Weihnachten

by Angel   angeljune79@yahoo.de

 

Patrick lag auf seinem Bett und war ganz in sein Buch vertieft, als sein Handy sich meldete. Er fluchte, weil es gerade an der Stelle richtig spannend wurde und wünschte sich, er hätte es ausgeschaltet. Doch jetzt, wo er schonmal gestört war, nahm er eben ab. "Ja?" "Paddy, ich bin's, Joey." Patrick dachte sich schon, was jetzt kommen würde. "Du, Tanja und ich haben heute abend doch diese Einladungen zur Kinopremiere in Hamburg..." Ja, er hatte richtig gedacht. "Und ich soll mal wieder den Babysitter spielen?" "Paddy, du bist doch der einzige ohne Freundin." Ja und, machte ihn das zum Depp der Nation? Zu dem, mit dem man alles machen kann? "Wenn ich aber heute abend etwas vorhabe?" "Du kannst es verschieben." Patrick verfluchte sich in dem Moment selber, weil den Anruf angenommen hatte, und genau wusste, dass er nicht nein sagen könne. "Und ich kann dich auch abholen..." "Nee, ich nehm' ein Taxi. Ist doch für dich auch passender, ne?!" "Danke. Du hast was gut bei mir!" Jaja, das sagen sie immer. Joey hatte aufgelegt.

Patrick rief sich ein Taxi und packte, bis es kam, noch ein paar Sachen ein, Schlafanzug, sein Buch, Discman, zwei CDs, seinen Teddy. Teddy? Ja, dieses uralte Teil, das er einst von seiner Mutter geschenkt bekam. Manchmal, wenn er daran roch, bildete er sich ein, noch immer den Geruch seiner Mutter zu riechen, die nun schon seit 18 Jahren tot war. Gitarre? Nein, davon stehen bei Joey genug herum. Nach nicht allzu langer Zeit war das Taxi in Siegburg.
Joey und Tanja waren schon abfahrbereit. Tanja bedankte sich noch kurz bei Patrick, Joey raunte ihm nur ein "hallo Brüderchen" zu. "Luke schläft seit einer Stunde. Du weißt ja, wo alles liegt", sprach sie und stieg in den Mercedes. Patrick inspizierte als erstes den Kühlschrank und die anderen Küchenschränke. Im Wohnzimmer fand er im "Alkoholschränkchen" die üblichen Flaschen: Whiskey, Wodka, Baileys, Bacardi, Malibu und was die Palette noch so hergibt. Wein und Bier gab es im Keller, das wusste er nur zur Genüge. Ob er sich besaufen sollte? Vielleicht lieber nicht, dann tanzen die Buchstaben... In der Küche schnappte er sich Orangensaft und einen Schokoriegel, verzog sich damit in einen weichen Sessel und schlug sein Buch auf. Doch kaum hatte er angefangen zu lesen, hörte er seinen Neffen.
Luke war ein halbes Jahr alt und eigentlich ein umgängliches Kind. Während Patrick ihn umhertrug, dachte er wie schon so oft darüber nach, wie es wäre, wenn das sein Kind wäre... er würde vieles anders machen als Joey und früher Kathy bei Sean... Aber er hatte ja noch Zeit, war er doch gerade erst 23 Jahre alt und hatte nichtmal eine feste Beziehung. Ab und zu ein kleines Abenteuer war drin, doch auf etwas wirklich Beständiges konnte und wollte er sich noch nicht einlassen. Der kleine Luke schien nichtmehr einschlafen zu wollen, stattdessen strahlte er seinen Onkel an. Das war Patrick gar nicht recht, er wollte doch so gern sein Buch zuendelesen...
Er hatte es sich bei seinem letzten Aufenthalt in Dublin gekauft, in diesem Buchladen, in dem dieses nette, rothaarige Mädchen arbeitete. Ein Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit, als er an Aileen dachte. Sie hatte zwar nicht die beste Figur und auch nicht ein makelloses Gesicht, aber Patrick fand sie sympathisch, weil sie wohl jedes Buch gelesen hatte, das auf dem irischen und englischen Markt erschienen war, zu jedem Buch etwas erzählen konnte, und das nie ohne Witz und Verstand. Aber als Freundin konnte er sie sich beim besten Willen nicht vorstellen.

