Vorwort:
Diese Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit und die junge Frau gibt es wirklich.
Es handelt sich hierbei zwar um keine richtige Kelly-Geschichte, dennoch kommen sie darin vor und ich denke, viele werden damit etwas anfangen können.
Eine junge Frau starrt aus ihrem Fenster in die dunkle Nacht.
Sie konnte nicht schlafen, zu viele Gedanken gingen ihr durch den Kopf, deshalb war sie wieder aufgestanden. Es hatte sie zum Fenster gezogen. Es war kurz vor Mitternacht...
Langsam erloschen die letzten Lichter hinter den anderen Fenstern. Die Welt schien zu schlafen und sie war die einzige, die keine Ruhe fand.
Oder gab es noch mehr einsame Menschen, die ebenso wie sie in ihrem stockfinsteren Zimmer saßen und ins Leere starrten?
Sie hatte viele Probleme, von denen niemand auch nur im geringsten etwas wusste. Sicher, sie hatte Freunde. Aber waren das überhaupt Freunde? Sie kannten ja nur die fröhliche Maske ihrer selbst. Aber wer sie wirklich war, dass wussten sie nicht. Das wusste niemand und das machte ihr Angst.
Wer wusste schon, dass sie in ihrer Kindheit missbraucht wurde und dass ihr Fahrschullehrer, der ihr Vater hätte sein können, nach der bestandenen Prüfung mit ihr angestoßen und als sie beide etwas zu viel getrunken hatten, er sie plötzlich bedrängte und sie küssen wollte?
Wer wusste schon, dass sie sich immer wieder zu dick und hässlich fühlte und sich daher einredete, dass dies der Grund dafür war, dass sie noch nie einen Freund hatte?
Wer wusste schon, dass sie sich nach Wärme, Geborgenheit und Zärtlichkeit sehnte, andererseits aber auch wahnsinnig Angst davor hatte?
Langsam verschwammen die Straßenlaternen und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Still kullerten sie über ihre erhitzten Wangen. Weinen?! Warum weinte sie? Durfte sie das? Sie galt doch immer als die "Starke" und "Unerschütterliche"! Hatte sie überhaupt schon mal jemand weinen gesehen? Wahrscheinlich nicht. Sie hatte sich immer gut unter Kontrolle und konnte ihre Gefühle gut überspielen.
Wer wusste schon, dass sie schlecht in der Schule war und so kurz vor dem Abschluss immer noch nicht wusste, was sie danach machen sollte?
Sie hatte Angst. Angst davor, zu versagen, Angst davor, niemals ihr eigenes Leben führen zu können und Angst davor, ohne Job und Ausbildung auf der Straße zu landen.
Sie hielt ihren Teddy fest im Arm und schmiegte sich an ihn. Wenigstens einer, der ihr Halt gab.
Wer wusste schon, dass ihre Oma vor sieben Jahren gestorben war und sie deren Tod immer noch nicht verkraftet hatte? Insgeheim machte sie sich Vorwürfe, dass sie seit Jahren nicht an ihrem Grab gewesen war, obwohl sie ihr zu Lebzeiten versprochen hatte, dass sie sie auf dem Friedhof besuchen kommen würde. Sie tat es aber nicht, weil sie Angst hatte, alleine hinzugehen.
Wer wusste schon, dass ihre Tante Krebs hatte und ihr nicht mehr zu helfen war? Sie wollte sie besuchen, aber sie hatte Angst, weil sie nicht wusste, was sie sagen, worüber sie sich mit ihr unterhalten sollte. Stattdessen dachte sie nun darüber nach, was ihre Tante gerade empfinden, woran sie gerade denken würde.
Und ihr fiel wieder diese berühmte "Was wäre wenn"-Frage ein: Was würdest du machen, wenn du nur noch einen Tag zu leben hättest?" Diese Frage versuchte sie schnell zu verdrängen, aber es wollte ihr nicht recht gelingen. Würde man nicht bereuen, dass man viele Sachen, die man sich vorgenommen hatte, nicht erreicht hatte? Würde man nicht feststellen, dass einem die Zeit davon liefe und dass man verschiedene Dinge nie wieder ausprobieren könnte? Würde man sich nicht fragen, wie die Freunde, Verwandten, Bekannten ohne einen weiterleben werden und nicht zuletzt, ob es nach dem Tod noch etwas anderes geben würde?
Wer wusste schon, dass sie sich über so etwas Gedanken machte und auch schon oft über ihren eigenen Tod nachgedacht hatte? Nein, sie hatte nie wirklich vor, sich umzubringen, aber daran gedacht hatte sie schon mal. Das war immer in diesen Momenten, wenn ihr – so wie jetzt – alles über den Kopf zu wachsen schien.
