Spiegel-Artikel
Dieser Artikel stand am 25.10.1999 im Spiegel Nr. 43:
FANS Ein Hauch von Woodstock Vor gut einem Jahr kaufte die Musikertruppe "The Kelly
Family" das Wasserschloß von Gymnich bei Köln - nun nerven Horden junger Mädchen die
Anwohner. Das Schloß steht, kaum zu sehen, hinter hohen Bäumen. Es ist
lausig kalt, doch sie versteht: Für ein Autogramm von Roy Black hätte die Frau
aus Ludwigshafen in ihren jungen Jahren ja schließlich auch "alles hergegeben".
Darum wartet Gisela Jäntsch jetzt mit ihrer Tochter Saskia, 15, geduldig auf der
Straße vor Gymnich. Die beiden hoffen, daß bald ein Mitglied der Kelly-Familie
herauskommt. Einen Stapel von Fotos haben sie mitgebracht. Und nach einem
Autogramm sehnt sich Saskia doch nun schon seit sechs Jahren. Christina, Sanne und Tina aus Esbjerg in Dänemark haben ihr
Zelt auf einer Wiese in der Nähe aufgeschlagen. In dicken Schlafsäcken trotzen
sie den eisigen Temperaturen. Die Eltern der 15- und 16-Jährigen glauben, sie
wären bei einer Freundin in Köln. Stattdessen hängen sie von morgens bis in die
Nacht vor dem Schloßeingang und hoffen darauf, auch nur mal einen schnellen
Blick auf einen der "Kels", wie Mitglieder der musizierenden Großfamilie mit
irischer Abstammung von ihren Fans genannt werden, werfen zu dürfen. Mädchen wie Saskia gibt es weit mehr, als den Bewohnern von
Erftstadt-Gymnich bei Köln lieb ist. Seit die Musiker das Anwesen im Sommer
vergangenen Jahres kauften, belagern Horden von Kelly-Fans die Einfahrt zum rund
800 Jahre alten Wasserschloß im Zentrum des 4000-Seelen-Ortes. Mangels Toiletten und Duschen verdrücken sich manche in die
Vorgärten der Anwohner. Die Fans, fast ausschließlich pubertierende Mädchen,
würden sich sogar auf dem Friedhof waschen, klagen Einheimische. Den Anblick von
halbnackten Mädchen vor seinem Haus, die sich im Auto umziehen und am Rinnstein
Katzenwäsche abhalten findet Anwohner Patrick Morgen manchmal zwar ganz nett.
Nur versteht er nicht, "was die Kids hier eigentlich wollen". Pickelige Kelly-Jüngerinnen mit Babyspeck werfen schmachtende
Blicke durch die hohen Eisengitter, die Musik der Gruppe wird auf mitgebrachten
Gitarren gezupft . ein Hauch von Woodstock liegt in der Luft. Gegen Abend braust
die männliche Dorfjugend mit aufgemotzten Autos vorbei, denn nirgendwo ist es
einfacher, ein Mädchen aufzugabeln. Im Regen, ja selbst bei Minusgraden hat Marianne Krome schon
Fans im Schlafsack vor dem Tor gesehen. Sie wohnt 20 Meter von der
Schloßeinfahrt entfernt und ist mit ihren Nerven am Ende. Ihre drei Kinder
können nachts nicht in Ruhe schlafen. Sie selbst ist wegen Schlaf- und
Konzentrationsstörungen in Behandlung. Ehemann Volker sucht seit Wochen einen Käufer für die
Doppelhaushälfte, die nach der Geburt des dritten Kindes zu klein geworden ist.
Beim Anblick des Girlie-Lagers vor der Tür winken aber alle Interessenten
dankend ab. Dabei lag das Haus einst in der besten Gegend des Ortes. Als
die Kromes dort einzogen, war gerade die englische Queen zu Gast auf Schloß
Gymnich. Baumeister Johann Balthasar Neumann soll das Barockschlößchen
auf den Überresten einer ehemaligen Ritterburg nebenher errichtet haben, während
er im nahen Brühl am prachtvollen Schloß Augustusburg arbeitete. Einer der letzten Eigentümer, Jörg Freiherr von Holzschuher.