"Hey Luke, sollen wir vielleicht spazieren gehen? Hä, was hältst du davon?" Es war Winter, also packte er den Kleinen dick ein und setzte ihn in den Buggy. Patrick selber zog Mütze und Schal an und hoffte inständig, dass sich in der näheren Umgebung keine Fans aufhielten; Joey machte zwar immer reichlich Terror, aber man kann ja nie wissen. Aber er schien Glück zu haben, auch als er drei Straßen weiter war, konnte er immer noch niemanden bemerken, der ihm folgte. Patrick wusste dieses Gefühl zu schätzen, er wurde richtiggehend euphorisch.
Er hauchte in die Luft und sah der kleinen, weißen Wolke zu, seiner Atemluft, die bei dieser klirrenden Kälte sichtbar wurde. Da es schon den ganzen Tag schneite, fing er an, Weihnachtslieder vor sich hinzuträllern. Weihnachten... er freute sich auf die Plätzchen, aber wer sollte sie ihm backen? Seine Schwester Maite, die das so gut konnte, lebte längst nicht mehr mit ihm unter einem Dach und hatte zudem bestimmt anderes im Hirn als ihrem großen Bruder Weihnachtskekse zu backen. Vielleicht könnte er Tanja überreden.
Als er so seinen Weihnachtsgedanken nachging, sah er von weitem eine junge Frau auf ein altes, rotes Auto zugehen. Er sah ihr dabei zu, wie sie den Schnee vom Türgriff wischte, mit der bloßen Hand, den Schlüssel in das Schloss steckte und versuchte, die Tür zu öffnen - vergeblich. Patrick lachte sie innerlich aus, er hatte nicht oft die Gelegenheit, fremde Menschen bei alltäglichen Missgeschicken zu beobachten. Die Frau rüttelte an der Tür, doch diese schien sich keinen Millimeter zu bewegen. Sie versuchte es ebenso erfolglos auf der Beifahrerseite, ihre Hände waren mittlerweile von der Kälte schon ganz rot. Sie stützte den Unterarm auf das Auto und legte ihren Kopf in die Ellbogenbeuge. In diesem Moment tat sie Patrick unheimlich leid, er konnte es kaum ertragen, andere Menschen unglücklich zu sehen, egal wie schlecht es ihm selber ging.
"Kann ich Ihnen helfen?" hörte er sich sagen. Sie blickte zu ihm auf und er sah in ihre tränennassen Augen. "Ich... habe heute mein erstes Weihnachtsessen in der neuen Firma... aber mein Auto lässt mich wohl im Stich..." Patrick ließ den Kinderwagen stehen und widmete sich der Fahrertür, und kaum zu glauben, schon beim zweiten Versuch gab sie nach und sprang auf. Die Frau lächelte, fasste in ihre Handtasche, zog eine kleine Tüte voller Weihnachtsplätzchen heraus und reichte sie Patrick. "Vielen Dank, hier, ich glaube, die kann Ihr Kind auch schon essen." Patrick musste lachen und gab zurück, es sei ‚nur' sein Neffe. Er blieb stehen und wartete, bis sie losgefahren war. Als er das Auto nicht mehr sah, riss er beinahe gierig die Tüte auf und steckte sich ein Plätzchen in den Mund. Während er darauf herumkaute, schloss er die Augen. Ja, so schmeckte Weihnachten.
Nach etwa einer Stunde, es dämmerte schon, kehrte Patrick zur Wohnung zurück. Luke schlief tief und fest und ließ sich auch nicht dadurch stören, dass sein Onkel ihn umzog und ins Bett beförderte. Auf ein Neues liess Patrick sich im Sessel nieder und schlug sein Buch auf. Diesmal wurde er sogar nicht unterbrochen, bis ihn die Müdigkeit übermannte und er langsam, aber sicher, eindöste. Er bekam es kaum mit, wie Joey und Tanja spät in der Nacht zurückkamen, gerade noch, dass Tanja ihm eine Decke brachte. Die Weihnachtskekse hatte er mittlerweile alle gefuttert.

