Schwestern stand ein junges Mädchen, dass ich nicht kannte. Ich ging zu ihnen.
"Was ist denn los?"
"Patrick, geh doch wieder ins Bett", sagte Kathy aber sie wusste, dass ich nicht eher gehen würden, bis ich wusste, was passiert war.
Das Mädchen sah mich an und strahlte.
"Hallo Paddy", sagte sie und ich nickte nur.
"Dieses Mädchen war auf einmal in meiner Kajüte drin.", sagte Barby und schluchzte. Ich sah ihr an, dass sie Angst gehabt hatte und sich erst langsam wieder beruhigte.
"Tut mir leid, Barby. Ich wollte eigentlich zu Paddy und Angelo, aber ich kenne mich hier ja nicht aus.", sagte sie, als wäre es das natürlichste der Welt, dass sie auf unserem Boot herumlief, als wäre es ihr zu Hause.
Langsam verstand ich Barbys Sorge. Sie war erschrocken darüber gewesen, ein fremdes Mädchen bei sich im Zimmer zu sehen und nun sollte geklärt werden, was mit ihr passierte. Sie schien zu jung zu sein, und dafür vor Gericht gerade stehen zu müssen.
Schließlich ergriff Kathy wieder das Wort.
"Also, wir verbieten dir nun, die hier in der Nähe aufzuhalten. Wenn jemand dich hier noch einmal sieht, sei es vor dem Boot oder gar wieder auf dem Boot, dann geben wir deinen Eltern bescheid und du kannst dein blaues Wunder erleben."
Sie schien böse zu sein und ich konnte es nur zu gut verstehen.
Ich legte den Arm und Barby und versuchte sie zu beruhigen. Dann ging Kathy mit unserem Sicherheitsmann und dem Mädchen wieder weg.
"Wir brauchen eine Absperrung vor dem Boot. Ich hätte nie gedacht, dass sie so dreist sein könnten, hier nachts auf einmal aufzutauchen. Aber das wird nicht mehr vorkommen, das schwöre ich dir."
"Danke Paddy, aber ich bin nun zu aufgewühlt und wieder schlafen zu gehen. Magst du dich ein wenig zu mir setzen?"
Wir gingen in die Küche und setzten uns auf die Bank.
"Wo ist denn Maite?", fragte ich sie. Maite und Barby teilten sich eine Kajüte und es war sehr verwunderlich, dass Maite nicht ebenfalls so aufgelöst dort gestanden hatte.
"Maite hat von alle dem nichts mit bekommen. Sie ist immer noch im Bus und schläft dort. Sie meinte, sie wolle alleine sein. Vielleicht hat sie es auch geahnt, wäre doch möglich, oder?"
In dieser Nacht blieb ich noch eine Weile mit Barby dort sitzen, und ging dann mit ihr in ihre Kajüte. Ich übernachtete in Maites Bett, weil Barby so viel Angst hatte und nicht alleine sein wollte.
12
Einige Wochen nach diesem Vorfall kam auch schon der Nächste. Zwei Fans, die schon seit Wochen vor dem Boot gezeltet hatten, sprangen in den Rhein und versuchte so, unser Boot zu erreichen. Wir hatten es ein wenig abgelegter angelegt, damit niemand vom Ufer aus einfach auf unser Boot steigen konnte und die Sicherheitsleute waren immer im Dienst. Also musste sich die Fans etwas anderes einfallen lassen. Und das taten sie auch. Die beiden Mädchen wurden wieder mit der Polizei nach Hause gebracht und wir hofften, dass sie mit einer Erkältung bestraft wurden. Unser Leben auf dem Hausboot begann von Angst geregelt zu werden und ständig mussten wir damit rechnen, von Fans überrascht zu werden.
Eines Tages kam mein Bruder John an und meinte, wir sollten uns alle in der Küche versammeln, es gäbe etwas zu besprechen. Also versammelten wir uns alle in der engen Küche und warteten gespannt ab, was uns die älteren Geschwister zu sagen hatten.
"Wir werden es kurz machen", sagte John und sah uns an. Ich war neugierig und rechnete damit, dass bald etwas entscheidendes in unserem Leben passieren würde.
"Wir werden eine Mauer bauen. Am Ufer entlang, damit niemand mehr auf unser Boot schauen kann."
Und damit war es beschlossen. Eine Mauer. Hörte sich gut an, fand ich.
"Wann?", fragte Angelo und John sagte uns, dass wir schon nächstes Wochenende anfangen würden. Er hatte eine Firma beauftragt, und die würde in nur einem Tag unser ganzes Ufergelände von der Straße abschneiden. Es würde nur ein Tor bleiben, durch das man raus und rein kam.
