Briefe, Briefe, Briefe

by Bambi

 

An einem trüben Herbsttag saß Barby in ihrem Zimmer auf Schloss Gymnich. Sie war umgeben von hunderten von Briefen. Die meisten davon waren geöffnet, ihr Vater hatte sie wohl schon gelesen. Also waren sie wohl nicht besonders. Auf einem Brief entdeckte sie jedoch ein blaues Blümchen und die Worte: "Bitte, bitte, lies nur Du den Brief, Barby! Es ist wichtig!" Das auf den Brief gemalte blaue Blümchen ließ den Kopf hängen. Barby sah daran, dass die Schreiberin sehr traurig sein musste. Sie öffnete den Brief und begann zu lesen:

Liebe Barby!!
Ich heiße Nina und bin 12 Jahre alt. Ich habe eine Sache zu erzählen, die ich niemand anders erzählen kann. Ich schäme mich zu sehr. So einmal in der Woche, manchmal auch öfter, kommt mein Vater in der Nacht in mein Zimmer. Er streichelt und küsst mich. Manchmal sagt er auch, dass er mich liebt und macht auch was Anderes. Ich finde das scheußlich. Es tut weh. Ich denke schon immer, dass ich nie einen Freund haben will, wenn der das Gleiche macht. Papa sagt, das ist normal und alle Väter machen das mit ihren Töchtern. Er macht das auch schon, so lange ich denken kann. Ich darf das keinem erzählen sagt er. Er sagt, wenn ich es Mama oder wem anders erzähle, dann macht er es noch schlimmer und öfter und außerdem will mich Mama dann nicht mehr haben und er bestraft mich anders. Macht Dein Vater das auch und wie fühlst Du Dich dabei?
Bitte, bitte antworte mir, wenn Du das gelesen hast. Sonst drehe ich ab, weil das so im Herzen und in der Seele weh tut. Manchmal denke ich, tot sein wäre besser.
Wenn Du antwortest, kannst Du ruhig ohne Angst schreiben. Mama und Papa arbeiten lange und ich guck in den Briefkasten, wenn die Schule aus ist.
Bitte, bitte hilf mir! So kriegt Papa das nämlich nie raus und ich werde nicht bestraft. Bitte, bitte hilf mir!
Liebe Grüße
Deine, Dich liebhabende Nina

Barby las den Brief noch einmal, faltete ihn zusammen und betrachtete ihn geschockt, nachdenklich und mit Tränen in ihren blauen Augen. Sie sah den Brief eindringlich an. Nur ein weißes Blatt. Musste sie denken. Aber was auf der anderen Seite steht... Sie konnte nicht verstehen, dass ein so kleines Mädchen schon von Kindesbeinen an so leiden musste. Nun rannen die Tränen wie Sturzbäche an ihren Wangen hinunter. Es klopfte. Sie fasste sich und forderte den vor der Tür stehenden Menschen auf, hereinzukommen. Es war Adam, der fragte: "Hey, Barby, wir wollten doch ein wenig einkaufen gehen. Hast du das vergessen? Ich warte seit einer Stunde."
"Sorry. Ich hab... Ich hatte nur ein wenig gelesen von der Fanpost." Adam hatte beim Hereinkommen noch bemerkt, wie seine Cousine einen Brief schnell in ihrer Rocktasche verschwinden ließ. "Na, was für Liebesbriefe waren es denn heute?" erkundigte er sich verschmitzt. "Schön wär's. Die kann man ja noch belächeln." "Willst du reden?" "Nein, Vertrauenssachen." "Gut." Sagte Adam. Er fand es schade, dass Barby nicht reden wollte.

Als die Beiden vom Einkaufen zurückkamen, sahen sie Patricia, Patrick, Joey und Kathy, die zum Haupttor gingen, vor dem die Fans standen. Sie wollten etwas plaudern, ein paar Autogramme geben. Doch die kreischten furchtbar. Durch das Gitter versuchten sie, die Kellys zu berühren und zogen stark an Patricks und Kathys Haaren. Das hatte Barby schon nicht mehr gesehen. Sie war sofort in die Sicherheit des Schlosses zurückgerannt. Patrick sagte kein Wort mehr, drehte sich um und rannte ins Schloss.

