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Artikel über Joey im Stern
Stern (Ausgabe 29 vom 13.07.00) Wenn ein Musiker aus dem letzten Loch pfeift
Erst ein Konzert, dann ein brutaler Triathlon, dann ein Konzert als Zugabe: JOEY KELLY von der "Kelly Family" wollte mal testen, was ein Gitarrist wie er so drauf hat Joey kotzt. Zumindest versucht er's. Er steht am Wegrand, die Hände auf 'die mächtigen Oberschenkel gestützt, und röhrt wie ein wunder Hirsch. Es beutelt den Mann mit der Startnummer 1550, als er sich endlich erbricht. Viel ist es nicht, was sein Körper hergibt; ein wenig dünne, helle Flüssigkeit, das war es dann auch schon. Ein Konkurrent läuft an Joey Kelly vorbei und sagt mitfühlend; "Gott sei Dank sehen ihn die Fans jetzt nicht" Sonntagnachmittag, fünf nach fünf. Schweres Gewölk hängt über dem Rhein-Main-Donau-Kanal Noch achteinhalb Kilometer muss Joey Kelly laufen, dann ist er im Ziel des "Ironman Europe" in Roth. 3,8 Kilometer im Wasser, 180 auf dem Rad und 33,5 Kilometer zu Fuß hat er hinter sich. Nur noch dieser läppische Rest - aber Kelly ist am Ende. Zwei, drei Minuten würgt er, geht ein Stückchen, stellt sich von Neuem hin und versucht's erneut mit Kotzen. Doch der Körper gibt nichts mehr her. Irgendwann setzt sich Joey Kelly wieder in Trab. Schwer stampfen die Füße auf dem Schotter, die Arme schlenkern wild, der Zopfpendelt links und rechts und links und rechts. Glasig ist der Blick des Sportlers; der Mann reagiert nicht mehr auf Anfeuerung. Aber er muss das hier zu Ende bringen. Auch wenn es jetzt fürchterlich wehtut, der Weg noch so weit scheint. Und Joey sich so saumäßig müde fühlt. Selber schuld! Joey, Gitarrist und Sänger der "Kelly Family": durchlebt gerade wieder mal eines dieser Hardcore-Wochenenden, über die selbst seine Freunde nur noch den Kopfschütteln: Am Samstagvormittag reist er als Ehrengast zu einem Kindertriathlon im oberfränkischen Staffelstein; anschließend geht es zum Konzert ins 300 Kilometer entfernte Stuttgart; danach wieder nach Franken, wo er bei einem Freund übernachtet. Am nächsten Morgen klingelt der Wecker um vier, denn eineinhalb Stunden später muss sich der 27-Jährige in den Neoprenanzug zwängen und für den Start des ,Ironman" vorbereiten; nach dem Wettkampf wird er nicht mal Zeit zum Duschen haben. Um acht Uhr abends wartet die Familie auf der Freilichtbühne vor dem Kloster Banz auf ihn. Und weil Kelly ein pünktlicher Mensch ist, macht er auch jetzt keine Zicken. l ER LÄUFT UND LÄUFT UND LÄUFT - obwohl sein Körper rebelliert und er sich nur noch müde fühlt. Mit versteinertem Gesicht absolviert er die letzten Kilometer; tapst vom Kanalweg in den Wald; aus dem Wald in die Stadt; nähert sich der Zielgasse in Roth; läuft in die Menge, mitten hinein ins Gewühl hinter der Zielbanderole. Er stemmt die Hände in die Hüften - geschafft. Zehn Stunden 59 Minuten, das ist eine ordentliche Zeit. Jemand gibt ihm ein Bier, Jemand reicht ihm ein Handtuch, einer der Organisatoren umarmt ihn, ein Sprecher plärrt seinen Namen durchs Mikro. Und dann ist auch schon die erste Autogrammjägerin da. Kelly schreibt. Der Mann scheint endlos belastbar. Obwohl er von Termin zu Termin hastet, wirkt Joey Kelly gelassen. Er redet bedächtig, als hätte er alle Zeit der Welt. "Kein Problem", sagt er oft und tut sein Bestes, doch vorhandene Probleme aus der Welt zu schaffen. Er kümmert sich um Tourneedaten und Fotorechte, für ein paar Fans besorgt er Konzertkarten, den Autogrammsammlern ist er immer klaglos zu Willen. Und er wird als Feuerwehrmann der Familie gebraucht: Mitte vergangener Woche ist eine seiner Schwestern ausgerastet und hat auf dem Kofferraum eines Verehrerautos Dellen ins Blech gesteppt. Joey Kelly war zur Stelle, hat der Autobesitzerin 4000 Mark in die Hand gedrückt und die Sache geregelt. "Kein Problem" sagt Joey Kelly und hakt die Geschichte ab.