Gesagt getan, am nächsten Wochenende war es soweit. Ein paar Fans standen vor unserem Boot und mussten vom Gelände gescheucht werden, damit sie nicht im Weg standen. Ich blieb die meiste Zeit über im Boot und las ein wenig, ging ab und zu mal aufs Deck um nachzusehen, wie weit die Mauer schon war. Es war erstaunlich, wie schnell die Männer die Steine aufeinander setzten und weiter kamen. Ich beobachtete sie eine Weile und wandte mich dann wieder meinem Buch zu. Ich las die Bibel. Mein Vater hatte mir empfohlen, dort einmal reinzuschauen und ich hatte es ihm versprochen. Ich wusste nicht so recht, was ich damit anfangen sollte, aber interessant war es auf jeden Fall. Und wenn ich manche Stellen langweilig fand, oder gar nichts damit anfangen konnte, so las ich immerhin Weltliteratur, das Buch der Bücher, und das konnte ja sicher nicht falsch sein.
Angelo verstand das nicht. Er lachte mich immer aus, wenn ich in der Bibel las. Angelo war sich nicht sicher, ob er glauben sollte oder nicht und wenn es darum ging, mich damit aufzuziehen, dann glaubte er ausnahmsweise mal nicht.
Die Mauer stand, und die Fans standen davor. Konnten keinen Blick mehr auf unser Boot erhaschen und wir genossen ein wenig die Ruhe und Sicherheit. Es war schön zu wissen, dass man nicht beobachtet wurde und tun und lassen konnte, was man wollte, ohne dabei jemanden zu enttäuschen.
Am nächsten Morgen ging ich hinaus und sah mir das alles genauer an. Die Mauer war recht hoch, schier unüberwindbar, wie mir schien. Niemand konnte so leicht darüber klettern. Vorne war ein großes Tor angebracht, und da sah ich sie auch schon. Unsere Fans saßen vor dem Tor und unterhielten sich. Kaum war ich näher getreten standen sie auf und starrten mich an, als wäre ich Außerirdischer. Sie riefen nach mir, starrten mich an und warteten ungeduldig darauf, dass ich näher trat. Aber ich wollte ihnen diesen Gefallen nicht tun. Ich wollte in Ruhe gelassen werden, einfach raus gehen können, ohne Angst um mich haben zu müssen. Einfach keine Angst mehr um andere haben zu müssen, dass sie sich wegen mir in Gefahr brachten. Aber es schien, als wäre ich ein Gott, den sie verehrten und für den sie jegliche Opfer bringen würden, wenn ich es nur verlangte. Es war zu viel, es war einfach zu viel für mich.
Schnell ging ich wieder zurück ins Boot. Die Mauer gab uns keine Sicherheit, sie sperrte uns ein. Ich mochte sie nicht, nein, ich hasste diese Mauer, hinter der ich mir wie ein Vogel im Käfig vorkam. Auch wenn der Käfig aus Gold war, ich war nicht gewillt, damit länger zu leben.
13
"Kathy, bitte unternimm doch was." Ich war sauer, stinkesauer. Warum waren sie alle so zufrieden mit dieser Mauer. Das war kein Leben mehr. Hatte mein Vater nicht einst das Hausboot gekauft, weil es ein Leben in Freiheit symbolisierte? Waren wir nicht einst darauf aus, so frei zu sein, dass wir einfach ablegen konnten und wegschippern konnten, ohne auch nur umziehen zu müssen? Und nun war das alles dahin. Auch wenn wir schon lange nicht mehr mit dem Gedanken gespielt hatten, abzulegen, so war es doch immer noch eine Möglichkeit geblieben, die uns im Hinterkopf geblieben war. Und nun waren wir umgeben von einer Steinmauer, die uns vor bösen und gierigen Blicken schützen sollte. Ich wusste nicht, wie ich damit noch länger leben sollte. Ich wollte es nicht mehr und als ich an diesem Tag vor meiner Schwester in der Küche saß, brach ich plötzlich in Tränen aus.
"Es ist einfach zu viel. Es ist zu viel für mich. Ich halte das nicht mehr aus. Sie schreien nach mir, sie beten mich an. Und ich muss ihren Anforderungen gerecht werden, aber das kann ich nicht länger. Ich bin kein Gott, der stark genug ist, um immer perfekt zu handeln. Ich bin auch kein so guter Mensch, dass ich für sie Vorbild sein kann. Ich möchte sie nicht enttäuschen, aber genau das werde ich zwangsläufig tun, denn niemals kann ich all ihren Anforderungen gerecht werden. Es ist einfach zu viel!"
Kathy sah mich an, kam dann näher und legte mir beruhigend die Hand auf die Schulter. Zuerst sagte sie nichts, sah mich nur an und in ihren Augen standen die Fragezeichen. Mir war klar, dass sie mir nichts besonders aufmunterndes sagen konnte, denn auch sie war ratlos. Wir waren alle ratlos, verstanden nicht, was um uns herum passiert war und immer noch passierte. Ich wollte so einfach nicht mehr weiter leben. Es war kein Leben, wie ich es mir vorgestellt hatte, es war kein Sinn in alle dem, den ich verstehen konnte.
Eine Mauer, das war wie eine Grenze, eine Grenze zu dem Leben, dass ich gerne hätte und das nun verborgen hinter dieser Mauer dahinschwebte, unerreichbar und ohne Sinn schien alles geworden zu sein.