Nun saß Barby wieder im Zimmer und fühlte den Brief, der schwer wie eine Last wog, in ihrer Tasche. Sie trug ihn die ganze Zeit bei sich. Sie entschloss sich, diesem armen Mädchen zu antworten. Sie fing ungefähr 20 Briefe an, weil sie einfach nicht die rechten Worte fand. Den 21. Schickte sie so ab:

Liebe kleine Nina!!
Oh, als ich Deinen Brief las, da war ich so traurig. Ich verstehe nicht, dass so ein unschuldiges Mädchen wie Du leiden muss. Nein. Mein Vater macht das nicht und das ist auch nicht normal. Dein Vater sagt diese bösen Sachen nur, weil er keinen Ärger will. Er hat Angst vor Dir. Bitte, rede mit Deiner Mutter. Sie wird, nein, sie muss Dir glauben. Du bist doch ihr Kind!!!! Schmutzig musst Du Dich nicht fühlen. Du kannst doch nichts dafür!!! Außerdem bist Du auch nicht Schuld, ein kleines Kind kann nicht Schuld sein, weil es noch unschuldig ist. Du hast Deinem Vater nichts getan. Er mag nur Sachen, die kaum ein Anderer mag. Ich kann verstehen, dass Du Angst vor Jungen hast. Aber die meisten Jungen sind sehr lieb. Du wirst einen Richtigen finden, das glaube ich. Du bist doch nett und lieb. Später, wenn er Geduld mit Dir hatte, wirst Du seine Berührungen genießen und als Liebeszeichen sehen können. Ich finde noch, dass Du sehr, sehr mutig bist. Es ist nicht leicht, über so was zu reden weil die Menschen oft doof reagieren. Aber Du bist tapfer, Du meisterst Dein leben schon.
Ich wünsche Dir nur das Beste und wenn Du schreiben möchtest, dann tu das an dieselbe Adresse wie beim ersten Brief. Kennzeichne den Umschlag mit dem blauen Blümchen. Ich sage, dass solche Umschläge sofort an mich weitergegeben werden sollen.
With much love
Your Barby

In der Zwischenzeit saß auch Patricia an ihrem Schreibtisch. Sie war so deprimiert wegen der Fans, dass sie sich jemandem anvertrauen musste. Mit ihren Geschwistern im Schloss konnte sie derzeit nicht sprechen. Sie waren alle selbst noch zu geschockt und traurig. Besonders Patrick. Er hatte sich sofort ins Zimmer zurückgezogen und spielte lang auf seiner Gitarre. Er sang eine Melodie, probierte Textpassagen aus. Davon wollte Patricia ihrem Bruder Paul berichten. So schrieb auch sie einen Brief.

Hallo, Paul!
Na, wie geht es Dir? Mir sehr schlecht. Heute wollten wir ein wenig mit den Fans plaudern, ganz freiwillig. Da zerrten sie durch die Gitterstäbe des Tors an Patrick und Kathy herum, dass sie vor Schmerz die Gesichter verzogen. Patrick rannte sofort ins Zimmer und im Moment schreibt er ein Lied. Ich weiß nicht. Ich überlege die ganze Zeit, ob ich nicht von hier weggehen sollte, entgültig. Nach Irland oder Frankreich oder sonstwohin. Ich halte das nicht mehr aus. Wenn ich bei meinem Freund in Köln bin, stehen sie sogar vor seiner Wohnung. Das macht ihn auch ziemlich fertig, das kann ich Dir sagen. Ich fühle mich so leer, so ohne Lust auf alles. Mein Magen tut auch wieder weh. Dabei wollte ich doch übermorgen beim Konzert wieder mitspielen. Aber so... Die Fans machen mir große Angst.
Nimmst Du bald wieder eine CD auf? Dann sehen wir uns wieder öfter. Hoffentlich ist das bald!!
Gib Deiner Familie einen Kuss von mir!!
Ich liebe Euch
Patricia

Patricia fühlte sich besser, als sie den Brief unbemerkt von den gerade gehenden Fans in den Briefkasten steckte. Sie war sich sicher, in ein paar Tagen würde ihr Handy klingeln und Paul würde sie wirklich aufbauen, wie so oft schon.


(C) Written by Bambi in November 99
für alle, die Angst haben/hatten.. Es sei noch anzumerken, dass mir so etwas nicht passiert ist.... Ich hörte es nur so oft von vielen anderen Mädchen und das macht mich traurig....


© Bambi (Danke schön!)


Bar Letter

Last update: 27/09/2001

(Online since: 06/06/2001)


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