"Ich brauche diese zwei Leben. Es wäre langweilig, wenn ich nur Musik machen würde" Kelly über Extremsport neben den Tourneen Bisweilen könnte man den Eindruck gewinnen, Joey Kelly sei naiv. Er hat so seine Probleme mit der deutschen Sprache - da kommt Kommunikation über wesentliche Dinge des Lebens nur schleppend auf. Das ist vermutlich ganz in seinem Sinn. Joey Kelly macht die Angelegenheiten erst mal mit sich selber aus. "Ich musste mir vieles erkämpfen. Ab und zu habe ich dafür auch gelitten." Das Leben ist kein Selbstläufer. Vor dem Glück muss der Kampf stehen. Joey Kelly hat das in der Familie erlebt, die Jahrelang "durch Europa tingelte und sich bescheiden musste, ehe der Erfolg über dem Rudel zusammenschwappte. Er hat geahnt, "dass ich Härte brauche. Als die großen Tourneen begannen - ich war da 16, 17 -, habe ich .immer mit angepackt, wenn die Roadies aufbauten. Ich hätte das Zeug ja nicht schleppen müssen, doch ich brauchte dieses Gefühl, schwer zu arbeiten. Später habe ich Kampfsport betrieben. Das tat oft weh, aber es musste sein." Sport war wie ein Ventil. "In unserem Job balancierst du über einen verdammt schmalen Grat. Du gehst nicht morgens um acht ins Büro, kommst um fünf Uhr nachmittags heim - und das war's. In unserem Metier treiben sich die Leute gegenseitig immer wieder in den Grenzbereich." Er weiß, dass da oft eine künstliche Aufgeregtheit zelebriert wild. Und sie ist zerreibend, diese Aufgeregtheit Viele Kollegen kommen nicht mehr klar, weil sie ständig überdreht sind. Sind immer angespannt, weil hinter jeder Ecke die Fans lauern, überall irgendwelche Menschen mit Kameras rumlungern und regelmäßig neue Schlagzeilen über die Band hereinbrechen. Und auch nach den Konzerten ist an Ruhe nicht zu denken; das Adrenalin flutet durch den Körper, "du weißt nicht, wie du abschalten sollst". "Ich habe ziemlich früh begriffen, dass ich in Gefahr war. Entweder ich ließ mich gehen und würde saufen, koksen oder sonst was. Oder ich würde einen Weg finden, wie ich mein Gleichgewicht reguliere." Kampfsport war ein Weg. Wenn ein Trainingspartner ihm mit seinem Fußrist den Scheitel zog, dann hatte das was Authentisches. "Das tat höllisch weh, und niemand half mir. Ich musste ganz allein damit umgehen." Sein ehemaliger Kickboxtrainer leitet heute den Sicherheitsdienst während der Tournee. Er steht am Rand der Bühne und stöhnt "Manchmal sage ich ihm, ,ey, Joey, das ist zu viel', aber er hört ja gar nicht zu." Das war schon früher so. Joey ließ sich nicht dreinreden. "Die Koordination war nicht optimal", sagt der Trainer und legt dann die Hand aufs Herz. "Aber aufgegeben hat er nie. Er ist ein Kämpfer.Wenn er eine vor den Latz gekriegt hat, dann hat er erst recht gefightet. Uod jetzt, mit den Ausdauersachen, ist es das Gleiche. Du musst nur zu ihm sagen, dass er etwas nicht schafft - dann wird er es bestimmt machen." Man merkt Joey Kelly beim Konzert in Banz nicht an, dass sein Körper am Ende ist. Nur einmal, als er ein paar Stufen zur Bühnenrampe heruntersteigen muss, macht die Muskulatur nicht so recht mit, und er stakst unbeholfen durchs Rampenlicht. Ansonsten versieht er im Ensemble der Familie seinen Part mit gewohnter Präzision. Er tigert mit der Gitarre am Hals durch den kalten Regen auf der Freilichtbühne, hat eine starke Stimme und bringt die Mädchen zum Kreischen. Ist das derselbe Joey, der dreieinhalb Stunden zuvor wie ein Häufchen Elend am Kanal bei Roth stand? "Ich brauche diese zwei Leben" sagt er. "Es wäre langweilig, wenn ich nur Musik machen würde. Nach dem Sport genieße ich den Job auf der Bühne doppelt" KURZ VOR ZEHN UHR ABENDS. Immer noch pladdert der Regen auf die Bühne. Die Kellys haben ihre letzte Zugabe beendet. Nun werden sie gefeiert. Joey steht links außen. Er hebt den rechten Arm und ballt die Faust. Tagwerk abgeschlossen, nicht schlapp gemacht, allen alles bewiesen. Das sind die Momente, in denen er glücklich ist. Mittendrin, von allen geliebt. Und doch was Besonderes, nach einem ganz besonderen Wochenende. "Dafür", sagt er, "lohnt es sich zu kämpfen" DETLEF VEITEN (Danke an Magic Fairy!) |
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Last update: 18/07/00
(Online since: 18/07/00)