Heilig Abend. Patrick beschloss kurzerhand, in den Dom zur Messe zur fahren. Natürlich hatte er Angst, dass wieder Fans dasein würden, aber er hoffte, dass sie wenigstens am Heiligen Abend Gnade zeigen würden. Während der Fahrt dachte er an den vorherigen Abend, sein Bruder Angelo hatte seinen 19. Geburtstag gefeiert und er, Patrick, war natürlich auch dagewesen. Eigentlich war es eine nette kleine Feier, wenn da nicht diese Freundin von Kira gewesen wäre, die ihn die ganze Zeit angemacht hatte. Sowas konnte er im Moment nicht vertragen. Es gab Alkohol in rauhen Mengen, der natürlich auch dementsprechend konsumiert wurde. Auch er selber war nicht ganz nüchtern geblieben.
Es dämmerte bereits, aber der Gottesdienst war noch in weiter Ferne. Patrick betrat das große gothische Kirchenschiff wie immer nicht ohne diese gewaltige Ehrfurcht, die ihn jedesmal ergriff, wenn er auch nur die Türme von weitem sah. Er hatte noch Zeit, viel Zeit und dieses gute Gefühl, niemanden im Rücken zu haben. Er ging eine Weile herum und sah sich die bunten Kirchenfenster an, suchte sich dann einen Platz in den Bänken und begann kniend vor sich hinzubeten. Vor allem bedachte er seiner Mutter, gerade an Weihnachten fühlte er sich ihr so nah. Er war so in sein Gebet vertieft, dass er es kaum wahrnahm, wie ihm die Tränen die Wangen herunterliefen.
Mit dem Einsetzen der Orgel erwachte er aus seinem tranceartigen Zustand. Schnell stand er auf und begann langsam, die Menschen um sich herum wahrzunehmen. Alte Frauen, Männer, Familien mit kleinen Kindern. In seiner näheren Umgebung sah Patrick nicht eine Person in etwa seinem Alter. War seine Generation so ungläubig? Materialistisch? Weihnachten nur der Geschenke wegen? Patrick wusste, dass er nicht viel bekommen würde. Verächtlich schüttelte er leicht den Kopf, als er daran dachte, was man ihm denn schon schenken könnte, wo er doch Geld genug hätte, um sich alles selber kaufen zu können. Liebe, ja, das wäre ein tolles Geschenk, das einzige, was man nicht kaufen konnte. Unbezahlbar.
"Vom Himmel hoch da komm' ich her" - Patrick schlug den Gotteslob auf und sang mit. Seine Stimme vereinte sich mit all den anderen Stimmen... er kannte das von den Konzerten, doch da war das Publikum so gleich. Hier, das war etwas anderes, eine andere Welt, eine andere Atmosphäre - eine andere Sphäre. Diese seltsame Ergriffenheit ließ ihn nicht los und nach "Stille Nacht" und dem Segen blieb er noch eine Weile sitzen, betrachtete das Flackern der Kerzenflammen und fror in seinem Mantel. Aber das war ihm egal. Zu Hause, wusste er, würde eh niemand auf ihn warten. Zu Hause - was war das doch gleich? Früher saß er an diesem besonderen Abend mit seinen Geschwistern und seinem Vater zusammen, sie lachten, sangen und waren eine Gemeinschaft für sich, heute war er einfach nur allein. Leise hörte man ihn seufzen.
Er wusste nicht, wie lange er dort gesessen war, als er schließlich beschloss, zu gehen. Langsam, gemächlich ging er zum Hauptportal. Eine kleine Falte bildete sich auf seiner Stirn, war er nicht der einzige hier, der den Heiligen Abend allein zu verbringen hatte? Ein Mädchen - oder eine junge Frau? - kniete betend, zitternd in einer Bank im hinteren Teil der Kirche, in dem es dunkler war als vorne. Ein langer, geflochtener Zopf fiel ihr in einer leichten S-Form über den Rücken. Patrick war fasziniert von diesem Anblick und blieb ein, zwei Minuten unschlüssig stehen. War es er, der auf sie zuging, oder war es eine höhere Macht, die ihn zu ihr gehen ließ? Er spürte den kalten Stoff ihres Mantels, das Zucken, das sie durchfuhr, sah die roten, verweinten, einsamen Augen, ein paar Strähnen, die sich aus dem Zopf gelöst hatten und das Gesicht umspielten, die blasse Haut - und er sah sich.
Langsam nahm er Platz, drückte ihr seine Hand ein wenig fester auf die Schulter. Sie setzte sich neben ihn, aber sie sahen sich nicht mehr an. Nach einer stummen Weile begann Patrick leise zu singen: "Silent night, Holy night, All is calm, All is bright, Round you virgin Mother and Child, Holy infant so tender and mild, Sleep in heavenly peace, Sleep in heavenly peace...." "Lass uns gehen." Die beiden verließen den Dom - draußen hatte es zu schneien begonnen. War das sein Geschenk?


© Angel

(Das ist echt schön!)

 

Santa Bar

Last update: 21/11/2004

(Online since: 04/12/2000)


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