Sie stand am Fenster, blickte hinaus in die Ferne und wieder hinunter auf die Straße. Wie einfach wäre es doch; Fenster auf und........ Aber nein, sie wollte noch nicht sterben. Das Leben konnte ja nicht nur aus Sorgen bestehen. Sie wollte wissen, ob auf sie auch noch schöne Zeiten zukommen würden.
Wer wusste schon, dass sie über so etwas nachdachte?
Sie war Kelly-Fan. Aber nun fragte sie sich warum. Natürlich, sie mochte die Kellys und ihre Musik. Aber war da nicht noch mehr? Sie wollte es sich eigentlich nicht eingestehen, aber war es in gewisser Weise nicht nur Mittel zum Zweck? War das Fan-Sein nicht häufig eine Möglichkeit, in eine andere, eine heile Welt abzutauchen, die eigenen Probleme wenigstens für eine gewisse Zeit zu vergessen? Nicht mehr einsam zu sein, sondern eine Beschäftigung zu haben, wenn andere mit ihren Freunden durch die Gegend zogen und sie alleine zuhause saß? Was sollte sie denn ohne die Kellys mit ihrer ganzen Zeit anfangen?
Wer wusste überhaupt, dass sie Kelly-Fan war? Nur die wenigsten. Und das war auch gut so, fand sie. Aber führte sie dadurch nicht eine Art Doppelleben, indem sie ihre "Leidenschaft" für die Kellys verheimlichte?
Überhaupt, war nicht ihr gesamtes Leben ein einziges Versteckspiel? Wer seine Gefühle versteckt, kann auch nicht verletzt werden?! War es das, was sie sich als Schutzfunktion zueigen gemacht hatte? Und konnte das ewig so weiter gehen?
Sie drückte ihren Teddy noch fester an sich und atmete tief durch. Am Himmel blinkte ein einzelner Stern. Immer wenn sie einen einzelnen Stern sah, stellte sie sich vor, dass das ihre Oma wäre, dass sie sie von Zeit zu Zeit beobachtete und sie grüßte. Ihre Oma war immer ihr ein und alles gewesen. Dessen wurde sie sich aber erst so nach und nach bewusst, denn damals, als diese gestorben war, war sie noch zu klein gewesen, um begreifen zu können, was das für sie bedeutete. Ach, wie sie sich wünschte, ihre Oma nur noch ein Mal zu sehen, mit ihr zu sprechen und ihr zu zeigen, was so alles passiert ist nach ihrem Tod. Manchmal sang sie für sie von Heintje das Lied "Oma so lieb" , oder aber die "Capri-Fischer", das Lieblingslied ihrer Oma. Sie kam sich dabei immer ein bisschen albern vor, aber trotzdem tat sie es immer mal wieder und stellte sich vor, dass es ihre Oma vielleicht hören konnte.
Aber wer wusste schon, dass sie so etwas tat?
Wer wusste schon, wie sie wirklich war, wie sie wirklich fühlte und was sie wirklich dachte?
Wer wusste schon, wie sensibel sie war und wer sie wirklich war?
Wen kümmerte es überhaupt, was sie machte?
War sie nicht eine von vielen, die immer lustig war, immer gute Laune hatte, anderen bedingungslos half und immer ein aufbauendes, aufmunterndes Wort für andere hatte?
Aber wer half ihr? Wer war für sie da? Wer war sie? Wer kannte sie wirklich?
Und wieder kamen ihr viele Menschen so oberflächlich vor, vor allem machte sie sich neben ihren Problemen auch noch Gedanken über die Kelly Family und deren Fans. Da war einer immer schlauer als der andere und wusste immer besser, was die Kellys doch wirklich fühlten und wie sie wirklich waren. Wie lächerlich kam ihr das plötzlich vor. Ihre "Freunde" kannten die junge Frau nicht richtig, wie sollten denn dann wildfremde Menschen die Kellys und deren wahre Gefühle kennen können? Und überhaupt, gab es nicht noch wichtigere Dinge als die Kellys? Persönliche Dinge?
Die junge Frau stand auf. Es war spät geworden. Sanft legte sie erst ihren Teddy auf ihr Kopfkissen und legte sich schließlich selbst hin.
Wenigstens hatte sie ihren Teddy, dem sie zur Not alles erzählen konnte...
Sie schloss die Augen und drehte sich auf die Seite, aber schlafen konnte sie noch lange nicht. Dazu gab es noch viel zu viele Dinge, die ihr durch den Kopf gingen...
P.S. Für Feedback wäre ich euch dankbar.