Das Anwesen mit der roten Fassade war von 1971 bis 1990 an den Bund vermietet:
23 edel ausgestattete Suiten und ein 273 000 Quadratmeter großer Park, in dem
die ältesten Platane Deutschlands stehen sollen. Mit der Einweihung des
Gästehauses auf dem Petersberg, das näher an Bonn liegt, war es mit der
Herrlichkeit vorbei. Das schloß wechselte in schneller Folge die Besitzer. Bei einer Zwangsversteigerung griffen schließlich die Kellys
zu, die wegen ihres Hangs zu altertümlichen Gewändern schon mal als "singende
Altkleidersammlung" verspottet werden: Patriarch Daniel Jerome Kelly, der bei
Konzerten bis zu neun seiner Kinder auftreten läßt, erschien im Sommer letzten
Jahres im Brühler Amtsgericht und packte als Anzahlung gleich 1,3 Millionen Mark
auf den Tisch, der Gesamtpreis: 13,1 Millionen Mark. Seither ist das Schloß der Herren von Gymnich, die zur
Kreuzfahrerzeit an der Seite König Barbarossas gefochten haben, zum
Wallfahrtsort der Kelly-Gemeinde geworden. "Weil sie bei Konzerten keine
Autogramme geben, müssen wir einfach hierher kommen", erklärt Tania, 14. Das
Mädchen aus Aachen nutzte jeden Tag der zweiwöchigen Herbstferien, um nach
Gymnich zu pilgern. Immer wieder gerät die Anhängerschaft am Tor in Bewegung. "Ich
hab Paddy gesehen, er fährt auf dem Traktor", ruft eines der Mädchen, und schon
rennen alle zu dem Fleckchen am Zaun, von wo aus sich das Innere des Parks
erahnen läßt. Andere klettern in die Bäume, mit Ferngläsern und Fotoapparaten
bewaffnet . und werden von den irischen Bodyguards verscheucht. Einige Ältere
verfolgen die Kellys per Auto, um Autogramme zu ergattern. "Nach einem Fernsehauftritt in Saarbrücken habe ich mich direkt
hinter ihren Bus geklemmt" erzählt Sandra, 19, aus Kassel. An die Gefahr hat sie
dabei nicht gedacht, immer in der Hoffnung, "vielleicht muß einer aufs Klo und
sie halten an einer Raststätte an". Andere warten nicht das Ende von Konzerten ab, sondern
versuchen, vor ihren Idolen in Gymnich zu sein. "Eine regelrechte Rallye"
erlebte Anwohner Krome an solchen Tagen. Wer nach dem Grund ihrer Anbetung fragt, erntet bei den Fans fassungslose
Blicke: "Weil sie immer zusammenhalten", und "weil sie eine richtige
Familie sind", sind die häufigsten Antworten. Viele der Teenies, die da mit
verklärtem Blick die heile Welt beschwören, haben die Kellys zu ihrer Ersatzfamilie
gemacht, weil die eigene zerbrochen ist. "Meiner Mutter ist es völlig
egal, wo ich übernachte", erzählt die 15-jährige Maike aus Passau. "Hier gibt.
s süße Jungs", sagt das Mädchen strahlend, vor allem aber hat sie schon mit
"Kathy und Joey gesprochen", zweien aus der Kelly-Schar. Daß Kathy ihr bei dieser Gelegenheit ein "Verpiss dich!"
zugerufen habe, erzählt sie erst später. Sie versteht die zweitälteste
Kelly-Tochter ja, die mit Sohn auf dem Schloß wohnt: "Die Leute wollen doch auch
ihre Ruhe haben." "Kathy hat bestimmt nicht ,Verpiss dich. gesagt, die Kellys sind
nett zu uns Fans", mischt sich Birte aus Köln ein. Die 17-jährige weist sich
als Kelly-Expertin aus: "Ich habe alle ,Bravo. -Artikel gesamelt und war auf
fast allen Konzerten." Zum Beweis zieht sie drei dicke Fotoalben raus,
andächtiges Schweigen macht sich breit. Fotos einzelner Kellys werden zu zwei Mark das Stück gehandelt.