Ich weinte noch lange und selbst meine sonst so toughe Schwester Kathy fing an zu weinen. Sie machte sich Sorgen um ihren Sohn Sean, der in all dem Rummel aufwachsen würde. Wie sollte ein kleines Kind das verstehen?
Und schließlich griff mein Vater ein. Wir versammelten uns am nächsten freien Tag und mein Vater verkündete, dass wir eine Pause machen würden. Er hatte vor Monaten ein Haus in Irland gekauft, mehr noch, ein kleines Schloss. Dort würden wir hingehen und uns auf die faule Haut legen, fern ab von dem Rummel, der um uns herrschte. Es war das schönste Geschenk, was er uns machen konnte. Ich jubelte und all die Trauer und Angst waren vergessen. Als mein Vater auch noch verkündete, dass wir uns erst mal für ein dreiviertel Jahr niederlassen würden, da war mein Glück perfekt. Auch meine Geschwister freuten sich. Nur Patricia machte sich ein wenig Sorgen.
"Was werden die Fans sagen?", fragte sie vorsichtig. Aber mir war das egal. Sollten sie sagen, was sie wollten. Uns stand dieser Urlaub zu. Ich sprang auf und lief in meine Kajüte um meine Sachen zu packen. Ich wollte so früh wie möglich Abreisefertig sein. Mein kleiner Bruder Angelo sah mich fragend an und tippte sich an die Stirn.
"Du bist echt blöd. Meinst du etwa, das Konzert Morgen würde ausfallen? Davon träumst du nur. Wir werden frühestens nächste Woche abfahren. Oder fliegen, wie auch immer. Jedenfalls bleiben wir noch ein paar Tage und werden arbeiten."
Natürlich, das Konzert morgen. Ich hatte es in der Aufregung total vergessen.
Es würde das letzte Konzert für eine ganze Weile sein und ich wollte mich mehr anstrengen als ich es je getan hatte.
Am nächsten Tag wählte ich das auffälligste Outfit das ich finden konnte. Sie sollten mich alle in ihren Erinnerungen behalten, sollten mich vermissen und sich quälen, während ich in aller Ruhe meine Freizeit genoss.
"Paddy, gib dein Bestes", sagte meine Schwester Barby, aber das hätte sie mir gar nicht sagen brauchen. Ich gab so viel Power, wie schon lange nicht mehr und zwischendrin kam mir sogar der Gedanke, dass ich die Musik etwas vermissen würde. Die Musik, ja, aber nicht die Fans. Ich würde mich erholen. Meine Laune stieg ins Unermessliche und nicht nur ich, sondern auch die Fans waren außer Rand und Band...
14
Die Pause war erholsam, und sehr aufbauend. Ich beschäftigte mich mit dem christlichen Glauben und fand etwas, was mir einen Sinn gab und mich wieder hoffen ließ. Ich betete und ruhte mich aus, ich lernte die Langeweile kennen und wusste nun, was es heißt einen freien Tag zu haben.
Erst nach einer ganzen Weile griff ich wieder zu meiner Gitarre und bemerkte, wie viel Spaß mir die Musik doch macht. So beschlossen wir nach einem halben Jahr alle wieder, doch Konzerte zu geben. Wir stellten uns in die Fußgängerzonen und spielten für ein Publikum, dass nicht nach uns schrie und uns vergötterte. Manchmal schmissen uns die Passanten ein paar Geldstücke hin und wir kauften davon für Kathys Sohn Geschenke. Der freute sich immer tierisch und mir wurde klar, dass es viel wichtiger war eine heile Familie und ein glückliches Leben zu haben als all der Ruhm, den ich erlebt hatte. Am Ende waren wir so ausgebrannt gewesen, dass es nur noch eine Frage der Zeit gewesen wäre, und wir wären alle zusammengebrochen.
Ich sammelte so viel Kraft, dass ich übermütig durch das Haus lief und laut vor mich hin sang. Meine Geschwister lachten wieder und Barby fing wieder an zu malen.
Unser Leben glich einem perfekten Dasein und bald wurde mir aber klar, dass dies nicht alles sein kann. Wir hatten unseren Spaß, nun muss die Arbeit wieder her. Also reisten wir zurück nach Deutschland, aber nicht auf unser kleines Hausboot mit der Mauer. Mein Vater kaufte ein Schloss in Deutschland, mit einem großen Park, wo wir unsere Freiheiten hatten. Dort zogen wir uns nach den Konzerten zurück und warteten auf den nächsten Arbeitstag. Nach einer Weile, die wir nicht im Studio verbracht hatten, brachten wir auch schließlich wieder ein Album heraus und es zeugte von einer gewissen Reife. Ich war stolz wie schon lange nicht mehr und es machte mir Spaß das alles zu präsentieren und meine Werke vor anderen vorzustellen.
Und abends schlief ich zufrieden ein, im Einklang mit mir und mit der Welt, die mich so liebte, wie ich war.
Als Mensch, und als Künstler.
Dies ist noch lange nicht das
ENDE
meiner Geschichte, deswegen darf auf Fortsetzung gehofft werden.