Fast alle Fans tragen dicke Alben mit sich herum . aber Birte hat sogar
Autogramme von Paddy, Maite, Joey und Kathy, die von den Anderen nun wie
Reliquien betrachtet werden. Abseits von den Mädchentrauben macht es sich Karl-Jürgen
Ludewig aus Duisburg auf einem Campingstuhl bequem. Tochter Angela, 16, hat sich
den Ausflug zu den Kellys mit einem Sieg im Cart-Rennen verdient. Auf dem Weg
nach Gymnich hat sie morgens bei Saturn in Köln auch noch ein andernorts
vergriffenes Video der Gruppe erstanden, während sich der Papa mit Westernsongs
eingedeckt hat. "Die Musik der Kellys", meint er, "ist nicht mein Fall. Aber
immer noch besser als dieser Rap-Krach." Außerdem sei er froh, daß sich seine
Angela eine Gruppe ausgesucht hat, die nicht durch Drogen und andere Exzesse
auffällt. Zudem sind Kelly-Fans treu . weit mehr als den Gymnichern lieb
ist. Als der Ansturm begann, suchte Ordnungsamtsleiter Adolf Bönsch Rat beim
Jugendamt. "Das geht vorüber", beruhigten ihn Kollegen und sollten sich damit
gewaltig irren. Dabei hätten die Erftstädter gewarnt sein können. Aus Köln war
die Mentalität der Fans längst bekannt. Die Kellys, die in den siebziger Jahren
als Straßenmusiker angefangen haben, bewohnten dort das Hausboot "Loreley" . und
ihre Fangemeinde campierte jahrelang vor dem Boot am Rheinufer. Zum Ärger der Gymnicher Stadtväter trägt bei, daß die Kellys,
die einen Jahresumsatz von 40 Millionen Mark machen, nur wenig Geld in der
finanziell arg gebeutelten Stadt lassen. Denn außer dem Vater ist kein Mitglied
des Clans in Erftstadt gemeldet, die Musikfirma Kel-Life sitzt in Köln. Die Verwaltung will daher jetzt den Nachweis führen, daß viele
Kellys in Wahrheit auf dem Schloß leben und daher dort steuerpflichtig sind.
"Auch Künstler müssen sich ordentlich anmelden", verlangt Bürgermeister
Ernst-Dieter Bösche. Einfach wird das nicht. "Eine Familie, die ihr ganzes Leben
lang gewandert ist, läßt sich nicht in unsere Normen pressen", sagt sein Kollege
Bönsch. 125 000 Mark gibt die Stadt im Jahr für die Kellys aus. Zwei
Halbtagskräfte wurden eingestellt, die dafür sorgen sollen, daß ab 22 Uhr Ruhe
vor dem Schloß einkehrt. Für die Fans wird zudem gerade das Gelände einer
ehemaligen Kläranlage mit Parkplätzen, Schlaf- und Waschcontainern hergerichtet.
Das sei "rausgeschmissenes Geld", fürchtet Volker Krome, "von da aus können die
Fans weder Schloß noch Einfahrt sehen, die werden weiter unsere Straße
belagern." Die Musikerfamilie lehnt es ab, sich um die Fans zu kümmern.
Auch den Wunsch der Nachbarn, nur noch an bestimmten Tagen Autogramme zu geben,
damit wenigstens in der übrigen Zeit Ruhe einkehrt, wollen die Musiker nicht
erfüllen. "Das lockt nur noch mehr Fans an", erklärt Kelly-Anwalt Claus Peter
Wagner. Den Ansturm empfindet er als "gar nicht so problematisch". Die Anwohner
von Fußballstadien müssen ja auch mit dem Trubel leben. Dem Gymnicher Patrick Morgen graut schon jetzt vor
der Weihnachtszeit: Am 26. Dezember geben die Kellys ein Konzert in Köln.
Dann werden wieder Fans aus ganz Europa anreisen. Viele, fürchtet Morgen,
"bleiben bis Silvester". Im vergangenen Jahr hatten die Kellys mit ihren Fans
lautstark ins neue Jahr gefeiert - für die Anwohner alles andere als ein
Vergnügen. BARBARA SCHMID
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